Zum Tod von Abbas Kiarostami Der Guru mit dem Kinderblick

Abbas Kiarostamis Filme fingen Grausamkeit und Komik gleichermaßen ein - der iranische Regisseur war eine Größe des Weltkinos. Seinen eigensinnigen Blick auf die Welt bewahrte er sich bis zum Ende.

Abbas Kiarostami
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Abbas Kiarostami


Er war ein Geistesfürst des Kinos, ein Poet und ein stolzer, meist mit strenger Sonnenbrille auftretender Künstler-Dandy. Insofern ist es nur gerecht, dass der Ruhm des iranischen Filmemachers Abbas Kiarostami über viele Jahre hin mit einer Liebeserklärung des ähnlich veranlagten Franzosen Jean-Luc Godard verknüpft war.

Dem Kino-Propheten Godard war nach der Besichtigung des Kiarostami-Films "Und das Leben geht weiter" in den Neunzigerjahren ein verwegener Satz herausgerutscht. Er lautete: "Das Kino fängt mit D. W. Griffith an und endet mit Abbas Kiarostami." In den Jahren danach hat Godard diesen Satz öffentlich abzuschwächen versucht. Egal: Abbas Kiarostami, der nun im Alter von 76 Jahren in Paris gestorben ist, genoss schon vor seinem Tod den Ruf eines inbrünstig verehrten Visionärs und cineastischen Großgelehrten.

Der Film "Und das Leben geht weiter" aus dem Jahr 1991 zeigt eine Autofahrt durch die iranische Provinz. Ein Mann brettert mit einem kleinen Jungen auf der Rückbank durch eine von einem Erdbeben zerrüttete Landschaft hinein, das Kind stellt neugierige Fragen und schläft irgendwann ein; als es erwacht, sieht man vor den Autoscheiben Menschen, die mit Schaufeln im Staub und in Haustrümmern wühlen, Rettungsautos, blühende Natur, eine weinende alte Frau. Manchmal erklingt iranische Musik, manchmal europäische Klassik, dann singt irgendwer ein lustiges Lied. Der Film zeigt auf brutal karge, direkte, bewusst auf alles Effekthascherische verzichtende Art derangierte Menschen in einer vom Donner der Natur gerührten Landschaft. Vermutlich bestand die Einzigartigkeit, das Genie und die Beschränkung des vielfach preisgekrönten Filmemachers Abbas Kiarostami in genau dieser Unbeirrtheit des Blicks, der wie aus Kinderaugen die Welt betrachtet - ihre Grausamkeit, ihre Komik und ihren Zauber.

Szene aus "Quer durch den Olivenhain" (1994): internationale Anerkennung
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Szene aus "Quer durch den Olivenhain" (1994): internationale Anerkennung

"Unglücklicherweise wurden seine Filme im Iran nicht viel gesehen", hat der iranische Regisseur Mohsen Makhmalbaf nun anlässlich von Kiarostamis Tod gesagt. Tatsächlich hat keiner von Kiarostamis dramaturgisch stets superschlichten Filmen je ein Massenpublikum erreicht; das war im Rest der Welt nicht anders als im Iran, wo er erst unter der Zensur des Schah-Regimes und dann unter der Zensur der Mullahs arbeitete. Ungeheure Wirkung hatten seine Filme trotzdem. Es ist nicht mal eine Übertreibung, dass Makhmalbaf nun von Kiarostami behauptet: "Er hat das Weltkino verändert." Filme wie "Quer durch den Olivenhain" von 1994 bescherten dem iranischen Kino eine internationale Anerkennung, von der andere Regisseure wie Makhmalbaf, Rafi Pitts oder Jafer Panahi bis heute profitieren.

Heitere Selbstmystifikation

Vor allem aber wurden diese Kiarostami-Werke von Kunstkino-Regisseuren aus aller Welt als Appelle zur Rückbesinnung auf eine cineastische Arte Povera verstanden. Manchmal wurde ihnen auch eine politische Botschaft unterstellt, wie 1997, als Kiarostami mit "Der Geschmack der Kirsche" die Goldene Palme in Cannes gewann. Im Film kurvt ein Mann, der beschlossen hat, sich umzubringen, durch Teherans Umland und bettelt alle möglichen Leute um ein bisschen Hilfestellung an.

Szene aus "Der Geschmack der Kirsche" (1997): Ironie als gestalterisches Prinzip
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Szene aus "Der Geschmack der Kirsche" (1997): Ironie als gestalterisches Prinzip

Abbas Kiarostami wuchs in Teheran als Sohn eines Freskenmalers auf, studierte Kunst, arbeitete als Verkehrspolizist, Illustrator und als Werbefilmer und drehte dann kurze didaktische Alltagsdokumentationen und Sketche für das 1969 gegründete, später legendäre iranische "Institut zur geistigen Förderung von Kindern und Jugendlichen". Im Grunde blieben auch seine Spielfilme immer Lehrfilme, weshalb es manche seiner Bewunderer erstaunte, dass der Filmemacher Kiarostami auch knappe, von japanischen Haikus inspirierte Gedichte schrieb. Der "New York Times"-Kritiker David Denby immerhin hat in einer monumentalen Essay-Huldigung an Kiarostami einmal bemerkt, dass "die Ironie das gestalterische Grundprizip seiner Filme" sei und die Freude am Unfug ihr tiefster Antrieb.

Kiarostami selbst entzog sich der fortschreitenden Glorifzierung durch berufene und unberufene Anhimmler seiner Kunst mit den Mitteln einer heiteren Selbstmystifikation. Bei Festival-Auftritten inszenierte er sich als philosophiekundiges Kino-Orakel, das sich unter anderem auf Nietzsche berief und kaum ergründliche Wahrheiten verkündete.

In seinen Werken verfiel er auf esoterischen Klimbim wie auf die fünf je fünfzehnminütigen Meerblick-Panoramen des Films "Five" aus dem Jahr 2004. Mit Juliette Binoche und französisch-italienischem Geld drehte er 2006 in Italien die verstrahlte Liebesgeschichte "Copie conforme", die auf Deutsch "Die Liebesfälscher" hieß. 2012 ließ er in Japan das ziemlich altväterliche Sexsehnsuchtsdrama "Like Someone in Love" folgen.

"Die Liebesfälscher" (2006): schwieriges Spätwerk
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"Die Liebesfälscher" (2006): schwieriges Spätwerk

Seinem Ruf als Großmeister und Weltweiser des Kinos konnte dieses Spätwerk nichts anhaben. In seiner Heimat setzte sich Kiarostami unverzagt für verfolgte und drangsalierte Kollegen ein, von den Cineasten der Welt ließ er sich tapfer mit Antonioni, Rossellini, Resnais und Bergman vergleichen.

Dabei zeigte jeder seiner Filme einen energischen, schroffen, von interessanten Obsessionen geprägten Eigensinn. "Mein Lieblingsdrehort ist das Auto", hat Kiarostami bei diversen Gelegenheiten bekannt - weil die ertragreichsten Charakterstudien für ihn die von Menschen seien, die sich weder gegenübersitzen noch gegenüberstehen. "Im Auto starrt man sich nicht an, kann höchstens kurze Blicke tauschen und ist doch an einem Ort der allergrößten Intimität."

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