Zum Tod von Marlon Brando Der Don tritt ab

Er war "Der Wilde", der Mann mit der "Faust im Nacken", der Mafia-Patriarch: Marlon Brando prägte das amerikanische und europäische Kino wie kein anderer Darsteller seiner Generation. Und wie kaum ein anderer Star genoss und hasste er seinen Ruhm gleichermaßen. Ein Blick zurück auf eine Legende wider Willen.

Von Daniel Haas


Schauspiel-Legende Brando (2001, nach einem Michael-Jackson-Konzert): Das Kino jahrzehntelang dominiert und provoziert
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Schauspiel-Legende Brando (2001, nach einem Michael-Jackson-Konzert): Das Kino jahrzehntelang dominiert und provoziert

"Man sitzt auf einem Haufen Zuckerwerk und setzt dicke Schichten von Kruste an", bekannte er in einem Gespräch mit Truman Capote, dem Starschriftsteller, der ihn im Jahr 1961 für den "New Yorker" porträtierte. Gemeint war der legendäre Ruhm, der den Schauspieler schon damals beschwerte und den er in koketter Weise gleichzeitig hasste und genoss.

Brando war tatsächlich ein Koloss, den sein eigener Mythos wie ein Panzer umschloss. Am Ende erschien er, buchstäblich zur Riesengestalt geworden, als mafioser fettleibiger Drahtzieher in "The Score" - seine letzte Rolle, in der er zur Karikatur seiner selbst zu werden schien. Den Regisseur des Films, Frank Oz, soll er bei den Dreharbeiten beharrlich als Miss Piggy verunglimpft haben, weshalb sein Filmpartner Robert DeNiro eine Zeitlang als Co-Regisseur einspringen musste.

Die Provokation gehörte zum Stilprinzip des jungen Wilden aus Omaha, Nebraska. Niemand wurde von ihr verschont, selbst Regisseur Elia Kazan nicht, dem er den Auftakt seiner Karriere verdankte. "Endstation Sehnsucht", Kazans Filmadaption von Tennessee Williams' gleichnamigem Stück, machte Brando zum Sexsymbol und Schauspielstar.

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Vom Jugendidol zum Mafia-Paten

"Vom schmierigen Polacken wirst du es eines Tages zum düsteren Dänen schaffen". soll Williams damals anerkennend gesagt haben, doch aus dem Jungdarsteller, der bevorzugt graue T-Shirts trug, weil sich der Schweiß darauf besser abzeichnete, wurde nicht Hamlet, sondern "Der Wilde", der Typ mit der "Faust im Nacken". Als Rebell und empfindsamer Brutalo avancierte Brando schnell zur Ikone einer revoltierenden Jugend; die Academy erkannte, überraschend fortschrittlich, die Zeichen der Zeit und zeichnete ihn mit einem Oscar aus.

Den Oscar bekam er noch ein zweites Mal, 1972, für seine Rolle als Don Corleone in Francis Ford Coppolas "Der Pate", und mit dem Bild des Mafia-Patriarchen verschmolz sein Image in untrennbarer Weise. Im nachhinein erscheint Brando als die einzig mögliche Besetzung für Corleone, dabei galt Steve McQueen als Wunschbesetzung der Produzenten.

Brando in "Der Wilde": Kino-Revoluzzer, Skandalfigur, Schauspielgott
DPA

Brando in "Der Wilde": Kino-Revoluzzer, Skandalfigur, Schauspielgott

Brandos Ruf war in den Siebzigern dazu so miserabel, dass man Probeaufnahmen verlangte und den Vorschuss strich. Den Oscar nahm er dann auch nicht selbst entgegen, sondern schickte die vermeintliche Squaw Satcheen Littlefeather zur Preisverleihung. Es sollte ein Statement sein zum Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern - und war vor allem eine Brando-typische Provokation.

Auch auf der Leinwand schockierte der Schauspieltitan weiterhin sein Publikum: "Der letzte Tango in Paris" brüskierte Zuschauer und begeisterte Rezensenten. Film-Großkritikerin Pauline Kael stellte die künstlerische Innovation des "Tangos" auf eine Stufe mit der Uraufführung von Strawinskys "Sacre du Printemps" - ein Vergleich, der auf die kreative Waghalsigkeit von sowohl Film als auch Musikstück abzielte und dem qualitätsbesessenen Schauspieler geschmeichelt haben muss.

Lebensdrama ohne Happy-End

Im "Tango" war Sex die Waffe, mit der man gegen bürgerliche Konventionen zu Felde zog, im Vietnam-Film "Apocalypse Now", der sieben Jahre später für Furore sorgte, war es Gewalt und ihre an die Grenzen des Erträglichen gehende Darstellung, die ästhetische und kulturelle Verabredungen über den Haufen warf. Brando spielte Oberst Kurtz, jenen irren Militärdespoten, der sich im kambodschanischen Dschungel ein Reich aus Sadismus und Kunstsinn errichtet. Die Kritik spricht bis heute von einem Naturschauspiel, und tatsächlich ist Brandos Gesicht, sein kahl rasierter Schädel zu einer Art überpersönlicher Chiffre geworden für die Abgründe des Menschen und seiner Kultur.

Aus der bestialischen Kommune des Obert Kurtz zog sich Brando auf sein Pazifik-Atoll Tetiaro zurück, durchlitt die Familientragödie, als sein Sohn Christian einen Mord beging, spendete Unsummen an die amerikanischen Indianer und sorgte weiter für Schlagzeilen mit einem Lebensstil, der ihn nicht nur medial, sondern auch körperlich zum Giganten werden ließ.

Am Ende wurde aus den großen Kinodramen eine Lebenstragödie: Der Schauspielgott der Sechziger, Siebziger und Achtziger verbrachte angeblich die letzten Jahre, hoch verschuldet, im Bett, angewiesen auf den Zuspruch weniger Freunde und eine karge Staatspension.

Dass er, der Dreharbeiten oft als "Zeitverschwendung" und Schauspielerei als "Lügengerüst" abkanzelte, sich die Mühe machte, seine Beerdigung minutiös vorzubereiten, zeugt von einer gewissen Selbstironie. Jack Nicholson soll die Trauergemeinde anführen, Michael Jackson ein paar Worte sagen, Brandos Asche wird zwischen den Palmen von Tetiaro verstreut. Und dann, wenn Marlon, der Don, ganz körperlos und unfassbar geworden ist, wird er auf der Leinwand umso deutlicher wieder in Erscheinung treten. Als einer der größten Schauspieler, die das Kino uns geschenkt hat.



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