Von Jan Feddersen
1987 war er, was Deutschland anbetrifft, auf dem Höhepunkt seines Ruhms angekommen. Damals, nur wenige Jahre vor dem Fall der Mauer, drehte er unter der Regie von Wim Wenders dessen melancholisches Opus "Der Himmel über Berlin". Peter Falk spielte sich selbst - in der Rolle des Peter Falk, der allerdings hierzulande nur selten als ein anderer wahrgenommen wurde denn als Inspektor Columbo.
Er wurde abseits der Dreharbeiten im noch geteilten Berlin auf der Straße erkannt und mit "Hey, Inspektor Columbo" angesprochen: Falk, keineswegs ein Schauspielkollege, der für dauerfreundliche Umgangsformen bekannt gewesen wäre, fühlte sich geschmeichelt und grüßte eher scheu, aber deutlich zurück.
Er hatte sich diese Präsenz in der eigenen Legende hart erarbeitet: Columbo, das war eine im TV-Krimigewerbe unwahrscheinliche Type. Ende der sechziger bis Ende der siebziger Jahre dominierte im Kino ein Mann wie James Bond das männlich-weltläufige Profil eines Agenten; im Fernsehen waren es eher die Gentleman- oder postpubertären Exemplare, die Mord und Totschlag klärten, etwa Quincy oder Magnum, gespielt von Jack Klugman und Tom Selleck. Der eine ein Arzt, der andere ein Hawaii-Hemden-tragender Detektiv, der eher spielerisch seinen Fällen zu Leibe rückte.
Männer wie Columbo gab es bis dahin keine - Polizisten, die nicht markig-strahlend alles von der ersten Minuten im Griff haben, sondern mit den Waffen des Scheinnaiven den Tätern und Täterinnen näher kommen.
Mit dem Charme des Ahnungslosen
Die Rolle des Columbo, die Peter Falk wesentlich mit entwickelte, war anders als alle anderen gestrickt: Der Inspektor, der im telegensten Trenchcoat aller Zeiten agierte, wirkte während der gesamten Ermittlungszeit, als kapierte er nichts, als sei er zu blöd, um selbst die offenkundigste Spur zu lesen. Selbst die Fragen, die Columbo während seiner Arbeit stellte, hatten den Charme des Ahnungslosen: Erst am Ende stellte sich heraus, dass niemand so wach alle Indizien zusammenzusetzen wusste wie eben dieser Inspektor.
Falk spielte diese Figur in 35 Jahren 69-mal auf geniale Weise: Seine schlurfenden Bewegungen, seine trägen Blicke, die auch deshalb besonders wirkten, weil sein rechtes Auge eines aus Glas war und natürlich immer starr blieb, obendrein die ewig qualmenden Zigarren - das alles hatte eine Präsenz der Unmöglichkeit, die für das zunächst US-amerikanische, dann für eine Zuschauerschaft bis in Iran höchst einladend wirkte: So einer könnte der Nachbar sein, unauffällig, deutlich ohne Glanz - und gerade deshalb extrastrahlend in den Minuten der Aufklärung.
Falk spielte diesen Columbo, als sei er die Figur selbst: kein Wunder, dass Wim Wenders ihn, den Schauspieler, unter Klarnamen besetzte. Ein Bühnenarbeiter, der in jeder Rolle immer er selbst blieb und deshalb alle Facetten eines Charakters ausarbeiten konnte.
Falk wurde am 16. September 1927 in New York City geboren. Mit seinen Eltern, russisch-polnischer Herkunft, wuchs er im Armenviertel von Little Italy, später in der berüchtigten Bronx und am Hudson in der Nähe des Gefängnisses Sing Sing auf. Aus der jüdischen Tradition seiner Vorfahren machte Falk sich nichts, die Bar-Mizwa, so erzählte er, sei das Letzte gewesen, das für ihn jüdisch gewesen sei - mehr Religion habe ihn im Leben nicht interessiert.
Auftragskiller und Bauarbeiter
Zu dem, was ihn berühmt machte, die Schauspielerei, fand er erst spät - womöglich wäre er beim CIA gelandet, wenn er sich nicht als Jungerwachsener einige Zeit im sozialistischen Jugoslawien aufgehalten hatte: in der Heimat seiner Vorfahren. Der Geheimdienst wollte ihn nicht; es war die Zeit der hysterischen McCarthy-Ära. Falk landete schließlich im darstellenden Gewerbe.
Hauptrollen bekam er zunächst nicht - aber häufig die wichtigen, schauspielerisch relevanten Parts gleich hinter den Stars. 1958 debütierte er im Film "Sumpf unter den Füßen", 1960 in der Rolle eines Auftragskillers in "Unterwelt", im Jahr darauf "Die unteren Zehntausend" - bis hin zu seiner cineastisch wertvollsten Besetzung in "Eine Frau unter Einfluss" mit Gena Rowlands in der Regie von John Cassavetes. Darin spielte er den eher groben und zugleich ratlosen Bauarbeiter Nick Longhetti, der hilflos auf seine depressive Frau Mabel reagiert. Eine amerikanische Variante dessen, was zur gleichen Zeit Ingmar Bergman erarbeitete - nur düsterer und beklemmender.
Die Rolle des Columbo hingegen war sein populärstes Ding, seine Eintrittskarte in die Hall of Fame der Fernsehlegenden. Mit ihm gewann Falk eine Fülle von Preisen, Emmys und den Golden Globe, den er 1972 für eben diesen ungewöhnlichen Detektiv erhielt. Und sehr oft war er in seinen Rollen rauchend zu sehen. Falk begründete das cool: Er rauche nun einmal gerne - und, klar, er könne alle verstehen, die sich durch Nikotinschwaden belästigt fühlten, aber die Züge von Gesundheitswahn, die sein Land ergriffen, die stimmten ihn skeptisch.
Wider das Eiferertum der Nichtraucher
In einem Interview sagte er: "Ich wünschte, sie wären nicht so eifernd", diese Menschen, die es auf Raucher absehen. "Du kannst dir eine Zigarette im Grand Canyon anstecken, und zwölf Meilen entfernt sagt dir eine Stimme: 'Mach sie aus! Ich bin gegen Rauch allergisch.'" Das sei doch empörend, fand Falk - da ging es doch gar nicht mehr um Gesundheit, sondern um Eiferertum.
Auch für solche Eigensinnigkeiten, die sich der gesundheitspolitischen Korrektheit entzogen, wurde er geliebt - Falk blieb bis zu seinem Lebensende einer der beliebtesten Schauspieler seines Landes.
2008 wurde bekannt, dass Falk unter Alzheimer leidet; mehr und mehr verlor er das Bewusstsein für die Wirklichkeit jenseits seiner Krankheit. Am Donnerstagabend starb Peter Falk im Kreise seiner Familie 83-jährig in Beverly Hills. Zur genauen Todesursache wurde nichts bekannt.
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