Zum Tode Bernd Eichingers: Tycoon in Turnschuhen

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Großträumer, Geschäftsmann, Gemütsmensch: Mit seinem donnernden Gebaren trieb Bernd Eichinger das deutsche Kino an - und schenkte ihm bildungsbeflissene und bildersatte Blockbuster wie "Christiane F." oder "Das Parfüm". Nun starb der geniale Wüterich mit 61 Jahren in Los Angeles.

In der deutschen Filmbranche gab es keinen, der nicht eine klare Haltung zu ihm hatte. Entweder man liebte oder man fürchtete ihn, so einfach war das. Wenn Bernd Eichinger ein Filmset oder ein Studio betrat, dann soll die Luft vor Gestaltungswut und Meinungsmut vibriert haben.

Die Regisseurin Doris Dörrie hat die Gewitterwolke Eichinger auf dem eigenen Set erlebt und schrieb anlässlich der Verleihung des Ehrenpreises der Deutschen Filmakademie im vergangenen Jahr eine wunderbar dialektische Liebeserklärung: Sicher, er sei "der Übervater, der Kommerzkönig, der tyrannische Tycoon". Aber eben einer, der seinem Gegenüber ständig Haltung abverlange und es, wenn auch manchmal mit etwas Verspätung, zu neuen Höhen treibe.

Wer also vom einzigen wahren Filmmogul in diesem Land nicht niedergeweht wurde, den ließ er wachsen. Und zwar in den zuweilen etwas trostlosen Himmel über Deutschland, den er in seinen 40 Jahren im Filmgeschäft mit allen Mitteln auf Hollywood-Format zu spannen versuchte. Wenn es hier heute so etwas wie ein Starsystem gibt, dann hat Bernd Eichinger alle wichtigen Protagonisten eingespeist: Ob Nina Hoss oder Corinna Harfouch, ob Til Schweiger oder Moritz Bleibtreu - ihnen allen verlieh er eine hierzulande seltene Strahlkraft.

Der ewige Tempomacher und Turnschuhträger

Kunst ohne kommerzielles Potential hielt Eichinger, der Großträumer und Geschäftsmann in einer Person war, eben für vergeudete Liebesmüh. Den finanziellen Faktor machte er zum wichtigen, wenn auch längst nicht einzigen Handlungsantrieb: Gnadenlos sein Abrechnungsmodus - vor allem sich selbst gegenüber. Als er 1999 für die kunstwillige Helmut-Krausser-Verfilmung "Der große Bagarozy" eine seiner raren Regiearbeiten ablieferte, kam dabei genau das heraus, was er am meisten verachtete: ein Kassenflop. Konsequenterweise verbot er sich fortan, je wieder auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen.

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Bernd Eichinger: Ganz großes Kino
Dabei kommt er eigentlich genau aus diesem Fach: Von 1970 bis 1973 absolvierte er an der neugegründeten Münchner Hochschule für Fernsehen und Film eine Regieausbildung. Neben ersten eigenen inszenatorischen Gehversuchen widmete er sich allerdings bald mehr dem Eintreiben von Geldern, um die ersten Arbeiten seiner jungen Kommilitonen umsetzen lassen zu können - darunter später berühmte Autorenfilmer wie Wim Wenders, Edgar Reitz oder Alexander Kluge.

Doch mochten diese Werke des Neuen Deutschen Films auch bei der nationalen und bald auch internationalen Kritik gefeiert werden - dass sie in Wahrheit meist ein eher kleines Publikum anzogen, wurmte den ewigen Tempomacher und Turnschuhträger Eichinger. Weil er aber als Produzent von Filmen wie Wenders' "Falsche Bewegung" (1974), Reitz' "Stunde Null" (1976) oder Wolfgang Petersens "Die Konsequenz" (1977) durchaus ein wenig Kleingeld eingesammelt hatte, war er 1979 in der Lage, 25 Prozent der angeschlagenen Verleihfirma Constantin zu erwerben, die er in Neue Constantin umbenannte und als geschäftsführender Gesellschafter komplett umkrempelte.

Blockbuster made in Germany

So schuf er sich die unternehmerische Basis, um analog zum in jenen Tagen sich rapide verändernden amerikanischen Kino ein eigenes deutsches Blockbustersystem zu entwickeln. Dabei war er so schlau, das US-Erfolgsmodell nicht einfach zu kopieren, sondern deutschen respektive europäischen Bedürfnissen anzupassen: Wo es in Hollywood um Action und Witz ging, da setzte Eichinger auf die Bebilderung literarischer Hits oder er lieferte breit goutierbare gesellschaftspolitische Brisanz.

Drücken wir es mal so aus: Amerika hatte 1981 "Jäger des Verlorenen Schatzes", Deutschland "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Sechs Millionen Mark kostete die Bestsellerverfilmung, 36 Millionen spielte sie wieder ein. Der Film wurde zum bis dahin erfolgreichsten Film der Nachkriegsgeschichte - und dieser Erfolg zur Messlatte für Eichingers künftige Projekte.

Geradezu manisch trieb er seitdem die Strategie voran, Buchschlager in Kinoschlager zu verwandeln - und das mit Etats, die zuweilen durchaus in Hollywood-Größe lagen. 1984 wurde so für sagenhafte 60 Millionen Mark Michael Endes Hymne an die Phantasie, "Die unendliche Geschichte", zum schauwertträchtigen Kuschelmonsterspektakel; zwei Jahre später wuppte man ebenso erfolgreich unter Eichingers Leitung Umberto Ecos "Der Name der Rose" als eine Art europäisches Großbauprojekt.

"Ich atme Film."

Ein Coup, den der Mogul von inzwischen europäischer Größe produktionstechnisch 2006 mit "Das Parfüm - Die Geschichte eines Mörders" wiederholte, für das er Patrick Süskinds als unverfilmbar geltende Bestsellervorlage mithilfe des Regisseurs Tom Tykwer in einen wahren Bilderrausch verwandelte. Wer Eichinger für einen Strategen mit Rechenschieber hält, dem sei in diesem Zusammenhang noch mal erzählt, wie er sich um die Buchrechte bemühte: 15 Jahre lang ist er Süskind in München angeblich hinterhergerannt, am Ende soll er zehn Millionen Euro alleine für dessen Einwilligen gezahlt haben.

Leider führte nicht jeder Begeisterungssturm über das jeweils angesagte europäische Literaturwunderkind zu exzellenten Ergebnissen: So ließ Eichinger 2006 Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" unter der Spielleitung von Oskar Röhler in eine Klamauk-Ruine verwandeln, die eher an typische Constantin-Gags wie "Der bewegte Mann" oder "Das Superweib" als an den französischen Metaphysikschocker des frühen Jahrtausends erinnerte.

Trotzdem verfolgte Eichinger unbeirrt seine Vision eines gleichermaßen bildgewaltigen wie bildungssatten deutschen Blockbusterkinos. Bald war er bei jedem wichtigen Projekt auch als Drehbuchautor am Start, etwa bei der Nazi-Dämmerung "Der Untergang" (2004) oder dem "Baader Meinhof Komplex" (2008), einem Versuch, die Geschichte der RAF nachgewachsenen Teenager in Form eines Hit-und-Run-Actionparcours zu vermitteln.

Unglaublich, wie dieser immer houchtourig sprechende, agierende und kämpfende Mann für seine Projekte brannte. Erst vor kurzem hat er die Rechte an der Autobiografie von Natascha Kampusch erworben: 3096 Tage in klaustrophobischer Geiselhaft, daraus wollte Eichinger großes Kino machen. Am Montagabend starb er mitten in der Arbeit am Drehbuch in seinem zweiten Zuhause Los Angeles mit 61 Jahren an einem Herzinfarkt.

Anfang des vergangenen Jahres hatte Bernd Eichinger noch dem SPIEGEL in einem Interview erklärt: "Ich atme Film. Ohne Film würde ich aufhören zu existieren." Ohne ihn nun, den großen Wüterich und Weltenerschaffer, wird der deutsche Film in seiner bisherigen Form aufhören zu existieren.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Stupid german money
Chrysop, 26.01.2011
Zitat von sysopGroßträumer, Geschäftsmann, Gewitterwolke: Mit seinem donnernden Gebaren trieb er das deutsche Kino an - und schenkte ihm bildungsbeflissene und bildersatte Blockbuster wie "Christiane F." oder "Das Parfüm". Am Montag starb der geniale Wüterich Bernd Eichinger mit 61 Jahren in Los Angeles. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,741629,00.html
Mit Eichinger stirbt wohl auch entgültig die Ära des "stupid german money", dem Film aus Hollywood kann das eigentlich nur gut tun.
2. Jeden erwischt es einmal...
gugugy 26.01.2011
... und ich hatte schon geargwöhnt, das Essen sei möglicherweise zu fettreich für ihn gewesen, für einen, dem man seine Rolle als Risikopatient nicht abstreiten konnte. Nun lese ich in diesem Artikel, dass es seine letzte Drehbucharbeit gewesen sein könnte, die ihn gestresst hat und die sein Herz nicht mehr verkraftet hat. Tragisch! Warum musste er sich denn auch mit einer österreichischen Tragödie beschäftigen. Reichte der "Untergang" nicht?
3. trauer_ein ganz grosser
deepocean 26.01.2011
Zitat von sysopGroßträumer, Geschäftsmann, Gewitterwolke: Mit seinem donnernden Gebaren trieb er das deutsche Kino an - und schenkte ihm bildungsbeflissene und bildersatte Blockbuster wie "Christiane F." oder "Das Parfüm". Am Montag starb der geniale Wüterich Bernd Eichinger mit 61 Jahren in Los Angeles. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,741629,00.html
habe gerade die nachricht hier gelesen; trauer; ein ganz grosser hat uns verlassen... grosses kino made in germany ; keine frage: Bernd Eichinger hinterlässt eine Lücke, einen Krater... müssig sich zu überlegen ob und wer sie schliessen kann...letzte klappe für einen ganz grossen... PS: Danke Spiegel für diesen würdigen Nachruf!
4. Bon Voyage Mr. Eichinger.
andreasoberholz 26.01.2011
Zitat von sysopGroßträumer, Geschäftsmann, Gewitterwolke: Mit seinem donnernden Gebaren trieb er das deutsche Kino an - und schenkte ihm bildungsbeflissene und bildersatte Blockbuster wie "Christiane F." oder "Das Parfüm". Am Montag starb der geniale Wüterich Bernd Eichinger mit 61 Jahren in Los Angeles. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,741629,00.html
Sehr schade das solche "Macher" so früh gehen müssen. Unsere Politiker würden nicht einer Sache beharrlich 15 Jahre Nachlaufen nur um einen Vertrag zu schließen, oder die Rentenkasse zu Retten. Mein Respekt Herr Eichinger wo immer Sie auch sein mögen. Bon Voyage
5. Bye
rocknruelps 26.01.2011
Tja, Bernte, wer Gewitter spielt, wird vor der Zeit vom Blitz getroffen. Wahrscheinlich hat der Herrgott deinen Bushido-Film gesehen. Nüscht für unjut. Warn ja auch viele schöne Filme dabei. Ruhe in Frieden, du Rabauke.
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