Von Christian Buß
Was einen großen Produzenten ausmacht? Er muss die Imaginationskraft besitzen, um neue Welten zu erschaffen, und die Leidensfähigkeit, diese Welten in sich zusammenstürzen zu sehen. Mehr als einmal hat Dino De Laurentiis die Trümmer seiner Träume zusammenfegt, um daraus neue Imperien zu bauen.
Sein größter Weltentwurf war zweifellos die Errichtung einer eigenen Filmstadt: 1962 kaufte er ein Stück Land nahe Rom, um darauf ein Studio zu errichten, mit dem er in direkte Konkurrenz zur legendären Cinecittà trat, jener einst von Mussolini gegründeten Kinomanufaktur, die in den Fünfzigern zu einer der effizientesten Filmwerkstätten der Welt gewachsen war.
Im besten römischen Imperatorenstil nannte der recht kurz gewachsene De Laurentiis seine neue Stadt denn auch Dinocittà. Der kleine Kaiser ließ darin den wilden John Huston unter hohem Material- und Menschenverschleiß das dreistündige Religionsepos "Die Bibel" (1966) drehen und Roger Vadim die erotische Sci-Fi-Phantasie "Barbarella" (1968) mit Jane Fonda.
Doch trotz solcher Hits verlor De Laurentiis immer mehr Geld mit seiner Dinocittà, so dass er in den Siebzigern einen Neuanfang in den USA wagte, wo er zu einem der mächtigsten unabhängigen Produzenten avancierte. Jeder Pleite folgte bei dem Italiener ein neuer Paukenschlag. Durchhaltevermögen, Rechenkunst und Hybris gingen bei ihm eine seltene Mischung ein.
Realismus mit Glamourfaktor
Hätte er auf seinen Vater gehört, einem Nudelproduzenten aus Torre Annunziata nahe Neapel, wäre der junge Agostino De Laurentiis Handelsvertreter in Sachen Pasta geworden. Doch er gab sich lieber den Namen Dino, kombinierte seinen mittelständischen Realitätssinn mit einem in unzähligen Stummfilmvorführungen angespornten Phantasiewillen und wählte zunächst den für einen Nudelfabrikantensohn eher ungewöhnlichen Beruf des Schauspielers. Nach einigen Filmen erkannte er jedoch, dass er nicht zu den erfolgreichsten Darstellern gehören würde, und entwickelte schließlich die geschäftliche Seite des Films zu seinem Metier.
Schon 1949, da war er gerade 30 Jahre alt geworden, hatte er seinen ersten Welthit: Giuseppe de Santis "Bitterer Reis", ein Meisterwerk des italienischen Neo-Realismus, das soziales Engagement mit einem gewissen Glamourfaktor kombinierte. Während es um die Ausbeutung auf den Reisfeldern in der Po-Ebene ging, tropfte die Leidenschaft geradezu von der Leinwand. Was vor allem dem Ex-Model Silvana Mangano zu verdanken ist, die De Laurentiis mit kunstvoll geknoteter Bluse im kniehohen Wasser postierte. Ein Star war geboren - und mit ihm ein Star-Macher.
Die Hauptdarstellerin nahm der Produzent zur Frau, die Einnahmen des Filmes nahm er, um weitere Werke zu produzieren, die das italienische Kino zu dem besten der damaligen Zeit machten: etwa Roberto Rossellinis "Europa '51" (1952), Luigi Zampas "Die freudlose Straße" (1954) oder René Clements "Heiße Küste" (1958). Federico Fellinis "La Strada" (1954) wurde 1957 mit dem Oscar ausgezeichnet, im Jahr darauf dann "Nächte der Cabiria" - beide von De Laurentiis produziert.
Immer wieder arbeitete De Laurentiis dabei mit amerikanischen Regisseuren und Schauspielern zusammen; das war nichts Ungewöhnliches zu jener Zeit, schließlich stand die italienische Kinoindustrie in einem guten Ruf, Hollywood ließ sich gerne aus der Cinecittà zuliefern oder drehte gleich ganze Filme dort. So zeichnete De Laurentiis für Monumentalwerke wie King Vidors "Krieg und Frieden" (1956) oder Richard Fleischers "Barabbas" (1961) verantwortlich.
Geld war da, um es zu verprassen
De Laurentiis war schon früh international vernetzt und stellte eine Art Bindeglied zwischen europäischen Arthousekino und Illusionismus a la Hollywood dar. Umso schwieriger wurde das Arbeiten in seiner Heimat in den späten Sechzigern, als die italienische Politik versuchte, durch Auflagen die Zusammenarbeit mit ausländischen Künstlern zu erschweren, um das einheimische Kino zu fördern: Das Todesurteil für De Laurentiis und seiner auf aufwendige internationale Produktionen ausgerichtete Dinocittà.
Umso erstaunlicher, wie schnell der barocke Italiener nach seinem Umzug in die USA Anschluss fand ans neue Hollywood und dessen harten Anti-Illusionismus: Gleich in Reihe produzierte er schroffe und schlanke Gewaltfilme wie Sidney Lumets "Serpico" (1973) oder Michael Winners' "Ein Mann sieht rot" (1974). Mit diesen relativ günstig hergestellten Publikumshits etablierte er sich ein weiteres Mal als unabhängiger Produzent.
International vernetzt und in direkter Nachbarschaft zur Traumfabrik entwickelte De Laurentiis in seinem ersten Jahrzehnt in den USA ein eigenes Finanzierungssystem. Er sammelte Geld aus ganz unterschiedlichen Ecken der Welt ein und leitete es in Eventproduktionen, die er ohne Hilfe der großen Studios entwickelte. Darunter: "Orca, der Killerwal" (1977) oder "Conan, der Barbar" (1982). Der kleine Kaiser hatte sich, da war er schon über 60, als Kämpfer im neuen amerikanischen Blockbusterkrieg in Stellung gebracht.
Dass er mit kostenverschlingenden Monsterklassikern wie dem "King Kong"-Remake von 1976 oder der Weltraum-Großphantasie "Der Wüstenplanet" (1984) mehr als einmal vor dem endgültigen Aus stand: keine große Sache für ihn. Stets hatte er den richtigen Riecher für neue Stoffe. Geld war da, um es zu verprassen - die so entstandenen Filme aber hatten die Chance, für die Ewigkeit zu sein. Unter anderem erwarb De Laurentiis schon Mitte der Achtziger die Filmrechte an Thomas Harris' Roman "Roter Drache", aus dem er in "Blutmond" den ersten Filmauftritt für den kultivierten Kannibalen Hannibal Lecter entwickelte.
Leute, die ganz genau nachgezählt haben, behaupten, in insgesamt 600 Filmen habe der Italiener seine Finger gehabt. Bis zum Schluss mischte er im internationalen Filmbetrieb mit; zuletzt soll er erfolgreich um die Rechte zu Frank Schätzings "Der Schwarm" gerungen haben.
Am Donnerstag verstarb in Los Angeles im Alter von 91 Jahren der große Weltenbürger, Weltenerschaffer und Welteneroberer Dino De Laurentiis.
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