Zum Tode Eric Rohmers Das Meer der Möglichkeiten

Schöne Frauen schöne Dinge sagen lassen: Der Nouvelle-Vague-Mitbegründer Eric Rohmer drehte noch bis weit ins Rentenalter elegante und entlarvende Konversationskomödien mit jungen Heldinnen. Er war der große Alterslose des französischen Kinos.

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Eric Rohmer: Der Alterslose des französischen Kinos

Sein Geburtstag ist nicht verbürgt. Ist er nun am 21. März 1920 in Tulle oder am 4. April 1920 in Nancy zur Welt gekommen - oder vielleicht doch an einem ganz anderen Tag, in einem ganz anderen Jahr, an einem ganz anderen Ort? Eric Rohmer, einer der Gründerväter des neuen französischen Kinos, hat sich selbst nie um Klarstellung bemüht. Wieso auch? Er war ja immer der große Alterslose seines Fachs. So einer braucht keinen Geburtsort und kein Geburtsdatum.

Sein erster sagenhafter Film, der vor ziemlich genau einem halben Jahrhundert zeitgleich zu all den anderen ersten sagenhaften Filmen der Nouvelle Vague erschien, war düsterer als alle anderen Werke dieser Sturm-und-Drang-Epoche des französischen Kinos. "Im Zeichen des Löwen" lautete der Titel des - 1959 selbstverständlich auf den Straßen von Paris gedrehten - Glücksritterdramas, das von einem kraftstrotzenden amerikanischen Musiker erzählt, der sein Schicksal herausfordert, um schließlich als Penner unter den Brücken der Seine zu enden. Ein Fiebertraum von einem Film.

So brachial und so böse sein Kinoschaffen in jungen Jahren begann, so leichtfüßig und luzide kam es in seiner Spätphase daher - eine Entwicklung, durchaus entgegengesetzt zu der anderer Regisseure. Man muss sich ja nur mal die Achtziger und die Neunziger anschauen, eine von Rohmers produktivsten Phasen: Fast kein Jahr verging, ohne dass ein Film von ihm herauskam. Die Protagonisten waren meist sehr jung. Und meist sehr weiblich.

Sinnsuche oder Selbstbetrug

Rohmer war längst in einem Alter, in dem andere Menschen in Rente gehen, da widmete er sich Produktionen, die formal Twentysomethings-Konversationskomödien genannt werden könnten; Filmen wie "Vollmondnächte" (1989), "Der Freund meiner Freundin" (1987), oder "Rendezvous in Paris" (1995). Junge Frauen sinnieren darin eloquent über Lebensweisen und Liebschaften, debattieren darüber, welches Quartier in Paris ihrem Typ entspricht, oder führen abgelegte Liebhaber trickreich ihren Freundinnen zu. Selbst die Abendbrotzubereitung wird hier zur hochmotivierten Redeschlacht.

Schöne Frauen schöne Dinge tun lassen - das hat François Truffaut, Rohmers bester und traurigster Freund unter den Regisseuren der Nouvelle Vague, einmal als Antrieb fürs Filmemachen auf den Punkt gebracht. Bei Rohmer muss es heißen: schöne Frauen schöne Dinge reden lassen. Dabei verfiel er niemals komplett der Anmut seiner Heldinnen, sondern war eher von der Konsequenz beeindruckt, mit der sie sich in die Sinnsuche oder den Selbstbetrug, in die Partnerauslese oder die Selbstzerfleischung stürzten. Filme von Rohmer gucken, das heißt vor allem, Frauen dabei zuzuschauen, wie sie das Falsche tun, um das Richtige zu sagen.

Seinen Heldinnen und auch seinen Helden bot sich stets ein Meer der Möglichkeiten. Doch selbst wenn Rohmer, dieser distinguierte, asketische und stets auf Form bedachte Herr mit ihnen darin abtauchte - er gab sich nicht bedingungslos ihren Entscheidungen hin. Hochmoralisch waren seine Geschichten, mag sich das dem Zuschauer durch den heiter-melancholischen Tonfall auch nicht aufgedrängt haben. Zur Sicherheit hatte der Regisseur schon Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger einen ganzen Zyklus von Arbeiten "moralische Erzählungen" genannt. Ob bei "Meine Nacht bei Maud" (1968, für einen Oscar nominiert), "Claires Knie" (1970) oder "Liebe am Nachmittag" - hier waren es nun die Männer, die im Durcheinander der amourösen Optionen zu straucheln drohten.

Sex gibt es bei Rohmer selten zu sehen; auch der voyeuristische oder fetischistische Blick war ihm - Titeln wie "Claires Knie" oder "Pauline am Strand" zum Trotz - völlig fremd. Dafür sieht man die Charaktere oft die Straßen entlang flanieren oder in Bistros sitzen, wo dann der vollzogene oder avisierte Beischlaf reflektiert, kategorisiert und bewertet wird. Die Erotik, sie funktioniert hier allein übers Wort.

Meister des Raums

Schon 1948, in einem seiner frühen Essays für "Les Temps modernes", schrieb Eric Rohmer ganz im Sinne seines erst zehn Jahre später beginnenden Kinoschaffens: "Die Kunst des Regisseurs besteht nicht darin, uns vergessen zu lassen, was die Figuren sprechen, sondern im Gegenteil, ihre Sätze unvergesslich zu machen." Das hat er dann auch selbst so gehalten.

Dabei war lange Zeit gar nicht klar, wohin es ihn im Meer der Möglichkeiten spülen würde. Intellektuell war Eric Rohmer immer breit aufgestellt. Literatur, Musik, Malerei und Kino waren für ihn anfangs gleichbedeutend. Unter seinem Geburtsnamen Maurice Schérer arbeitete er als Literaturlehrer in der Provinz, um schließlich über den Umweg der Filmkritik und der Filmtheorie Regisseur zu werden. Er schrieb unter anderem für die "Gazette du cinéma" und natürlich für die "Cahiers du cinéma", dem zentralen Debattenorgan der Nouvelle Vague, bei dem er in ihrer aufregendsten Zeit sogar als Chefredakteur fungierte. Mit Truffaut, Godard und Rivette stritt er so pedantisch wie polemisch für die Anerkennung einer Autorenpolitik im klassischen Kino.

Er selbst aber schrieb auch immer wieder über die "Kunst der Raumorganisation". Eine Kunst, die in seinen eigenen, wortreichen Leinwandwerken leider oft übersehen wurde. Dabei platzierte er doch immer wieder seine Figuren streng und sinnträchtig. Man nehme nur so unterschiedliche Filme wie seine choreografierte Kleist-Adaption "Die Marquise von O." (1976) oder das teils mit Handkamera gedrehte Urlaubsdramolett "Das grüne Leuchten" (1986), bei der ausgerechnet am sommerlichen Atlantik die ganze Einsamkeit der Hauptfigur offenbar wird: Wie sie da in einer Totalen bewegungslos zwischen plätschernden Wellen und planschenden Verliebten steht, stellt zweifellos eine der erschütterndsten Szenen der Filmgeschichte dar - Single-Horror pur, der sich nur aus der Organisation des Raumes und nicht etwa aus der des Wortes speist.

Für Befremden sorgte indes sein Historienstück "Die Lady und der Herzog" aus dem Jahr 2001, für das dem Cannes-Dauergast Rohmer sogar die Einladung zum einst von ihm und seinen Nouvelle-Vague-Kulturrevolutionären aufgemischten und erneuerten Kunstfilmfestival verweigert wurde. Damals war er gerade 80 Jahre alt geworden und hatte die digitale Bildbearbeitung für sich entdeckt.

Eine letzte Funkmeldung

Dass ausgerechnet der Altmeister des Authentischen die Erinnerungen einer englischen Adeligen an die Französische Revolution von Schauspielern vor einem Blue Screen aufführen ließ, um danach gemalte Impressionen des alten Paris reinzusetzen, stieß, gelinde gesagt, auf geteiltes Echo. Dabei schloss er doch gewissermaßen an seine frühen Tage als Filmanalytiker an, genauer: an seine auch hierzulande erfolgreich als Buch verkaufte Dissertation über F.W. Murnau und dessen spektakuläre Raumorganisation in "Faust". Rohmer versuchte digital nachzuahmen, was sein Idol analog vorgemacht hatte.

Sein Spätwerk "Les amours d'Astrée et de Céladon" kam dann 2007 in Deutschland noch nicht einmal in die Kinos. Obwohl das Kostümdrama durchaus zeitgemäß erschien: eine Parabel von Zweifel, Treue und unwiderstehlichen Versuchungen. Eine letzte Funkmeldung aus dem Meer der Möglichkeiten sozusagen.

Vor einer Woche bereits war Eric Rohmer, der große Alterslose des französischen Kinos, in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert worden. Am Montag verstarb er dort im Alter von wahrscheinlich 89 Jahren.

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rabenkrähe 12.01.2010
1. Zum Gähnen
Zitat von sysopSchöne Frauen schöne Dinge sagen lassen: Der Nouvelle-Vague-Mitbegründer Eric Rohmer drehte noch bis weit ins Rentenalter elegante und entlarvende Konversationskomödien mit jungen Heldinnen. Er war der große Alterslose des französischen Kinos. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,671493,00.html
...... Ich fand ihn als Meister des entsetzten Gähnens: Immer ähnliche, völlig gekünstelte Dialoge, so totgeredete Gefühle, daß selbige keinerlei Konturen mehr annahmen. Wer von Rohmer einen Film gesehen hat, muß sich keinen weiteren von ihm antun, sie gleichen einander, wie ein Ei dem anderen. rabenkrähe
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