Zum Tode Ingmar Bergmans Inspektionen der Seele

Spaß machen die Filme Ingmar Bergmans nicht gerade, dafür sezieren sie unerbittlich bürgerliche Existenzen. Der schwedische Meisterregisseur prägte mit seinen kathartischen Werken eine ganze Generation von Filmemachern. Nun starb er 89-jährig auf der Ostseeinsel Farö.


Vielleicht ist es eine etwas willkürliche Assoziation, aber es gibt eine Szene in Lars von Triers kontroversem Liebespassionsspiel "Breaking the Waves" (1996), die einen unweigerlich an das Kino Ingmar Bergmans denken lässt: Darin besuchen die lebensfrohen Arbeiter einer Ölbohrinsel ein britisches Küstenstädtchen, das von einer streng protestantischen Glaubensgemeinschaft beherrscht wird. Die ist derart sinnesfeindlich, dass sie sogar das Kirchenläuten als eitle Zerstreuung verdammt hat. Beim Anblick des leeren Glockenturms konstatiert einer der ungläubigen Malocher denn auch süffisant: "Bloß keinen Spaß, was?"

Dies entspricht der spontanen Reaktion vieler Zuschauer, die sich erstmals einem Werk Bergmans aussetzen: Ohne Frage, viel zu lachen gab es in den über 40 Filmen des schwedischen Regisseurs wahrlich nicht. Die skandinavische Strenge, mit der Bergman immer wieder bürgerliche Existenzlügen sezierte, verschonte weder seine Schauspieler, noch sein Publikum, noch seine eigene Biografie. Dass der Pastorensohn aus Uppsala mit "Die Zeit mit Monika" (1952) und "Das Lächeln einer Sommernacht" (1955) einst romantische Komödien drehte, geriet dabei angesichts seiner übermächtigen Dramen oft in Vergessenheit.

Denn was wohl bei jedem anderen Künstler anmaßend klingen würde, wirkte in Bergmans Schlüsselwerken der fünfziger und sechziger Jahre so zwingend wie selbstverständlich: Hier war ein Autor und Regisseur, der nichts Geringeres als den Sinn des Lebens und die Frage nach Gott ins Zentrum seiner Arbeit stellte. Spätestens nach dem internationalen Erfolg von "Das siebte Siegel" (1956) beteiligte sich ein weltweites Publikum an dieser Suche, die das kathartische Requiem "Wilde Erdbeeren" (1957) ebenso einschließt wie den bedeutungsschweren Symbolismus der "Jungfrauenquelle" (1959) oder die verzweifelten Selbstentblößungen in "Das Schweigen" (1963).

Idol der Autorenfilmer

Die aus heutiger Sicht bigotte Entrüstung ob der Nacktszenen in letztgenannten Film verstellte vielerorts die Sicht auf die profunde Kritik Bergmans an einer Gesellschaft, die sich aufgrund ihrer verdrängten Traumata als liebesunfähig erweist und das Individuum in der Isolation zurücklässt: In den psychologischen Beziehungsdramen Bergmans blieben die Paare bestenfalls gemeinsam einsam. Ungleich inniger, aber keineswegs weniger konfliktreich, war Bergmans Verhältnis zu seiner erweiterten Filmfamilie. Zu der gehörten neben dem kongenialen Kameramann Sven Nykvist so überragende Darsteller wie Max von Sydow, Bibi Andersson, Ingrid Thulin, Erland Josephson und natürlich Liv Ullmann.

Diese trotz aller Reibereien vor und hinter der Kamera so loyale und liebevolle Gemeinschaft prägte eine ganze Generation von Filmemachern: Wer John Cassavetes "Eine Frau unter Einfluss" (1974) schätzt, kommt an Bergmans "Szenen einer Ehe" (1973) nicht vorbei. In Martin Scorseses "Alice lebt hier nicht mehr" (1974) spiegeln sich die komplexen Frauenbilder aus "Persona" (1965) und "Die Berührung" (1970). Die Reihe der so beeinflussten Regiekünstler ließe sich beliebig fortsetzen, bis hin zu den ausgewiesenen Hommagen Woody Allens, der sich mit "Innenleben" (1978) vor seinem Idol Bergman verbeugte – und später bei "Eine andere Frau" (1988), "New York Stories" (1989) und "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" (1989) auf den Bildgestalter Sven Nykvist verließ.

Ehrehrbietungen, insbesondere in Form von Trophäen, blieben dem zweifelnden und unter depressiven Schüben leidenden Idol der Autorenfilmer jedoch stets suspekt. Dazu passt, dass Bergman im Mai 1997 nicht nach Cannes reiste, um die "Palme aller Goldenen Palmen" für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. Vielleicht auch, weil sein langer Abschied doch noch nicht vorbei war. Bereits 1982 erklärte er anlässlich der Fertigstellung von "Fanny und Alexander" seinen Rücktritt als Kinoregisseur und sagte, er wolle nur noch für Fernsehen und Bühne inszenieren. Dass gerade das bildgewaltige, fabulierfreudige und mit Oscars bedachte Familienepos "Fanny und Alexander" Bergmans Ruf als visionärer Erzähler erneuerte, erschien da wie bittere Ironie.

"Ich habe Ingmar immer geliebt"

Aber Bergman kehrte auf die Leinwand zurück und drehte mit "Sarabande" (2003) eine berückende Fortsetzung seiner "Szenen einer Ehe". In einem Interview mit der US-Filmzeitschrift "Premiere" beschrieb Liv Ullmann, die ebenso wie Erland Josephson ihre 30 Jahre zurückliegende Rolle wieder aufgriff, ihre Beziehung zum Regisseur und zeitweiligen Lebensgefährten: "Ich habe Ingmar immer geliebt, aber ich konnte nie mit ihm zusammen sein."

Nun ist Ingmar Bergman im Alter von 89 Jahren verstorben. Er hinterlässt mehre Kinder aus verschiedenen Beziehungen und ein Werk, das nie einfach zugänglich sein wollte und doch unausweichlich für jeden wirklich am Kino interessierten Menschen bleibt: Bergmans Filme mögen kein Spaß sein, aber wir brauchen sie als reinigende Inspektionen der Seele.



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