Zum Tode Peter Ustinovs Menschen, versteht euch doch!

Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller, Comedian, Weltbürger und Humanist: Mit Sir Peter Ustinov verliert die Welt ein künstlerisches Multitalent und einen beherzten Botschafter der Völkerverständigung, der die Menschen liebte und mit Geist und Witz zu fesseln verstand.

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Weltbürger Ustinov: Keine Zeit, sich selbst zu feiern
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Weltbürger Ustinov: Keine Zeit, sich selbst zu feiern

Kritiker, denn auch solche gab es, sagten über Sir Peter Ustinov, er habe sein überbordendes Talent verschwendet, indem er sich verzettelte, sich nicht auf eine Sache konzentrieren wollte oder konnte.

Tatsächlich gab es kaum einen Künstler, auf den das Wort Tausendsassa besser passte, als auf Ustinov, der noch als Teenager zum Schauspieler wurde, später Theaterstücke, Sachbücher und Prosa schrieb, als Conférencier und Komiker mit Bonmots und geistreichen Witzen für Lacher sorgte, und schließlich im Dienste der Völkerverständigung und als Botschafter des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) für mehr Menschlichkeit warb.

Ein Clown, ein Schelm, ein Multitalent, ein "Weltbürger", wie Bundespräsident Johannes Rau ihn einst nannte. Ustinov tanzte mit der Queen von England und bekam zu seinem Geburtstag einen Anruf vom Generalsekretär der Uno. Die Welt verehrte und liebte ihn, weil er den Menschen stets ein Lächeln schenkte, selbst wenn er über jene Krisen, Missstände und Ungerechtigkeiten ging, deren Beseitigung ihm eine Herzensangelegenheit war. Unvergessen sind öffentliche Auftritte Ustinovs bei Lesungen und Festakten, wo er bis zuletzt seine Späße mit Fotografen trieb, sich Bücher auf den Kopf legte oder jene Anekdoten erzählte, für die er ebenso berühmt ist wie für seine Filmrollen.

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Sir Peter Ustinov: Bilder aus einem bewegten Leben
Die Weltbürgerschaft wurde dem 1921 in London geborenen Peter schon in die Wiege gelegt. Sein Vater Jona von Ustinov war ein russischer Emigrant mit deutscher Staatsbürgerschaft, der als Presseattaché der deutschen Botschaft in London arbeitete, sich aber mit Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop überwarf und britischer Spion wurde. Ustinovs Mutter war die französische Bühnenbildnerin und Kostümzeichnerin Nadja Benois, die russische, äthiopische, französische und italienische Vorfahren hatte. Peter Ustinov, Inhaber eines deutschen Passes, betrachtete sich daher nie als Brite: "Sehr englisch habe ich mich nie gefühlt", sagte er selbst dann noch, als ihn die Königin 1991 zum Ritter schlug. Damals fiel auch der Londoner "Times" auf: "Obwohl er ziemlich viele Witze über die Deutschen macht, ist er selbst mehr deutsch als englisch." Er selbst bezeichnete sich auch gerne als "praktizierender Europäer".

1939, nachdem er die ihm verhasste Eliteschule Westminster bereits mit 16 Jahren verlassen hatte, um Schauspielunterricht zu nehmen, debütierte Ustinov als Schauspieler mit eigenen Sketchen im Londoner "Player's Club", kurz darauf erhielt er seine erste Filmrolle und führte 1942 sein erstes eigenes Schauspiel, das Emigrantenstück "Haus des Kummers" auf. Insgesamt folgten 20 Theaterstücke, 40 Filme, in denen er mitspielte, acht, bei denen er Regie führte, neun Drehbücher sowie diverse Romane, Erzählungen und Memoiren.

Als Schauspieler bleibt er dem großen Publikum wohl vor allem als schelmischer Meisterdetektiv Hercule Poirot im Gedächtnis. Die Figur von Agatha Christie, die er unter anderem in den Filmen "Tod auf dem Nil" (1978) und "Das Böse unter der Sonne" (1982) verkörperte, schien wie für ihn erdacht. Doch eigentlich waren es die unbequemen und zwiespältigen Rollen, die ihn zur Höchstleistung antrieben: Für die Rolle des Sklavenhändlers Lentulus Batiatus in Stanley Kubricks "Spartacus" (1960) gewann er einen Oscar als bester Nebendarsteller, für seinen dekadenten Kaiser Nero in "Quo Vadis" (1951) war er in derselben Kategorie nominiert. Einen zweiten Oscar - wiederum als Nebendarsteller - bekam Ustinov für seine Darstellung des Trickdiebes Arthur Simon Simpson in der Caper-Komödie "Topkapi" (1964). Zuletzt war der unermüdliche Mime im vergangenen Jahr als Kurfürst Friedrich der Weise in "Luther" zu sehen.

In seinen eigenen Regie-Arbeiten nahm sich Ustinov bevorzugt der Literaturverfilmung an. Herausragend ist seine Kino-Adaption der Melville-Novelle "Billy Budd" (1962), in der er auch selbst mitspielte. Seinen Hang zur Komödie lebte der Schauspieler Ustinov hingegen eher in Kinderfilmen und TV-Produktionen aus, ob als Kalif in "Der Dieb von Bagdad" (1978) oder als Walross in "Alice im Wunderland" (1999).

Die große Leidenschaft Ustinovs war jedoch über Jahrzehnte hinweg die Oper, wo er sich als Regisseur und Bühnenbildner einen Namen machte. Regelmäßig inszenierte er ab 1962 am Londoner Covent Garden Opera House, später hießen ihn die wichtigsten Opernhäuser der Welt gerne als Gast willkommen. Zu den Höhepunkten zählen unter anderem "Don Quichotte" (1974, Paris), Offenbachs "Banditen" (1978, Deutsche Oper Berlin), Janáceks "Katja Kabanova" (1985, Hamburger Staatsoper) und Prokofjews "Die Liebe zu den drei Orangen" (1997, Moskauer Bolschoi Theater). Kritiker lobten vor allem Ustinovs unorthodoxe Art der Inszenierung. Dogma und Prägung der Theaterschaffenden fehlten ihm auf oft erfrischende Art und Weise.

Noch lieber als das Experimentieren an der Oper war ihm nach eigenem Bekunden indes die Schriftstellerei, wenngleich ihm Kritiker gerade auf diesem Feld immer wieder eine gewisse Langatmigkeit und Geschwätzigkeit bescheinigten. Die Komödie "Beethovens Zehnte" gehört zu seinen besten literarischen Versuchen, Lob gab es auch für seinen Roman "Monsieur René" (1998), einer feinsinnigen Erzählung aus dem Leben eines pensionierten Chef-Concierges aus Genf, der die Welt mit ähnlich schelmischen Augen betrachtet, wie Ustinov selbst.

Das Leichtherzige und humorig Hintersinnige seines Wesens machte den überzeugten Menschenfreund und Humanisten zum perfekten Botschafter für Völkerverständigung. Als langjähriger Unicef-Sondergesandter reiste Ustinov durch die ganze Welt, um auf Unrecht, Kindernot hinzuweisen und gegen Vorurteile und Diskriminierungen zu wirken. Noch im vergangenen Jahr erschien sein Buch "Achtung! Vorurteile" (Hoffmann & Campe), in dem Ustinov mit scharfer Zunge gegen Engstirnigkeiten aller Art zu Felde zieht. Der Krieg gegen den Irak beispielsweise, schrieb Ustinov, sei "auf der Basis von Vorurteilen" geführt worden. Er fragte sich: "Wie schläft eigentlich George Bush?".

Mehr noch als die aktuelle Politik lag ihm jedoch das Alltägliche am Herzen, die kleinen Missverständnisse, die vorgefassten Meinungen, der schiefe Blick auf ausländische Mitbürger. Ustinovs Kunst war es, sein Anliegen - Kinder, Menschen, versteht euch doch! - nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu propagieren. Im Plauderton, oft mit Anekdoten aus seiner reichhaltigen Biografie gewürzt, hielt er seinen Zuhörern charmant den Spiegel vor, ohne sie zu demütigen oder ihnen zu nahe zu treten. Dieses gelebte Understatement ist vielleicht eine der wenigen britischen Eigenschaften, die man dem Weltbürger Sir Peter zurechnen kann.

Was der Welt verloren geht, ist ein Mensch, der seine Mitmenschen ganz unvoreingenommen liebte und ihnen weise, und manchmal leise kopfschüttelnd den rechten Weg zeigen wollte. Selbst in den letzten Monaten des vergangenen Jahres, als er zu den zahlreichen Benefiz-Veranstaltungen und Preisverleihungen, zu denen er als Redner, Laudator oder Ehrengast eingeladen war, nur noch im Rollstuhl erscheinen konnte, war die Präsenz Peter Ustinovs ungebrochen: Eine Aura der Gutmütigkeit umwehte ihn, die Menschen, egal wie unterschiedlich sie sein mochten, sofort berührte und versöhnte. Der Ehrfurcht, mit der man ihm zuletzt immer wieder begegnen wollte, machte er mit einem anarchischen Scherz oder einer burlesken Anekdote schnell den Garaus. Sich selbst zu feiern, dafür hatte der Vielbeschäftigte keine Zeit.

Sir Peter Ustinov lebte mit seiner dritten Ehefrau, der französischen Schriftstellerin Hélène du Lau d'Allemans am Genfer See. Ustinov, seit Jahren schwer zuckerkrank, starb in der Nacht zum Montag in einem Schweizer Krankenhaus in Genoilier an Herzversagen.



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