Geschichtsdrama "Zwei Herren im Anzug" Arbeit an den Traumata

Regisseur Josef Bierbichler verfilmt seinen eigenen Roman "Mittelreich" und fragt, wie man Vergangenes darstellen kann. In "Zwei Herren im Anzug" lautet seine Antwort: immer gebrochen, immer gefärbt.

Pankraz (Josef Bierbichler) und Hanusch (Benjamin Cabuk)
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Pankraz (Josef Bierbichler) und Hanusch (Benjamin Cabuk)


In einer der tollsten Szenen von "Zwei Herren im Anzug" fällt ein entscheidender Satz: "Sie glauben, Sie können Vergangenes so darstellen, wie es wirklich war." Gesagt von dem Regisseur Josef Bierbichler gespielten Wirt Pankraz, der in dieser Szene als Vorsitzender einer Jury amtiert.

Es ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Es wird Fasching gefeiert, und die Sache wird so ernst genommen, dass die beste "Maske", wie es hier heißt, das beste Kostüm also, prämiert werden soll. Der Mann, an den sich Pankraz mit seinem Satz wendet, tritt als Nazi auf: in der Uniform, mit der Hakenkreuzarmbinde, die ein paar Jahre zuvor keine "Maske" war.

Gesprochen wird der Satz, und das ist vielleicht das Wichtigste an ihm, in der Beiläufigkeit des herrlichen Bierbichler-Redens: in einer Unaufgeregtheit, die so luftig zwischen Feststellung und Vorwurf hängt, dass man sich gar nicht entscheiden kann, was gemeint ist. Soll man auch nicht. Pankraz sagt den Satz, um ihm selbst nachzuhorchen, um über ihn nachzudenken.

Primat der Ähnlichkeit

Wie man Vergangenes darstellt, ist eine Frage, die sich das deutsche Geschichtskino selten stellt. Es regiert das Primat der Ähnlichkeit, die so plastisch gedacht wird, dass Schulklassen sie erkennen können. Wenn die derart aufgebotenen Geschichten, wie zuletzt in dem DDR-Drama "Das schweigende Klassenzimmer", dann auch noch wirklich wahr waren, umso besser. Wenn nicht, hilft die Kritik nach, die den Zeitgeschichtsevokationen großzügig hinterherruft: "So war es".

Dem Film "Zwei Herren im Anzug" geht es dagegen nicht darum, ob es wirklich so war. Geschichte ist hier, in der filmischen Bearbeitung von Bierbichlers eigenem Roman "Mittelreich", das Amalgam von Erinnerung: immer schon gebrochen, immer schon gefärbt. Eine Erzählung über das Herkommen, die zwischen den Generationen weitergegeben wird.

Faschingsszene in "Zwei Herren im Anzug"
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Faschingsszene in "Zwei Herren im Anzug"

Alles beginnt auf der Beerdigungsfeier für Theres (Martina Gedeck), der Ehefrau von Pankraz und Mutter von Semi (Simon Donatz), und das Gespräch zwischen Vater und Sohn im leeren Wirtshaus ist eigentlich ein Streit - darüber, wie es war, was es war. Vater und Sohn haben dazu durchaus verschiedene Ansichten.

Ein Jahrhundert wird erzählt in Bierbichlers Film, anhand einer drei Generationen überspannende Familiengeschichte. Es geht zurück bis zu Pankraz-Vater (den auch Bierbichler spielt mit einem schönen Schnauzbart) und zum Ersten Weltkrieg, in den Toni (Florian Karlheim), der Erstgeborene und älteste Bruder von Pankraz, frohgemut zieht. Aus dem er aber mit einer Kugel im Kopf zurückkehrt und mit antisemitischem Gebrüll, mit dem er in einer langen Szene das Wirtshaus belästigt.

Auswirkungen der großen Politik aufs Leben

In solchen Momenten wird die Perspektive von "Zwei Herren im Anzug" deutlich. Die Gewalt, die Verbrechen des 20. Jahrhunderts werden aus ländlicher Richtung angeschaut. Es geht um die Auswirkungen, die große Politik auf ein Leben hat, das sich an Jahreszeiten orientiert und in dem die Kinder weitermachen müssen, was ihre Eltern angefangen haben. Kurz gesagt: Kontinuität trifft auf Umwälzungen, die von außen kommen. Was den Film in manchen Momenten allerdings auch etwas vage macht.

Den Ansatz des Erzählens kann man theatral nennen, und auch das unterscheidet "Zwei Herren im Anzug" von gewöhnlichen Zeitgeschichtserzählungen im deutschen Kino. Pankraz und Semi sitzen im leeren Wirtshaus wie auf einer Bühne, von der die Erinnerungen ihren Lauf nehmen in einzelnen - anfangs schwarz-weißen, später farbigen - Episoden. Erhärtet wird diese Wahrnehmung dadurch, dass die beiden Bühnenversionen von "Mittelreich" in den Münchner Kammerspielen, Anna-Sophie Mahlers Requiem und Anta Helena Reckes "Schwarzkopie" davon eine ähnliche Form gewählt haben.


"Zwei Herren im Anzug"
D 2018

Regie und Drehbuch: Josef Bierbichler
Darsteller: Josef Bierbichler, Simon Donatz, Martina Gedeck, Sophie Stockinger
Produktion: X-Filme Creative Pool, Bayerischer Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk
Verleih: X-Verleih
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 22. März 2018


Es sind die lebendigen Tableaus, aus denen "Zwei Herren im Anzug" seine Kraft bezieht. Das Gewusel beim Karneval, das nicht nur vom Pfarrer (Andreas Lechner) kommentiert wird, sondern im Modus des Vergnügens die Frage stellt, wie man mit der eigenen Vergangenheit umgeht, erweist sich in spielerischer Form als Gesellschaftsbild.

Inszenierung von Blackfacing

Dass im Film das Blackfacing, also das Verkleiden als Schwarzer samt Schminke im Gesicht, auch ein wenig verschämt inszeniert ist, sieht deutlicher, wer Reckes zum Theatertreffen eingeladene Kopie der Mahler-Arbeit gesehen hat. Recke hatte nämlich ausschließlich schwarze Darsteller besetzt und damit sichtbar gemacht, was sonst leicht übergangen wird.

Natürlich ist das Schwarzanmalen in einem Nachkriegskarneval unhinterfragter Rassismus, Ausdruck einer Kultur, die sich nach "Exotik" sehnt (einen "Indianer" gibt es auch) und der es an Diskursen darüber mangelt, wie sich zum "Anderen" verhalten wird. Wenn der Schwarzangemalte im Film den Blickkontakt zu einem afroamerikanischen Soldaten sucht, der ebenfalls zur Feiergesellschaft gehört, dann wird erkennbar, dass man heute um das Problem weiß.

Letztlich ist "Zwei Herren im Anzug", und deswegen hat diese Beobachtung durchaus ihren Sinn, eine Arbeit an den Traumata der Geschichte. Die finale Pointe, die das Schweigen von Pankraz erklärt, die Unfähigkeit, mit dem Sohn über dessen konkrete Gewalterfahrungen zu reden, führt auf überraschende und zugleich triftige Weise hinein in den Holocaust. Pankraz, der Mann, der im Vernichtungskrieg war, versteht am besten die Menschen, die sein Wissen teilen, ohne dass sie darüber sprechen könnte.

Als Freund aus dem Krieg hat übrigens der Schaubühnen-Leiter Thomas Ostermeier eine kleine, aber markante Rolle. So wie die titelgebenden Herren im Anzug von Theaterregisseur Johan Simons und Bühnenschauspieler Peter Brombacher gegeben werden - zwei Randfiguren, die das Spiel mit den Perspektiven noch einmal brechen, weil sie in der Geschichte immer wieder rumsitzen wie die beiden Alten aus der Muppet-Show.

Die große Bühne gehört freilich Josef Bierbichler, der sein spezifisches, minimalistisches Spiel in manchen Momenten in eine groteske Version von Gerhard Polts Komik aufzieht.

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kortumsonne 21.03.2018
1. Das Hörbuch
vom Autor selbst dargeboten ist jedenfalls wunderbar!
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