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Kapitalismusstudie "Zwei Tage, eine Nacht": Kollege, bist auch du ein Schwein?

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Die Kollegin wird gefeuert - und ich kassiere dafür 1000 Euro Prämie? In "Zwei Tage, eine Nacht" werden Arbeitnehmer mit den Härten des Neoliberalismus konfrontiert. Marion Cotillard brilliert als Angestellte in Existenznot.

Es ist schon Mittag, aber Sandra mag nicht aufstehen. Und wenn sie doch einmal das Bett verlässt, will sie sich am liebsten gleich wieder hinlegen, auch wenn unten im Esszimmer Mann und Kinder mit Pizza warten. Das Familienleben ist aus den Fugen. "Ich bin ein Nichts, ein Niemand", weint sie, "es ist, als würde ich nicht existieren."

Sandra Baye ist die Hauptfigur in "Zwei Tage, eine Nacht", dem neuen Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Die Angestellte einer mittelständischen Firma in der belgischen Provinz war länger krank, litt an Depressionen. Nun will sie zurück an die Arbeit, doch ihr Chef hat festgestellt, dass die Arbeit auch mit einer Person weniger zu bewältigen ist. Die anderen Kollegen mussten während Sandras Abwesenheit Überstunden machen, dafür sollen sie nun jeder eine Bonuszahlung in Höhe von 1000 Euro bekommen. Preis der Prämie: Sandra wird entlassen. Die Angestellten werden von der Geschäftsleitung vor die perfide Wahl gestellt: Solidarität mit der Mitarbeiterin oder mehr Geld in der Kasse. Die meisten, 14 von 16, wollen die Kohle.

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"Zwei Tage, eine Nacht": Kampf um die Solidargemeinschaft
Dank beherzter Überzeugungsarbeit ihres Mannes und einer engagierten Kollegin rafft sich Sandra auf und bittet den Chef um eine weitere Abstimmung. "Ich habe nichts gegen Sie", sagt er zu ihr, aber er müsse auf die Konkurrenz aus Asien reagieren. Wenn sie es schaffe, den Großteil der Belegschaft auf ihre Seite zu bringen, würde er es sich noch einmal überlegen. Es ist Freitagnachmittag, am Montag soll neu abgestimmt werden - Sandra bleiben zwei Tage und eine Nacht, um jeden einzelnen ihrer Kollegen umzustimmen.

Erzählung vom Sieg des Neoliberalismus

Zehn Jahre haben die Dardennes über Sandras Geschichte nachgedacht, dann lasen sie von mehreren belgischen Firmen, die jene unmoralische Praxis angewandt hatten, um Personalkosten zu reduzieren. Die Erosion der Mittelschicht, der Verfall moralischer Werte in der modernen Arbeitswelt und im gesellschaftlichen Zeitgeist, all das ist immer wieder Thema in den neorealistischen Dramen der Brüder, vor allem in "Rosetta" (1999) und "Das Kind" (2005), mit denen sie jeweils die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes gewannen. In "Zwei Tage, eine Nacht" kulminiert diese beklemmende Thematik in einer episodischen, zutiefst packenden Erzählung vom Sieg des Neoliberalismus über die sozialdemokratische Idee der Solidargemeinschaft.

Ein egoistisches Argument nach dem anderen wird Sandra, meistens zwischen Tür und Angel, vorgetragen: Die einen brauchen die 1000 Euro für den Ausbau des Häuschens und der Terrasse, die anderen wollen ihrer Tochter das Studium finanzieren, manche lassen sich verleugnen oder werden aggressiv: "Du willst uns um unser Geld bringen", faucht ein junger Kollege. Ein anderer gibt sich gleichgültig: Zwischen Prämie und ihr wählen zu müssen, sei ja schließlich nicht seine Entscheidung, sagt er, dass er zu ihren Gunsten verzichte, könne sie nicht verlangen. Genau das ist aber die Frage, die der Film, wie immer im Heimatort der Dardennes, dem tristen Industrievorort Seraing nahe Lüttich gedreht, sehr eindringlich und in blässlicher, pseudodokumentarischen Digitalkamera-Ästhetik stellt.

Am Sonntagnachmittag, Stunden vor der neuerlichen Abstimmung, ist Sandra verzweifelt: Wie soll das Haus bezahlt werden, wenn sie ihren Job verliert? Die Aussicht, wieder in eine Sozialwohnung zu ziehen, in ärmliche Verhältnisse abzusteigen, drückt schwer. Frankreichs zurzeit beste Schauspielerin Marion Cotillard ("Der Geschmack von Rost und Knochen") gibt als Sandra ganz unprätentiös ein fragiles Nervenwrack, das sich von der Gesellschaft alleingelassen und zu schwach fühlt, den Kampf gegen die Verhältnisse allein aufzunehmen.

Fiktiv, aber nicht irreal

Cotillards einfühlsames Spiel verdeutlicht den lähmenden, krank machenden Stress, wegen zeitweiliger Leistungsschwäche mit Jobverlust bedroht zu werden, und die Unerträglichkeit, bei Kollegen, die man kaum kennt, um seine Existenzgrundlage zu betteln. Der Kampf des Individuums im verwirklichten Kapitalismus, das gilt für Sandra wie auch für ihre Kollegen und Arbeitgeber, ist auch ein Kampf um Menschlichkeit und Würde.

Mit ihrer fiktiven, aber nicht irrealen Geschichte zeigen die Dardennes, dass die Angst der gerade noch Gutsituierten vor dem sozialen Abstieg nicht mehr vorrangig ein Problem der sozialstaatlich schwach organisierten Amerikaner ist. Die ökonomisch bedingten Härten, die Unternehmen und Arbeitgeber nach dem Finanzkollaps von 2008 an ihre Angestellten weiterreichen, zermürben längst die Grundfesten europäischer Solidargesellschaften vermeintlich wohlhabender Länder wie Belgien, Frankreich oder Deutschland. Jeder sechste Bundesbürger, meldete das Statistische Bundesamt diese Woche, sei von Armut bedroht.

Zwei Tage, eine Nacht

BE, F, I 2014

Originaltitel: Deux jours, une nuit

Buch und Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne

Darsteller: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Catherine Salée

Produktion: Les Films du Fleuve, Archipel 35

Verleih: Alamode (Wild Bunch)

Länge: 95 Minuten

Start: 30. Oktober 2014

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insgesamt 40 Beiträge
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1.
HuFu 02.11.2014
Fiktive Geschichten sind doch schon lange Realität. Anstatt gegen das System anzugehen, verbündet man sich gegen Schwächere, um selber etwas vom Vorteil abgreifen zu können - zu kurz gedacht, weil es beim nächsten Mal evtl. um sie selber gehen könnte. Das ist mittlerweile Alltag und bemerke ich aktuell auf meiner Arbeit. Anstatt sich gegen die Firma zu wehren bzw. gegen Dinge, die gegen die MA sind, haut man auf die drauf, die exakt dieses versuchen. Die Chefs haben dadurch leichtes Spiel. Traurig, aber bittere Realität!
2. Wie soll das Haus bezahlt werden ...
Fred Widmer 02.11.2014
"Wie soll das Haus bezahlt werden ..." Da habe ich aufgehört, weiterzulesen.
3. Jeder an sich
Blickensdörfer 02.11.2014
"Der Mensch wäre lieber gut anstatt roh, aber die Verhältnisse sind nicht so". Wer und warum macht diese Verhältnisse? Woher kommt und wer ist der "gesellschaftliche Zeitgeist", der "moralischer Werte verfallen" lässt? Warum nur? Ist "Neoliberalismus", ist das , weil jeder "auch ein Schwein" sei, Ursache oder Resultat der Verhältnisse?
4.
Fred Widmer 02.11.2014
Zitat von Blickensdörfer"Der Mensch wäre lieber gut anstatt roh, aber die Verhältnisse sind nicht so". Wer und warum macht diese Verhältnisse? Woher kommt und wer ist der "gesellschaftliche Zeitgeist", der "moralischer Werte verfallen" lässt? Warum nur? Ist "Neoliberalismus", ist das , weil jeder "auch ein Schwein" sei, Ursache oder Resultat der Verhältnisse?
Siehe hier: Ich: Der Einzelne in seinen Netzen (http://www.amazon.de/Ich-Der-Einzelne-seinen-Netzen/dp/3552056742/). Eigendynamik also, unstoppable ...
5. Der Film wird sicher ein Zuschauermagnet
blauervogel 02.11.2014
Wahrscheinlich wird er locker Teenage Mutant Ninja Turtles vom ersten Platz der Kinocharts in Deutschland verdrängen. Leider werden wohl überwiegend Menschen sich diesen Film ansehen, bei denen die Gefahr für sozialen Absturz relativ gering ist. Solidarität setzt Bildung und oder Empathie voraus. Beides wird in unsere Gesellschaft zunehmend bewusst verarmt. Es ist politisch so gewollt. Das Wort von der spätrömischen Dekadenz erfüllt sich so, wenn auch anders als damals gemeint.
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