Von Christoph Dallach
Beides leistet sich die Sound Foundation, seit sie vor einem Jahr grundüberholt wurde. Auf der Web-Seite www.soundfoundation. de können Amateurmusiker ihre Lieder unterbringen und sich von Fachpersonal beraten und helfen lassen. Sechs ausgewählten Newcomern pro Jahr wird obendrein die ganz besondere Zuwendung der Sound Foundation zuteil. Das sind derzeit unter anderem Rapper aus Berlin, Gitarren-Lärmer aus Hamburg und eine Soul-Künstlerin aus Frankfurt. Alle werden ein Jahr lang in Form von Tournee-Unterstützung, Promotion und guten Ratschlägen etablierter Popgrößen, die hier als "Paten" agieren, gefördert.
Als Pate ist zurzeit auch der Ire Rea Garvey von der Popband Reamonn dabei. Vor acht Jahren ist er von der Sound Foundation gefördert worden. Für die allererste Konzertreise, auf die seine Band ging, stellte die Foundation ihnen, so wie allen anderen Kandidaten auch, einen VW-Bus zur Verfügung. Für das Benzin müssen die Künstler zwar selbst aufkommen, aber dass Garvey damals zwei Busse zu "Schrott" fuhr, nahm man ihm nicht weiter übel; wahrscheinlich geht man bei VW davon aus, dass das ein übliches Risiko bei Popstars ist. "Ich bekam sofort einen dritten." Die Kooperation war zwar nicht der Grund für Reamonns Erfolg, aber sie hat sicher geholfen: Ein Jahr später schaffte die Band es mit der Single "Supergirl" in die Charts und ist seitdem erfolgreich. Auch gut für VW.
Leistungen, die in etwa einem Wert von 20.000 Euro entsprächen, sagt Bode, spendiere die Sound Foundation dem ausgewählten Nachwuchs. Und beim Gesamtetat der Abteilung solle man von einem "siebenstelligen Betrag" ausgehen. Dafür ist die Volkswagen AG zwei Jahre lang an den Albenverkäufen der Musiker beteiligt, diese Gewinne fließen aber wieder in den Etat der Foundation. Eine Verpflichtung zu Konzerten in der Wolfsburger Autostadt vor gewaltigem VW-Logo oder Ähnliches gibt es nicht.
Warum nicht? Weil das wiederum schlecht fürs Image wäre, für die Glaubwürdigkeit der Bands, die sich eigentlich nicht kaufen lassen dürfen. Pop-Sponsoring ist eine fragile Angelegenheit, eine Gratwanderung zwischen Werbung, Prostitution und Mäzenatentum. Denn im Popgeschäft ist der gute Ruf so wichtig wie ein gutes Lied. Immerhin sind Rock'n'Roll, Pop und Punk als Gegenkultur entstanden. Das ist zwar lange her, lebt aber in den Köpfen der Fans fort, auch wenn heute selbst Bob Dylan für Dessous-Werbeclips posiert. Reamonn-Sänger Garvey räumt ein: "Keiner will es hören, aber natürlich zerstört Sponsoring den alten Traum von der Freiheit des Rock'n'Roll."
Bleibt die Frage, ob hoffnungsvolle Newcomer ihre Reputation aufs Spiel setzen, wenn sie Schecks von einem Konzern annehmen. Einerseits gilt es grundsätzlich als uncool, wenn eine Band sich vom Establishment finanzieren lässt. Andererseits müssen Musiker in Zeiten einbrechender Tonträgerumsätze auch zusehen, wie sie überleben, und nicht jeder hat das große Glück - oder das strategische Geschick -, wie die Arctic Monkeys über das Internet berühmt zu werden. Und wer vielleicht Frau und Kind finanzieren muss, akzeptiert auch Geld von Jägermeister und Co.
Nicht von jedem Geld zu nehmen sei eine Sache, die man im Punk gelernt habe, sagt Thees Uhlmann, 33, von der Hamburger Band Tomte. Aber Punk ist nun mal vorbei, Geschichte, und Uhlmann ist nicht nur Musiker, sondern auch Geschäftsmann. Er gehört zu den Inhabern des Labels Grand Hotel van Cleef, und als die im vergangenen Jahr überlegten, wie sie eine aufwendige Konzertreihe finanzieren könnten, nahmen sie Kontakt zum Energiegetränke-Konzern Red Bull auf. "Wir haben sehr unkompliziert einen Betrag bekommen, und ansonsten haben die sich zurückgehalten", sagt Uhlmann. Mal abgesehen davon, dass auf dem Konzertgelände Red Bull zu haben war.
Eine andere, komplexere Strategie verfolgt der Energiegetränke-Produzent mit seiner Red Bull Music Academy. Das ist eine Art Workshop für Nachwuchs-DJs und -Produzenten. Zweimal zwei Wochen lang werden ausgewählte Kandidaten an ausgewählten schönen Orten rund um die Welt von Experten mit Vorträgen und praktischen Übungen geschult, so im September/Oktober in Toronto, und dann hofft man bei Red Bull darauf, dass die Medien über den Workshop und die DJs berichten.
Der Wahl-Berliner Dirk Rumpff, 30, war vor sieben Jahren in Dublin dabei. Er sagt: "Red Bull kriege ich nicht runter." Trotzdem füllte er damals die sehr umfangreichen Bewerbungsunterlagen aus. Schrieb auf, wie er seiner Großmutter Techno erklären würde, malte ein Bild und interpretierte ein anderes. "Die wollen schon Leute, die mehr als Musik im Kopf haben."
Flug, Hotel und die Kurse finanzierte Red Bull. Alles Übrige wurde selbst gezahlt. Dafür konnte Rumpff mit Gleichgesinnten aus Südafrika und Neuseeland fachsimpeln und sich mit Szenestars wie Matthew Herbert austauschen. Und abgesehen davon, dass überall mit Red Bull gefüllte Kühlschränke rumstanden, blieben die Veranstalter im Hintergrund.
Heute arbeitet Rumpff als Arzt, und Musik ist ein schönes Hobby geblieben. Überhaupt sind die großen Entdeckungen bei all den Förderungen bislang ausgeblieben. Künstler, die es allein dank VW oder Red Bull in die Charts geschafft hätten, sind nicht ermittelbar.
Auch Hans-Gerd Bode fallen keine ein.
Aber immerhin werden mehr Volkswagen verkauft. Im ersten Halbjahr 2007 bejubelt man in Wolfsburg ein Absatzplus von 7,8 Prozent weltweit. Ob das nun der Sound Foundation zu verdanken ist, weiß natürlich keiner. Aber geschadet hat sie wohl kaum.
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