Es formt sich da eine Gruppe in den Vereinigten Staaten, vielleicht eine Bewegung, wer weiß. Politiker gehören dazu, Musiker, Autoren, Wissenschaftler und Künstler, sie sammeln sich um Wortführer wie Clooney, die sagen, dass sie eine American Angst wahrnehmen, überall im Land. Angst vor dem Absturz. Angst vor dem Altwerden ohne Krankenversicherung, vor dem Klimawandel und auch vor teurem Benzin. Sie sehen, dass das, was die Regierung Bush immer noch "Krieg gegen den Terror" nennt, Touristen, Studenten und Investitionen von den Verängstigten Staaten von Amerika fernhält, der Weltmacht am Wendepunkt.
Darum glaube er, sagt Clooney, dass sein Land den Rest der Welt moralisch und nicht militärisch führen müsse, er sagt, dass in Zeiten, in denen eine Regierung nicht mehr regiert, Bürger und Prominente wie er eine Schattenregierung formen müssten, er vertraue der Uno und sei misstrauisch, sobald Bush "Vertraut mir" sagt. "Unpatriotisch", wie ihn Fox-TV nennt? "Im höchsten Maße patriotisch", sagt er.
Wer verstehen will, wie das System Clooney funktioniert, muss sich ihm über seine Mitarbeiter nähern; sie beschützen ihn, schirmen ihn ab, und manchmal öffnen sie die Türen ins Innere des Systems. Wer seine Mitarbeiter davon überzeugt, Zeit mit Clooney zu benötigen, bekommt ein bisschen Nähe und dann vielleicht eine Audienz, one-on-one, ein Einzelgespräch.
Der New Yorker Anwalt David Pressman ist Clooneys Berater für Politik und auch so etwas wie sein Vordenker, Clooney nennt ihn "mein Genie, mein Gehirn". Pressman sitzt in Suite 900 eines alten Bürohauses in der West 23rd Street in New York, er sagt: "Ich bin sehr misstrauisch, wenn Prominente sich in die Politik mischen - es sind PR-Stunts, oft genug. George hat mich überzeugt durch genaue Fragen. Er hört zu, seine Motive sind rein. Wenn man sicher ist, dass einer mit dieser Berühmtheit es ernst meint, dann kann man mit ihm eine Menge erreichen."
Nämlich?
"Wir wollen Handlungen auslösen, doch politische Handlung braucht zunächst politischen Willen. Das Ende der Trägheit. Leute wie George können Menschen informieren, wütend machen und ermutigen, sich zu engagieren. Leute wie er sorgen dafür, dass Politiker wie die Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates Teil des Wandels sein wollen."
Ist das Mut? Verantwortungsgefühl, erwachsenes Handeln? Ist es Imagepflege? Hybris?
Pressman hat Außenministerin Madeleine Albright juristisch beraten, er war Anwalt in Ruanda, heute hilft er den Menschen in Amerikas Todestrakten bei den Versuchen, Gnadengesuche durchzubringen oder Prozesse wiederaufzunehmen. Er ist ein schmaler Mann mit strubbeligen Haaren, und fragt man ihn, warum er tut, was er tut, dann sagt er: "Ich bin Jude. Wir sagen immer, was damals geschah, dürfe sich nicht wiederholen. Aber es wiederholt sich, überall auf der Welt. Und wieder und immer wieder. Es ist eine einfache Frage, die wir alle uns stellen sollten: Welche Rolle will ich denn spielen in dieser Welt?"
Clooney fragte sich das, als er gerade wieder George Clooney spielte auf diesen "Hunde- und Pony-Shows", wie er die Partys nennt, auf denen jene Leute umworben werden wollen, die über die Oscars entscheiden. Das ganze Geschmeichel, all die Wichtigen. Clooney fand, er müsste etwas Wirkliches tun.
Er rief seinen Vater an. Der Vater rief Pressman an, der mit den Clooneys über diverse Ecken verwandt ist. David Pressman und George Clooney gingen zu einem kleinen Italiener in Manhattan, am Ende hatten sie jede Menge Wodka getrunken und einen Plan: Sie flogen zu dritt nach Afrika, Vater und Sohn Clooney und Pressman, sie machten Ende 2006 einen Dokumentarfilm über Darfur, sie sprachen auf Demonstrationen, sie brachten den Massenmord in der sudanesischen Provinz auf die Bildschirme und in die Zeitungen Amerikas.
Clooney meint, dass "Berühmtheit so was wie eine Kreditkarte ist", und darum "gehe ich jetzt einkaufen. Die Frage ist ja, was ich mit all der Aufmerksamkeit anstellen will - will ich ohne Unterhose aus einem Auto steigen oder will ich mich um andere Menschen kümmern?" Er ließ sich Anfang 2008 von Generalsekretär Ban Ki Moon zum Uno-Friedensbotschafter ernennen, flog nach China, weil China alle Sanktionen gegen den Sudan blockiert, und redete noch immer über Darfur.
Denn George Clooney ist wie Mia Farrow oder Brad Pitt einer jener Prominenten, die der Meinung sind, dass die Instrumente internationaler Politik, Uno-Sicherheitsrat oder Weltbank, nicht schlagkräftig genug sind für die Probleme unserer Zeit. Es ist das Denken vieler Menschen, die im Nebenjob die Welt retten wollen: Sie halten nationale Regierungen für zu beschränkt in ihrer Macht und multinationale Organisationen zwar für mächtig, aber für zu statisch, um die Macht schnell genug einzusetzen. Clooney behauptet das ganz ernsthaft, dass er etwas erreichen kann: weil die Diplomaten stolz sind, wenn sie neben ihm stehen, weil Medien alles berichten, was er sagt.
Es gibt ja zum Beispiel noch immer zu wenige Telefone oder Funkgeräte, mit denen sich die Blauhelm-Soldaten in Darfur verständigen könnten; und es gibt auch die versprochenen Helikopter noch nicht, weil nur Äthiopien vier Hubschrauber gestellt hat und sonst niemand. Darüber redet er dann in Talkshows und auf Demonstrationen. Und Geld gibt er selbst, und mehr Geld sammelt er ein bei Stiftungen wie jener des Ehepaars Bill und Melinda Gates; sehr viel schneller als bei jedem Uno-Rundruf kommen so die Millionen zusammen, und nun kämpft er gegen jene Regeln, die es der Uno verbieten, für Missionen wie die in Darfur privates Geld anzunehmen.
Man konnte sehen, dass ein Forum wie der Uno-Sicherheitsrat auch einen wie Clooney noch nervös macht. Es war ein klarer, kalter Vormittag in New York, windig, Clooney schritt im schwarzen Anzug ins Uno-Gebäude am East River, strich sich durch die Haare, setzte sich, wischte immer wieder Krümel von der Hose, falls da wirklich noch Krümel waren. Dann sagte ihm der Gesandte aus Katar, dass er ja ein guter Schauspieler sei, aber was wolle er hier? Floskeln loswerden? Sein Image polieren? Politik sei kompliziert.
Clooney sagte, nach den Worten "guter Schauspieler" sei leider die Übersetzung im Ohrhörer ausgefallen, alle lachten. Das ist seine Methode, so besiegt er seine Feinde.
Dann sagte er, sie könnten in diesem Raum natürlich noch viele Jahre darüber streiten, ob das in Darfur nun Völkermord sei oder ein Bandenkrieg, es sei ihm verdammt egal, "wie Sie's nennen wollen". Zweieinhalb Millionen Menschen lebten in Flüchtlingslagern, 300.000 seien ermordet worden, und "es ist auch egal, dass Sie sich das Thema nicht ausgesucht haben: Aber Sie haben die Verpflichtung zu handeln, und daran, ob Sie dieser Pflicht nachkommen, werden Sie gemessen werden".
"Das ist gefährlich, wenn man das sagt: Aber George ist ja wirklich präsidial." Das sagt einer, der seit 15 Jahren an Clooneys Seite ist: Stan Rosenfield, Clooneys Manager für alles, was mit Medien und Werbung zu tun hat. Dann sagt Rosenfield, er wolle damit keine Kandidatur seines Kunden ankündigen, die sei undenkbar wegen all der Frauengeschichten; er sagt, er meine etwas anderes: "George zieht die Besten aus allen Bereichen an und holt das Maximale aus seiner Umgebung heraus." Rosenfield ist Clooneys engster Vertrauter, er ist einer der Türöffner, neben der persönlichen Assistentin Angel, dem Vater Nick, dem Firmenpartner Grant Heslov und den übrigen sieben Jungs, die seit 25 Jahren Clooney's Eight sind und ihren George hüten und hegen.
Rosenfield ist ein Mann mit hoher Stirn und weißen Haaren und runder Brille, er trägt ein braunes Polohemd und Lederjacke. Stan Rosenfield war mal Soldat in Deutschland, er liebt es, E-Mails mit deutschen Sätzen zu beenden. Einmal, zu Beginn dieser Reise in Clooneys Welt, schrieb er: "Ich freue, Sie zu treffen und mindestens wir können den Prozess erhalten begonnen. Ich bin traurig, dass er so lang genommen hat. Vielen Dank."
Als sie mit ihrer Zusammenarbeit begannen, war Rosenfield einer der Wichtigen in Hollywood und Clooney namenlos. Ein Agent habe ihn angesprochen, sagt Rosenfield, kurz vor dem Start einer neuen Serie namens "Emergency Room", "und nichts deutete darauf hin, dass da ein goldenes Ei auf meinen Teller geworfen wurde". Rosenfield ließ sich den sogenannten Piloten kommen, die Probesendung von "E.R.", und sagt, in diesem Moment habe er es erkannt: "Das ist ein Typ, an den du dich erinnern wirst."
Drei Dinge, so Rosenfield, müsse er wissen, ehe er eine neue Kooperation anfange. "Erstens die Art, wie der Kunde die Geschäfte regeln will. Liest er Mails, will er faxen, will er das Geschäftliche über seinen Assistenten laufen lassen, oder will er seine Ruhe?" Clooney will immer alles und auf keinen Fall Ruhe, er hat Assistentin und Blackberry. "Zweitens: Wie definiert der Kunde 9 Uhr? Heißt das für ihn 9.45 oder 9 Uhr oder 8.58?" Clooney ist der 8.58-Uhr-Typ. "Drittens: Warum hat der Kunde mich angeheuert?" Clooney will Politik machen und natürlich Filme, wichtige Filme, solange die Welt ihn sehen will.
Rosenfield ging damals mit seinem Neuen in die Late-Night-Studios. Clooney scherzte und sah blendend aus, und Rosenfield sagt, er habe gespürt, wie sich alle in Clooney verliebten: "Der Mann ist ein Sieger." Dies nämlich, so Rosenfield, sei Clooneys wahres Geheimnis: "Er hat verstanden, dass das alles endlich ist. Ihm ist klar, dass er Glück hatte, viel Glück, doch dass irgendwann der Moment kommt, wo ihm nur noch die dritte Nebenrolle angeboten wird und wo ich dann den SPIEGEL fragen muss, ob nicht ein kleines Interview mit George Clooney möglich ist - und ich weiß heute schon, der SPIEGEL wird nein sagen. George will das Optimum aus der Zeit herausholen, die ihm bleibt."
Sein Job, sagt Rosenfield, sei "nicht mehr, Öffentlichkeit für George Clooney zu erzeugen, das könnte ein Zehnjähriger. Ich muss Informationen sammeln und daraus Ratschläge destillieren". Nur das Wichtigste leitet er weiter an Angel, die Assistentin des Chefs, das Allerwichtigste telefoniert er direkt durch. "Manchmal reden wir drei Wochen lang gar nicht, manchmal dreimal am Tag", sagt Clooney, "das Leben ist kein Stundenplan."
Lesen Sie morgen den zweiten und übermorgen den dritten Teil des großen KulturSPIEGEL-Porträts von George Clooney.
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