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Comic Fremde Federn

Immer mehr Stars aus Pop und Film versuchen sich an eigenen Comics. Kann doch jeder, oder?

Wenn sich ein bebrillter Journalist in Superman, ein Industrieller in Batman und ein unglücklicher Teenager in Spider-Man verwandeln kann, ja, warum soll sich dann ein Popstar nicht in einen Comic-Künstler verwandeln können?

Gerard Way, der Frontmann der amerikanischen Emo-Band My Chemical Romance, hat sich jedenfalls eine ganz neue Identität erfunden - und gleich einen Karrierestart hingelegt, auf den jeder Superheld stolz sein könnte. Ways Comic "The Umbrella Academy" begeisterte vergangenes Jahr in den USA Käufer und Kritiker und wurde mit drei Eisner-Awards ausgezeichnet, einer Art Comic-Oscar. Ein großes Studio sicherte sich die Filmrechte, die Drehbuchentwicklung läuft. Lizenzen wurden in alle Welt verkauft, in dieser Woche erscheint die deutsche Ausgabe.

Nicht schlecht für einen Debütanten wie Way, 31, dessen Talente eigentlich in der Musik zu liegen schienen.

Anfangs hatte Way Angst davor, von der Comic-Szene nur als Stümper wahrgenommen zu werden: "Oft sind Comics von Musikern nur Merchandiseprodukte wie T-Shirts, mit denen Kasse gemacht oder die Eitelkeit befriedigt werden soll", sagt er. "Das schadet dem Genre und macht es für jeden Musiker schwer, der sich ernsthaft und leidenschaftlich mit Comics beschäftigt."

Mittlerweile tummeln sich immer mehr Musiker, Schauspieler und Regisseure in der Welt der unbewegten Bilder. Comics sind zum Spielplatz umtriebiger - und mitunter auch unterbeschäftigter - Stars avanciert. Dave Stewart, in den Achtzigern als eine Hälfte der Eurythmics zu Ruhm gelangt, ist ebenso an einem Comic-Projekt beteiligt wie die Schauspielerin Rosario Dawson und ihr Kollege Nicolas Cage, der Pornostar Jenna Jameson sowie die Filmregisseure John Woo, Guy Ritchie und Ed Burns.

Der britische Unternehmer Richard Branson hatte 2006 die immense Bedeutung des Comic-Marktes für die Unterhaltungsindustrie erkannt und gemeinsam mit dem Regisseur Shekhar Kapur und anderen das Label Virgin Comics gegründet. Diese Firma war von Beginn an auch als eine Art Zulieferbetrieb für Hollywood konzipiert: Comics von Stars aus der Pop- und Filmbranche sollten von der Prominenz ihrer Erfinder profitieren und als Vorlage für Computerspiele und Kinofilme dienen.

Damit wäre ein Prozess beschleunigt und rationalisiert worden, der sich ohnehin abzeichnet: Comics dienen seit Jahren als einer der wichtigsten Rohstofflieferanten Hollywoods. Die "X-Men-", "Spider-Man"- und "Batman"-Reihen haben Studiobilanzen gerettet; zuletzt spielte "The Dark Knight" mit Heath Ledger weltweit rund eine Milliarde Dollar ein.

Bransons Verlag köderte auf der einen Seite profilierte Comic-Künstler und auf der anderen Entertainmentprominenz. Die ließ sich locken mit dem Angebot, ihre Projekte ohne Einmischung und Budgetsorgen verwirklichen zu können. So schrieb zum Beispiel Ed Burns ein Filmdrehbuch, das aus Kostengründen bisher nicht verwirklicht wurde, kurzerhand zu einem Comic um.

Auch Gerard Way genießt, dass es "nirgendwo so viele Freiräume wie im Comic gibt. Du kannst deine eigenen Welten schaffen und bist nicht durch Budgets limitiert wie im Film. Du kannst deine Geschichten entwickeln und erzählen, ohne dass dir jemand hineinredet".

Sein Comic "The Umbrella Academy" ist in einer nicht näher benannten europäischen Stadt mit stark viktorianischen Zügen angesiedelt. Ein Außerirdischer, Gewinner einer olympischen Goldmedaille und Nobelpreisträger, adoptiert sieben Neugeborene mit seltsamen Fähigkeiten. Er gibt ihnen Nummern statt Namen, Zucht statt Zuneigung und eine Mission anstelle einer Familie: Die sieben sollen die Welt retten. Während andere Kinder auf Spielplätzen toben, müssen sie sich zum Beispiel mit dem zum Leben erwachten Eiffelturm herumschlagen, der auf Geheiß einer Zombie-Version seines Erbauers Gustave Eiffel in Paris Amok läuft.

Als Erwachsene treffen sich die seltsamen Helden auf der Beerdigung ihres Ziehvaters wieder. Zerstritten und an Leib und Seele beschädigt, müssen sie sich inneren und äußeren Bedrohungen stellen.

"Ich habe versucht, einige Konventionen des Genres zu bedienen, um innerhalb des vertrauten Rahmens etwas Neues, Ausgefallenes schaffen zu können", sagt Way. Und das gelingt ihm: Sehr souverän spielt Way in "The Umbrella Academy" (die Zeichnungen stammen von Gabriel Bá) mit Popkultur-Referenzen, findet dabei aber seinen ganz eigenen Ton. Er erzählt überraschend und originell, zitiert geschickt und kenntnisreich.

Way ist nicht nur Fan, er ist auch vom Fach: Von 1995 bis 1999 hat er an der renommierten School of Visual Arts in New York studiert, zu seinen Dozenten gehörten arrivierte Comic-Künstler wie Carmine Infantino und Klaus Janson. "Ich liebe Comics seit meiner Kindheit, als kleiner Junge bin ich täglich zum Comic-Laden an der Ecke gepilgert und habe dort mein Taschengeld ausgegeben", sagt Way. "Wir haben in einem Viertel mit ziemlich hoher Kriminalitätsrate gewohnt, auf den Straßen war es gefährlich. Mein Bruder und ich haben in unseren Köpfen gelebt, wir waren auf unsere Phantasie und Vorstellungskraft angewiesen."

Während der Highschool hat Way als Verkäufer in einem Comic-Laden gejobbt, und schon damals beschloss er, eine Kunsthochschule zu besuchen und mit Comics zu arbeiten. Aber erst kamen die Musik, die Band, der Erfolg, irgendwann auch Depressionen, Alkoholexzesse. Für Comics blieb da keine Zeit.

Bis zu einer Tournee von My Chemical Romance vor zwei Jahren. Way hatte kurz zuvor den Alkohol und die Drogen aufgegeben und verfügte plötzlich über ungenutzte Zeit und Energie. "Ich war um zehn Uhr morgens wach und fühlte mich fit. Das wollte ich nutzen. Es lag nahe, an einem Comic zu arbeiten", sagt er. Die Idee zu "The Umbrella Academy" entstand im Tourbus in Deutschland.

Way verarbeitet darin nicht zuletzt die schmerzhaften Erfahrungen der letzten Jahre. "Mich hat vor allem interessiert, wie eine engverbundene Gruppe miteinander zurechtkommt, wie die unterschiedlichen Charaktere den inneren und äußeren Druck aushalten." Eine Situation, die Way von seiner Band nur zu gut kennt und die ihn lange belastet hat. Allerdings seien er und seine Bandkollegen weniger gestört als die sieben Figuren in seinem Comic, betont er.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Ways Comic, aus Leid und Leidenschaft geboren, zum Erfolg wurde - das ehrgeizige Kommerzprojekt von Richard Branson dagegen nicht. Trotz der großen Namen waren die Virgin-Verkäufe ebenso mäßig wie das Interesse Hollywoods. Immerhin soll Guy Ritchies Comic "Gamekeeper" verfilmt werden, von Ritchie selbst. Unternehmer Branson verlor schnell das Interesse an Virgin Comics und zog sich zurück. Heute firmiert das Label unter dem Namen Liquid Comics, deutsche Ausgaben sind bei Panini erschienen.

Doch die wechselseitige Befruchtung von Comics, Kino, Fernsehen und Videospielen wird weitergehen. Gerard Way repräsentiert eine ganze Generation von Kreativen, die mit Comics aufgewachsen sind und in ihrer Arbeit von deren Ästhetik und Erzählweise beeinflusst werden. Der US-Regisseur Kevin Smith etwa, der seinen ersten Film "Clerks" (1994) mit dem Verkauf seiner Comic-Sammlung finanzierte und von den Erlösen seiner späteren Filme einen Comic-Laden kaufte, schrieb in den vergangenen Jahren unter anderem für die großen Verlage Marvel und D.C.

Und der Fernsehautor Joss Whedon, Schöpfer der TV-Erfolgsserien "Buffy - Im Bann der Dämonen" und "Angel - Jäger der Finsternis", verfasst Mutanten-Epen für das Marvel-Flaggschiff "X-Men" und veröffentlicht seit vergangenem Jahr die Fortsetzungen seiner TV-Serien als Comics. Dafür gab es jüngst ebenfalls zwei Eisner-Awards.

Inzwischen sind Comics sogar an der Spitze der Gesellschaft angekommen: Der neue US-Präsident Barack Obama bekennt sich zu seiner Comic-Leidenschaft - er zählt Batman zu seinen liebsten Helden.

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