Von Dialika Krahe
Vor zwei Jahren sei sie noch Gruftie gewesen, sagt Johanna und nippt an ihrem Campari-Glas, "aber das hatte sich irgendwann erledigt, zu düster, zu viele Piercings". Ihre Begeisterung für den Chic der zwanziger Jahre, erzählt sie, begann mit einer Einladung zu einem privaten Salon. Dort saßen die Leute in einer typischen Berliner Altbauwohnung auf Stilmöbeln, die Männer mit Smoking und Fliege, die Frauen im Flapper-Kostüm. Sie siezten sich, nannten sich Fräulein Liebstahl und Herr von Soundso. Sogar die Zeitungen, die herumlagen, waren aus den Zwanzigern, auch die Musik. "Das alles hat mich total geflasht", sagt sie, "ein Abend in einer anderen Zeit. Irgendwie einer schöneren Zeit."
Johanna sitzt jetzt an ihrem alten Wohnzimmertisch, mittlerweile ein Vamp in Samtrobe, mit Bubikopf und Kirschkussmund, und stellt drei Gläser nebeneinander, legt ein silbernes Absinthbesteck darüber, je einen Zuckerwürfel obendrauf. Aus einem Harmonium, mit Licht und rotem Samt zur Bar umfunktioniert, zieht sie eine Flasche grünen Absinth, das Getränk der alten und neuen Boheme. Die Kerzen flackern, aus den Boxen sickert Swingmusik. Sie zündet die Zuckerwürfel an, es knistert. "Bon", sagt das Mädchen, "es ist angerichtet." Sie trinken, rauchen Kette, ergeben sich der Nostalgie.
Bent Angelo Jensen, Designer des Labels "Herr von Eden", erklärt die Faszination junger Menschen für alte Kleidung so: "Kleidungsstücke sind Zeitzeugen. Sie liegen vor dir und erzählen dir aus einer anderen Welt." Ende der Neunziger begann Jensen seine Modekarriere mit einem Vintage-Geschäft, verlieh und verkaufte alte Anzüge, Gamaschen, Manschettenknöpfe. Er sagt, bei einem alten Kleidungsstück stelle er sich vor, was derjenige, der es trug, im Berlin der Goldenen Zwanziger wohl erlebt haben mag - und ein bisschen von diesem Lebensgefühl übertrage sich auf einen selbst. Heute sind seine Schnitte modern, das Label "Herr von Eden" gilt als Avantgarde. Und doch, sein Hang zu vergangenem Chic scheint geblieben: Die Haare trägt er zurückgegelt wie in den zwanziger und dreißiger Jahren, die Oberlippe ziert ein kleiner Bart. "Ich habe ein Problem mit Gleichförmigkeit in der Mode", sagt er, auch Nostalgie sei eine Form der Individualisierung.
An seinen Kunden beobachte er eine unmittelbare Reaktion auf die Krise, sagt Jensen: Die Nachfrage nach Anzügen, auch nach extravaganteren Schnitten und Farben, sei in den letzten Monaten gestiegen. Jensen schaut an sich herunter, zählt auf: "Hier, diese Krawatte in Fuchsia, dazu das fliederfarbene Hemd, diese auffälligen Manschettenknöpfe." Seit es diese Untergangsatmosphäre gebe, wähle auch er selbst viel mutigere Kleider, um der Stimmung entgegenzuwirken, der Tristesse. "Je schlechter die Zeiten", sagt er, "desto wichtiger die Mode."
"Wir wollen Sie heute schön einstimmen auf die Wirtschaftskrise", sagt der Conférencier auf der "Bohème Sauvage"-Party in sein Mikrofon und tippt sich auf den Zylinder, es ist inzwischen Mitternacht. Er sagt: "Wir wollen tun, was die Leute in den zwanziger Jahren taten - wir wollen tanzen!" Johanna und Anna stehen auf der Galerie des Wintergarten-Varietés und schauen hinunter auf die Tanzfläche. Es ist ein skurriles Bild, das sich ihnen bietet: Junge Menschen tanzen zur Musik ihrer Großeltern, in den Kleidern ihrer Großeltern - und wirken dabei nicht verkleidet, sondern modern. Das "Rezessions-Orchester" spielt, den DJ nennen sie hier Schallplattenunterhalter, an den Wänden hängen Kinoplakate des Films "Metropolis" und der Diva Asta Nielsen.
Johanna hat eine damenhafte Miene aufgesetzt. Anna trägt ein Stirnband mit einer dicken schwarzen Rose. Die beiden umklammern mit Satin-Handschuh-Fingern ihre Absinthgläser, die Halsketten baumeln ihnen bis zum Bauch. "Das ist es", sagt Johanna, "dieses Abtauchen, für einen Abend ein echtes Fräulein sein." Sehnsucht, Weltflucht, Eleganz.
Mädchen mit Zylinder und Stock streifen an ihnen vorbei. Männer mit weißem Smoking, Fliege, Einstecktuch verbeugen sich. Andere, im Zeitungsjungen-Outfit, mit Hosenträgern und Ballonmütze, treffen sich am Black-Jack-Tisch: Ein bisschen sieht es aus, als wären die Models von Alberta Ferretti, von Cavalli und Burberry direkt von den internationalen Laufstegen ins Wintergarten-Varieté spaziert.
Die "Bohème Sauvage"-Partys sind mittlerweile fast immer ausverkauft. Auch in London, Paris, Athen feiern immer mehr junge Menschen Zwanziger-Jahre-Partys.
Um drei Uhr morgens steht Johanna, ihren Freund am Arm, über den Roulette-Tisch gebeugt. Der Rauch hängt in der Luft wie ein schwerer Bühnenvorhang, Swingorchester, Gläsergeklirr, Stimmengewirr. Draußen hat es angefangen zu schneien. Und das Jahr 2009 mit seiner Krise und seinen Hiobsbotschaften scheint hier, zwischen all diesen glamourösen Menschen, so weit weg, als läge es genau 80 Jahre in der Zukunft.
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