Alle reden vom Wetter, wir nicht. Wenngleich von einem Klimawandel zu reden ist, einem globalen Temperaturanstieg, der sich seit dem superheißen Sommermärchen 2010 nicht mehr leugnen lässt. Es ist eine Wärmeperiode, für die es seit einiger Zeit vermehrt Anzeichen gibt - und die nun von der Fußball-Weltmeisterschaft befeuert worden ist. Die emotionale Großwetterlage: Coolness ist uncool.
In Südafrikas Stadien ließen sich die vermeintlichen Fußballmachos von ihren Gefühlen übermannen. Der argentinische Trainer Diego Maradona knuddelte seine Spieler mindestens so mitreißend, wie er einst seine Gegner umdribbelt hatte, der spanische Mittelfeldmotor Andrés Iniesta riss sich nach seinem Siegtreffer im Finale das Trikot vom Kopf, um ein Unterhemd mit einer handgekritzelten Hommage an einen verstorbenen Freund zu enthüllen, und der spanische Torwart Iker Casillas knutschte nach dem Schlusspfiff desselben Spiels seine Frau, die TV-Moderatorin Sara Carbonero, während die sich mühte, ihn vor laufender Kamera seriös zu interviewen.
Kapitän der Deutschen war nicht der Leitwolf Michael Ballack, sondern Philipp Lahm: ein kleiner Mann, der vor nicht allzu langer Zeit zwei Hasen herzte, Milky Way und Brownie, die jetzt "im Hasenhimmel" leben, wie er auf seiner Homepage schreibt. So wie ihr neuer Kapitän traten die meisten deutschen Spieler auf: unbedarft und unverbissen, voll von kindlicher Spielfreude. Sie hatten keine starre Hierarchie mehr, sie waren ein Team und begeisterten als "la mannschaft" selbst die französische Sportpresse.
Die Fußball-WM hat die Bremer Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Annette Geiger in der These bestätigt, die sie in einem neuen Sammelband vertritt: "Coolness ist heute out", schreibt sie. "Gefragt sind Männer, die Gefühle haben und diese auch zeigen." Gefragt sei zudem verantwortungsvolles Engagement, nicht mehr so sehr der Ausnahmekönner. Und tatsächlich war die WM ein Abgesang auf den Fußballstar, auf Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney, Didier Drogba, Kaká, Franck Ribéry und Lionel Messi; im Halbfinale standen nicht sie, sondern die besten Teams. "Der Coole war immer ein Rebell, ein Außenseiter, der sich um den Rest der Gesellschaft nicht geschert hat", sagt Geiger. "Heute hingegen ist es in, sich engagiert zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen."
Coolness hat ihre besten Zeiten hinter sich
Was zunächst verwirrt: Einerseits ist cool heute alles, eine Zuspruchsfloskel, andererseits soll cool heute out sein. Aber es stimmt schon: Wer will schon noch cool sein, im ursprünglichen Wortsinn? Wer will seine Affekte streng kontrollieren, Schwächen und Aggressionen verbergen? Wer will als unnahbarer Einzelgänger leben, Macht und Gelassenheit demonstrieren? Wer will draufgängerisch dem Tod ins Auge blicken?
Historisch betrachtet, haben sich vor allem Randgruppen durch Coolness geschützt; ihre Wurzeln liegen nach Meinung der meisten Forscher in der afroamerikanischen Kultur der USA: als Strategie des passiven Widerstands, als Schutz vor Strafe und, mangels Alternative, als Quelle von Stolz und Würde. Gerade einmal zehn Jahre ist es her, da feierte der Journalist und Autor Ulf Poschardt cooles Verhalten als Erfolgsrezept für die Gegenwart. "Cool", schrieb er in seinem gleichnamigen Buch, seien "jene Haltungen, die den Eiswinden der Entfremdung trotzen". Das Individuum müsse sich einfrieren, um überleben zu können: "Coolness ermöglicht den Menschen, mit der Kälte zu leben, statt in ihr zu erfrieren." Doch die Menschen, das zeigt sich nun, wollen nicht mehr mit der Kälte leben, sie wollen sich nicht mehr mit der Kälte abfinden - und ebenso wenig mit den Coolen in Pop und Politik, Kunst und Kino. "Echter Charme und wahres Charisma müssen authentisch, warmherzig und gefühlsreich sein", sagt Geiger, "Coolness als etwas Hergestelltes, Künstliches, Konstruiertes hat hingegen seine besten Zeiten hinter sich."
Was aber hat diesen Temperaturanstieg bewirkt? Eine Rolle spielt sicher die Wirtschaftskrise, die zu einer "Emotionalisierung des Ökonomischen" geführt hat, zu einer Renaissance linker Theorien. Eine Rolle spielt aber auch der Psychotrend, die Diskussion über Depressionen und Burnouts, ausgelöst durch den Selbstmord des Torwarts Robert Enke und den Bestseller "Brief an mein Leben" der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel.
Kino als Katalysator der Coolness
Ein Katalysator der Coolness war lange Jahre das Kino, ein Kühlschrank, dem Humphrey Bogart als Privatdetektiv entstieg, Clint Eastwood als Western-Held und James Dean als jugendlicher Rebell. Die wohl größte Ikone der Coolness aber war James Bond, gespielt von Sean Connery, ein "ewig überlegener Held im stets gutsitzenden Anzug", wie Geiger schreibt, mit "perfekt inszenierter Selbstbeherrschung und stoischer Ruhe in jeder Gefahrensituation". Und heute? "Der neue Bond zeigt Nerven und, schlimmer noch, echtes Gefühl." Seit Daniel Craig die Rolle übernommen hat, agiert Bond hart und schmutzig, ohne galante Sprüche; der Motor seines Handelns ist Rache für den Tod der Frau, die er geliebt hat.
Seit einigen Wochen zieht "Für immer Shrek" die Massen in die Kinos: Im vierten Teil des Animationsabenteuers wird das einzelgängerische Monster endgültig gezähmt, aus dem Ekel und Egomanen wird ein liebender Familienvater. Auch ansonsten dominieren Kinder- und Jugendstoffe die Kinocharts: Gerade gestartet ist "Eclipse", der dritte Teil der Vampir-Saga "Twilight", diese Woche läuft "Toy Story 3" mit großem Trara an, in den vergangenen Monaten hießen die Erfolgstitel zum Beispiel "Hanni und Nanni", "Alice im Wunderland", "Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen", "Wickie und die starken Männer" und "Ice Age 3".
Das Kindchenschema im Kino korrespondiert mit Trends im Modedesign: "Weder eiserne Ladies noch coole Vamps geben den Ton an", schreibt Geiger, "der kindliche gestylte Körper kehrt zurück." Frauen tragen Zöpfe oder niedlich geflochtene Haarkränze, Ballerinas zu Ballonröcken oder klobige Boots zum Kleidchen, weil die Beine darin so mädchenhaft verloren aussehen. "Das Kindliche scheint aber heute weniger für Naivität zu stehen, als vielmehr für die neue Gefühlsbetontheit, die letztlich Frauen wie Männer betrifft."
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Das Problem ist eher, dass sie damit durchkommen. Situationen, die die Coolen von den Cool-Darstellern trennen, gibt es in unserer Gesellschaft kaum noch. Deshalb herrscht in dieser Beziehung ziemliche Verwirrung und eine [...] mehr...
Naaah. Coole Typen entscheiden selbst, was sie lesen. mehr...
Sooo uncool war man "früher" ;-) Wege zum Ruhm - Schluss (http://www.youtube.com/watch?v=A5ura3Wp8YA) Und das beim vielleicht coolsten Regisseur aller Zeiten... mehr...
Um zu einer Aussage über SATC zu kommen, reichen 1-2 Folgen. mehr...
Vorschlag zur Güte: Sie suchen ein Gotteshaus bzw Panteon Ihrer Wahl auf, begeben sich ins Kontemplative und lassen sich nach und nach zum Mitschreiben, die wenigen Fragen, die sich Ihnen noch stellen, beantworten. Oder rauchen [...] mehr...
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