ALLES FALSCH!

Kennen Sie Pecher Premium Pils, Dentex oder Hydro Shower? Nein? Kein Wunder, "Schein Berlin" hat diese Produkte nur fürs Fernsehen erfunden.

Von Jörg Böckem


Möglich, dass Daniel Porsdorf vor zwei Jahren dem Verfassungsschutz unangenehm aufgefallen ist. Damals hat sich der Berliner im Netz umgesehen, hat historische Einträge zum Zweiten Weltkrieg studiert. Irgendwann ist er auch bei Händlern und Sammlern von Nazi-Devotionalien und auf anderen eher heiklen Seiten gelandet. Allerdings nicht aus politischen Gründen: Der 39-jährige Fotograf, der zusammen mit den Grafikern Jan Hülpüsch und Henning Brehm die Firma "Schein Berlin" betreibt, sollte Requisiten für den Film "Der Untergang" gestalten, möglichst echt aussehende Wehrmachtspässe, Schnapsflaschen, Briefpapier und Dokumente der Nationalsozialisten. Zwecks Recherche hatte er das Netz tagelang nach historischen Vorbildern durchsucht.

Falsche Fünfziger: Was die Firma "Schein Berlin" entwirft, kommt zwar ins Fernsehen, aber nie auf den Markt
Julia Baier

Falsche Fünfziger: Was die Firma "Schein Berlin" entwirft, kommt zwar ins Fernsehen, aber nie auf den Markt

"Viel zu sehen war von meiner Arbeit auf der Leinwand dann allerdings nicht", sagt Porsdorf. Aber daran haben sich die drei Kreativen gewöhnt. Sie entwerfen Produkte, deren besondere Qualität darin besteht, eben nicht besonders ins Auge zu fallen.

"Schein Berlin" erfindet Produkte für Filme und TV-Serien. Produkte, die es nicht gibt. Und auch so nie gab oder geben wird. Trotzdem müssen sie so aussehen, als würde es sie geben. Oder zumindest, als könnte es sie geben, irgendwo, irgendwann.

"Filmgrafik" nennt Jan Hülpüsch, 38 Jahre alt und früher Grafiker in der Werbung, diese Nische in der Welt der Gestaltung. Man kann es auch Fakedesign nennen.

Angefangen hatte es im Frühjahr 2000. Damals entwarf Hülpüsch die ersten Produkte für die TV-Serie "Großstadtträume", einen kurzlebigen Ableger der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Da die Serie in der Redaktion eines Lifestylemagazins spielte, war Hülpüschs Hauptaufgabe, all die Modezeitschriften zu gestalten, die im Filmset auf Schreibtischen und Fensterbänken lagen. Als die "Großstadtträume" ausgeträumt waren, wechselte er zur Mutterserie.

Noch heute ist "GZSZ" Großkunde bei "Schein Berlin". Wöchentlich kreieren Hülpüsch, Porsdorf und Brehm ungefähr zehn Produkte, die im Serienalltag zum Einsatz kommen, Etiketten für Bier- oder Champagnerflaschen, Zeitschriften, Bücher, Zahncreme oder Verpackungen für Reiniger.

"Die Sender haben ein großes Interesse daran, keine realen Produkte zu zeigen", sagt Hülpüsch, ein schlanker Mann mit charmantem Berliner Akzent. "Nicht nur, um dem Vorwurf der Schleichwerbung vorzubeugen. Ihr Hauptinteresse ist es ja, die Werbeblöcke in den Pausen zu verkaufen. Und welche Brauerei würde schon gern für ihre Spots bezahlen, wenn in der Serie kostenlos das Bier der Konkurrenz fließt?"

Und läuft das Geschäft noch besser, seit in "Tatort" und "Marienhof" Schleichwerbung gemacht wurde? Nein, merkwürdigerweise habe der Skandal in der ARD im vergangenen Jahr kaum Einfluss auf die Auftragslage gehabt, sagt Hülpüsch. "Man merkt allerdings, dass die Sensibilität dem Thema Schleichwerbung gegenüber größer geworden ist", ergänzt sein Kollege Henning Brehm, 31. "Die Konsequenz ist, dass auf viele Details jetzt einfach verzichtet wird. Da ist der Kühlschrank auf dem Set eben leer oder die Etiketten der Flaschen auf dem Regal sind weiß überklebt. Schön sieht das nicht aus."

Produktdesign für Soaps und Telenovelas ist das Tagesgeschäft der Berliner Firma. Zwischen 20 und 60 Minuten dauert es, bis das Etikett eines japanischen Energiedrinks, ein Plakat für einen fiktiven Film oder, im schlimmsten Fall, Unterlagen für die Präsentation einer Werbekampagne in "GZSZ" samt Firmenlogo Gestalt angenommen haben. Ganz schön flott muss es also zugehen, deshalb hat der Satz "mir fällt nichts ein" Hausverbot. "Wenn gedreht wird, müssen die Entwürfe fertig sein, egal wie", sagt Hülpüsch.

Bevor Hülpüsch ein Bieretikett entwirft, sieht er sich im Internet real existierende Bierflaschen an. "Jedes Produkt hat eine bestimmte Formensprache", sagt er. "Wenn ich einmal ein Gefühl dafür habe, was eine Bierflasche ausmacht, ist es leicht, eine eigene zu gestalten."

Neben dem Internet lässt er sich auch besonders auf Flohmärkten oder in Geschäften inspirieren. "Wenn ich im Urlaub bin, verbringe ich mehr Zeit in Supermärkten als in Museen oder am Strand", sagt Brehm. Dort fotografiert er Verpackungen, besonders interessante Stücke kauft er. Die Mitbringsel helfen vor allem, wenn es darum geht, fiktive ausländische Produkte zu gestalten.

Die Kreationen von "Schein Berlin" müssen meist nur dem flüchtigen Blick standhalten, denn in der Regel wischt die Kamera nur kurz darüber. Trotzdem sind den Grafikern Details wichtig: Alle Verpackungen sind mit Strichcodes und einer Auflistung der Inhaltsstoffe versehen. Dass diese Inhaltsstoffe bei all ihren Produkten identisch sind und alle Biersorten den gleichen Alkoholgehalt von exakt fünf Prozent haben, merkt natürlich niemand.

"Unsere Produkte sind eben nicht ganz zu Ende gedacht", sagt Brehm. "In der wirklichen Welt würden sie nicht funktionieren. Da würde die Entwicklung deutlich mehr Arbeit machen." Deshalb gibt es auch keinen Markenschutz für "Pecher Premium Pils", "Spin Cola", die Zahncreme "Dentex", das Duschgel "Hydro Shower" oder das Diätmittel "Slim Line", das die drei für die Verfilmung des Bestsellers "Moppel-Ich" entworfen haben, der demnächst im ZDF läuft.

Im Paralleluniversum von "Schein Berlin" gelten eben besondere Regeln. Gar kein Platz ist dort für Eitelkeit - sonst ein typisches Charaktermerkmal von Kreativen. "Wir müssen davon ausgehen, dass unsere Arbeit kaum zu sehen ist", sagt Brehm, "im Fernsehen und auch im Kino." Wenn dann doch einer seiner Entwürfe deutlich im Bild ist, sei das umso erfreulicher.

Die fiktiven Bierflaschen, Geldscheine und Diätmittel sind ihre Antwort auf Schleichwerbung
Julia Baier

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Auch ihren gestalterischen Ehrgeiz müssen die drei zügeln. "Natürlich haben wir auch den Anspruch, die Film- und Fernsehwelt ein wenig schöner zu gestalten als die Wirklichkeit", sagt Hülpüsch. "Aber das ist eine Gratwanderung - zu viel Design würde die Produkte zu sehr betonen und in den Vordergrund stellen. Sie sollen sich aber in den Hintergrund und in die Handlung einfügen." Wichtigstes Kriterium sei, dass ihm die Dinge selbst gefallen. Und eine Flasche des selbst gestalteten "Pecher Premium Pils" würde er in der "wirklichen Welt" gern in die Hand nehmen. "Wirkliche Welt" gehört zu den Lieblingsformulierungen der drei Designer, die nur Fiktives für fiktive Welten gestalten.

Außer die Fernsehserien beliefert "Schein Berlin" immer häufiger auch Kinoproduktionen. Während der Dreharbeiten zu "Die Bourne Verschwörung" in Babelsberg haben sie zum Beispiel eine Filiale der Supermarktkette Kaiser's in Berlin-Tempelhof zu einem russischen Supermarkt umgerüstet, inklusive Schildern und Regalen voller russischer Produkte.

Bei dem Kinofilm "The Good German" von Regisseur Steven Soderbergh, der schon jetzt als möglicher Oscar-Kandidat gehandelt wird, hat Brehm kürzlich geholfen, in US-Studios das Nachkriegs-Berlin zur Zeit der Potsdamer Konferenz nachzubauen.

Die Arbeit für große Kinoproduktionen sieht Brehm als besondere Herausforderung. "Hier ist akribische Recherche nötig, die Gestaltung steht in einem größeren Zusammenhang, und es wird größerer Wert auf die Details gelegt", sagt er. Hier ist Weltverschönerung schon eher möglich.

Für die düstere Comic-Adaption "V wie Vendetta", seit März im Kino, hat Brehm seine bisher aufwendigste Arbeit geleistet: Er hat beispielsweise das Corporate Design einer fiktiven totalitären Regierung entworfen, inklusive Flagge und Polizeiwagen, dazu Zeitschriftencover, Plakate, ein Fernsehstudio und das Signet eines Senders. Gleichzeitig mit der DVD des Films soll ein Buch mit den Entwürfen Brehms erscheinen. Besonders stolz ist er auf seine Geldscheine. "Der Film spielt im England der Zukunft, das britische Königshaus ist längst Geschichte." Also hat er Scheine entworfen, die das Antlitz des totalitären Kanzlers Adam Sutler zeigen.

John Hurt, der Schauspieler, der den Kanzler spielt, hat Brehm einen Geldschein signiert, mit Widmung. Brehm hat den Schein gerahmt und in der wirklichen Welt aufgehängt. Ganz ohne Eitelkeit geht es eben auch bei den Gestaltern der Scheinwelt nicht.


Website: www.schein-berlin.de , Tel. 030/44 31 78 74.



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