Böse begabt Biest mit Herz

Niemand spielt das böse Mädchen, das man einfach gern haben muss, so gut wie die Britin Emily Blunt.

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Die meisten Schauspieler in Hollywood betonen gern und oft, wie wahnsinnig viel sie zu tun hätten, nie habe man Zeit für irgendwas, schrecklich sei das. Emily Blunt - mit der allein im März in den USA und Großbritannien drei Filme herausgekommen sind, mindestens einer in diesem Jahr noch startet, einer gerade gedreht wird und die für das Interview gerade ihre Mittagspause opfert - sieht das ganz anders: "Es ist nicht so, dass ich den ganzen Tag nichts zu tun hätte", sagt sie mit unaufdringlichem englischen Akzent, "aber ehrlich, in diesem Beruf hat man doch deutlich mehr Freizeit als die meisten anderen Menschen. Das ist ja so toll daran!"

Trotzdem kann sie sich in Zukunft auf ein paar freie Tage weniger einstellen, denn Emily Blunt, 1983 in London geboren, ist zurzeit eine der gefragtesten Schauspielerinnen der Welt - und sie gilt als eine der besten. Findet immerhin auch Meryl Streep, die den gemeinsamen Auftritt in "Der Teufel trägt Prada" vor drei Jahren mit den Worten kommentierte, sie habe wohl noch nie mit so einer begabten jungen Schauspielerin zusammengearbeitet. Denn mit ihrem relativ kleinen, aber unvergesslichen Auftritt als biestige Chefredakteursassistentin ("Ich bin nur noch eine Magengrippe von meinem Traumgewicht entfernt!") hatte sie die eigentliche Hauptdarstellerin Anne Hathaway eher blass aussehen lassen, und sogar Streep musste um jede gemeinsame Szene kämpfen.

Das hat außer dem Publikum auch Hollywoods Casting-Agenten beeindruckt. "Der Film hat mir Türen geöffnet, von denen ich vorher gar nicht gewusst hatte, dass es sie gibt", erzählt Blunt. "Ich war auch vorher mit meiner Karriere zufrieden. Doch plötzlich saß ich in diesem Katapult und wurde nach oben geschleudert. Beängstigendes Gefühl, aber kein schlechtes."

Schauspielerin sei sie eher zufällig geworden, sagt sie. Mit 16 kam die Tochter einer Lehrerin und eines Anwalts in das angesehene Internat Hurtwood House und fing zum Spaß an, Theater zu spielen. Das machte sie ganz gern und offenbar auch ganz gut. Noch während der Schulzeit wurde ein Agent auf sie aufmerksam und verschaffte ihr bald Bühnenauftritte im Londoner West End und erste Fernsehrollen, etwa in "Henry VIII" oder "Foyle's War". Typisch britische Rollen in den typisch britischen Historiendramen - das hätte lange so weitergehen können, wenn sie nicht bald eine noch bessere Nische für sich gefunden hätte: das liebenswerte Biest.

Zum ersten Mal erlebte man sie so 2004 in Pawel Pawlikowskis mehrfach preisgekröntem Teenager-Drama "My Summer of Love", in dem sie die manipulative Oberklasse-Schülerin Tamsin spielte, die eher aus Langeweile als aus Leidenschaft eine Affäre mit einem Mädchen aus der Arbeiterklasse beginnt. Emily Blunt zeigte ihre dunkle Seite, und machte das so gut, dass sie das bald ständig tun durfte - eben als die hochnäsige Zicke in "Der Teufel trägt Prada", als weinerliche und ihre ganze Umgebung nervende Lehrerin in "Der Jane Austen Club" oder als arrogantes College-Girl im Horrorfilm "Der eisige Tod". Überall war sie das böse Mädchen, das man doch einfach gern haben musste.

"Ich mag eben Charaktere, die nicht so stromlinienförmig sind", sagt Blunt, die im wahren Leben übrigens überaus freundlich und natürlich wirkt. "Außerdem kann ich wohl ganz gut geheimnisvoll gucken, das ist für zwiespältige Figuren ideal."

Als solche ist sie hierzulande bald auch in ihrem neuen Film "Sunshine Cleaning" zu sehen, in dem sie an der Seite von Amy Adams - der anderen großen weiblichen Hoffnung in Hollywood - die chaotische, nur ein kleines bisschen zickige Norah spielt, die gemeinsam mit ihrer Schwester aus der Not heraus ein Putzkommando für blutige Verbrechensschauplätze gründet. Ein kleiner, amüsanter Filmspaß, der in den USA langsam zum Hit heranwächst und seinen besonderen Charme vor allem seinem Schauspielerinnen-Duo zu verdanken hat. "Amy und ich haben uns beim Dreh gegenseitig gutgetan", sagt Blunt. "Wir stehen in unserer jeweiligen Karriere gerade in einer vergleichbaren Position und hatten in den gemeinsamen Szenen natürlich beide immer genau im Auge, was die andere tut. So haben wir uns wohl noch mehr ins Zeug gelegt. Etwas Konkurrenz ist immer gut und mit einer Freundin wie Amy Adams noch viel besser."

Damit sie es ganz nach oben schafft, muss Emily Blunt ihr Repertoire allerdings langsam erweitern, denn in Hollywood kommen böse Mädchen zwar weit, aber eben nicht überall hin. Blunt ist sich dessen bewusst und freut sich darauf, allen zu beweisen, dass noch viel mehr in ihr steckt. Den ersten Schritt dahin dürfte sie mit der Titelrolle in der kürzlich in Großbritannien gestarteten Königinnen-Biografie "The Young Victoria" getan haben, in der sie sich als junge und lebenslustige Monarchin von ihrer gewinnendsten Seite präsentiert. Kritiker von "Times" bis "Variety" bescheinigen ihr für diese Leistung schon das Potential einer großen Leading Lady. Im November wird man sie im Werwolf-Spektakel "The Wolf Man" neben Benicio Del Toro zum ersten Mal als weibliche Hauptfigur in einem mit Effekten beladenen, geplanten Blockbuster erleben. Gerade steht sie für "Gullivers Reisen" als Prinzessin von Lilliput vor der Kamera.

Nicht, dass sie jetzt nur noch das brave Mädchen geben wolle. "Ich möchte meine Karriere nicht zu sehr berechnen, das geht am Ende ohnehin nur schief", sagt Blunt. "Von den Rollen, die ich kriegen kann, suche ich mir einfach die spannendsten aus. Aussuchen zu können, ist ja schon ein großes Privileg. Und Sie wissen ja, solange ich zwischendurch genug Urlaub habe, bin ich sowieso glücklich."



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