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"Der Designer ist der Prototyp unserer Zeit"

Von Susanne Weingarten

Der US-Medientheoretiker Lev Manovich über Remixe als neue ästhetische Ideologie, das Verschmelzen der Kunstformen und den Wert von Originalität

KulturSPIEGEL: Mr. Manovich, die Digitalisierung erlaubt ganz neue Formen des Zitierens und Zusammenschneidens, der Mischung und des Sampelns, wie man in Blogs oder Mashups im Internet, aber auch im Kino, im Pop oder in der Kunst erleben kann. Entwickelt sich hier eine neue Ästhetik?

James-Bond-Filme kombiniert mit dem Scheidungsdrama "Rosenkrieg" ergeben "Mr. and Mrs. Smith
[M] DPA; CINETEXT; Kinowelt

James-Bond-Filme kombiniert mit dem Scheidungsdrama "Rosenkrieg" ergeben "Mr. and Mrs. Smith

Lev Manovich: Ich glaube schon, dass dieses Phänomen des Remixes in allen seinen unterschiedlichen Formen die charakteristische Ästhetik unserer Zeit ist. Das Remixen hat ja Anfang der siebziger Jahre im Pop begonnen und ist längst fester Bestandteil der Musikindustrie. Aber erst seit den Neunzigern dehnt es sich auch auf andere kulturelle Bereiche aus.

KulturSPIEGEL: Und nun bekommen wir die Kultur, welche die Verkünder der Postmoderne vorhergesagt hatten?

Manovich: Die Debatte über die Postmoderne war nur der Anfang. Erst der Computer macht das Remixen sehr, sehr leicht. Er gestattet es, fast ohne Anstrengung Bestandteile einzelner Medien abzurufen und mit anderen Medien zu verbinden. In den letzten Jahren ist das Remixen dadurch zu einem Massenphänomen geworden. Im Internet finden Sie etwa Videos von Bush-Reden, die mit Musik unterlegt oder mit anderen Informationen gekoppelt sind: sozusagen politische Remixe.

KulturSPIEGEL: Gesellschaften haben immer ältere Quellen für ihre Zwecke neu adaptiert; schon die Römer haben die Griechen remixt. Was ist heute anders?

Manovich: Zum Ersten der Umfang: Wenn Millionen von Leuten betroffen und beteiligt sind, reden wir einfach von einer anderen Größenordnung. Allein die Website myspace.com hat im Augenblick 93 Millionen Mitglieder, jedes mit einer eigenen Webseite, und die Software fordert sie geradezu dazu auf, Material aus anderen Quellen zu übernehmen. So wird jeder zu seinem eigenen Remix-Künstler. Zum Zweiten ist heute die Geschwindigkeit anders: Wenn jemand etwas online veröffentlicht, haben alle anderen weltweit augenblicklich Zugang dazu.

KulturSPIEGEL: Ist ein Remix die Summe seiner Teile, oder ist er mehr: ein ganz eigenes neues Kulturprodukt?

Manovich: Interessant finde ich weniger den einzelnen Remix als den Vorgang selbst. Ich denke gerade über etwas nach, was ich "tiefes Remixen" nenne. Damit meine ich Folgendes: Etwa seit Mitte der neunziger Jahre werden leistungsstarke Programme entwickelt, welche die verschiedensten künstlerischen Verfahren und Techniken für den Computer nachbilden - und zwar Verfahren, die früher einer einzigen künstlerischen Gattung zugeordnet waren.

KulturSPIEGEL: Zum Beispiel?

Manovich: Nehmen wir die Tiefenschärfe, also die Tatsache, dass Kameraobjektive immer nur einen bestimmten Ausschnitt des Bildraums scharf zeigen können. Fotografen und Kameramänner haben sich diese Eigenschaft der Kamera zunutze gemacht, um künstlerische Effekte zu erzielen. Ein Grafiker hingegen hätte nie daran gedacht, bei seiner Arbeit mit Tiefenschärfe-Effekten zu arbeiten. Mit der Virtualisierung hingegen verliert sich die Gattungsgebundenheit aller künstlerischen Verfahren. Tiefenschärfe wird einfach zu einem Algorithmus. Der Computer ist eine Art Petrischale, in der alle Techniken durch die Bank für alle künstlerischen Formen genutzt werden können. Wenn Sie heute den Fernseher einschalten, sehen Sie Werbung oder Musikvideos, die mit dem Tiefenschärfe-Effekt arbeiten, obwohl sie gar nicht mit einer Kamera gedreht worden sind.

KulturSPIEGEL: Und was heißt das für das Remixen?

Manovich: Dass es nicht nur eine Frage des Stils oder der Inhalte ist, sondern der fundamentalen Verfahren, die uns zur Verfügung stehen. Dass jetzt alle künstlerischen Gattungen denselben Satz an Techniken, dieselbe Ikonografie, dieselbe Vorstellungswelt teilen, ist eine grundlegende historische Veränderung. Die DNA einer Gattung - sagen wir des Kinos - wird in die Zelle einer anderen Gattung - sagen wir der Architektur - übertragen. Dadurch verändert sich die Ästhetik unserer Medienwelt vor unseren Augen, und zwar sehr schnell.

KulturSPIEGEL: Wo findet man Beispiele für diese Hybridisierung der Formen?

Aus der schwarzen Musik von Jay-Z und dem "White Album" der Beatles hat DJ Danger Mouse das "Grey Album" gemixt
[M] AP

Aus der schwarzen Musik von Jay-Z und dem "White Album" der Beatles hat DJ Danger Mouse das "Grey Album" gemixt

Manovich: Etwa auf dem Feld der "motion graphics", bewegten digitalen Bildern, die unter anderem in der Werbung zur Anwendung kommen. Wenn man sich "motion graphics" anschaut, wird man feststellen, dass sie fast immer unterschiedliche künstlerische Verfahren verbinden. Das ist inzwischen der Standard geworden; wir haben offenbar Spaß an dieser Spielwiese der Formen. Digitale Avantgarde-Techniken haben sich inzwischen sogar in ganz normale Fernsehserien eingeschlichen, etwa "CSI". Das Fernsehen, das ja jahrzehntelang optisch sehr langweilig war, hat dadurch enorm an Raffinesse gewonnen. Menschen, die im Museum immer noch keinen Zugang zur abstrakten Kunst hätten, werden vor dem Fernseher heute im Grunde einer Avantgarde-Ästhetik ausgesetzt - und niemand beschwert sich, weil es in einem anderen Kontext passiert. Es ist nicht "Kunst", es ist cool.

KulturSPIEGEL: Wenn die Künste alle im Computer verschmelzen, werden wir dann irgendwann auch nicht mehr zwischen Fotografen, Filmemachern, Malern, Musikern oder Architekten unterscheiden, weil alle irgendwie "Computerkünstler" sind?

Manovich: Es spielt eigentlich keine Rolle mehr, in welcher künstlerischen Disziplin man arbeitet, weil sie letztlich alle Unterordnungen von Design sind. Ich glaube, dass der Designer die neue prototypische Figur unserer Zeit ist.

KulturSPIEGEL: Bitte erklären Sie uns, wie aus einem Filmemacher ein Designer wird.

Manovich: Nun, im Kino wird der Bereich der Postproduktion immer wichtiger, also der Auf- und Nachbereitung der Filmaufnahmen. Was immer man bei den Dreharbeiten filmt, ist im Hollywood-Kino nur noch ein Element, das anschließend am Computer bearbeitet und mit anderen Elementen, etwa digitalen Effekten, kombiniert wird. Die Vorbereitungen für einen Film dauern vielleicht zwei Jahre, der eigentliche Dreh einen Monat und die Postproduktion dann bis zu ein, zwei Jahren. Sie ist heute die eigentliche Arena des Filmemachens, und darum wird der Filmemacher zum Designer.

KulturSPIEGEL: Es gibt Gegenbewegungen, etwa "Dogma", welche die digitale Technologie für eine gewollt rohe, authentische Realitätsnähe einsetzen statt für die Verfremdung am Computer. Man kann also mit denselben Mitteln ganz unterschiedliche Ästhetiken verfolgen.

Manovich: Das kann man, klar. "Dogma" lässt sich verstehen als Reaktion darauf, dass Hollywood immer mehr eine Special-Effects-Fabrik wird. Aber meine These ist, dass wir eine Art Evolution erleben werden, wo zwar alles denkbar ist, aber eine Art natürlicher Auswahl dafür sorgt, dass manches passiert, anderes hingegen nicht. Wenn erst einmal eine ausreichend große Zahl von Kulturschaffenden in allen Gattungen die digitalen Werkzeuge nutzt, dann ergeben sich daraus fast unausweichliche Folgen: Gemacht wird, was die Software erlaubt.

KulturSPIEGEL: Und das ist der Remix. Zumindest in der Literatur gilt es noch als Plagiat, wenn man einfach das geistige Eigentum eines anderen, und wenn auch nur in Teilen, übernimmt. Solche Aneignung wird gesellschaftlich - und auch rechtlich - verdammt. Wird sich das ändern?

Manovich: Sie haben Recht, diese Verdammung gibt es. Dabei remixen alle, aber niemand steht dazu. Bis jetzt hat nur die Musikbranche das Remixen in ihre Geschäftsstrukturen integriert: Man muss die Rechte der Stücke kaufen, die man sampelt. Es gibt erste Ansätze, neue Formen des Urheberrechts zu entwickeln, etwa die "creative commons"-Lizenzen, bei denen die Urheber festlegen, welche Nutzung sie zulassen. Weil es sich bei der Urheberfrage letztlich um eine wirtschaftliche Frage handelt, in der es um ein wichtiges Kapital der Gesellschaft geht, werden die Betroffenen sie nicht einfach fallenlassen. Aber trotzdem werden die Leute weiter remixen, einfach weil die heute verfügbare Software es nicht nur zulässt, sondern geradezu herausfordert.

KulturSPIEGEL: Was geschieht mit der Originalität, wenn jedes neue Werk nur aus alten Bausteinen besteht?

Manovich: Originalität wird so wichtig wie eh und je bleiben, ich würde sogar sagen wichtiger. Wir leben in einer Zeit, in der Kreativität, Kulturtourismus und Kulturkonsum wichtige Antriebskräfte für die Wirtschaft sind; darum ist der Bedarf an neuen Impulsen, neuen Erfindungen sehr groß. Aber man kann ja auch etwas Neues erfinden, indem man alte Elemente remixt und neu zusammensetzt. Dass die Software-Technologie das heute mit noch nie da gewesener Leichtigkeit und Komplexität erlaubt, eröffnet einen ganzen Kosmos neuer Möglichkeiten, der uns meiner Meinung nach noch Jahrzehnte beschäftigen wird. Vor allem, wenn man diese Entwicklung zusammen mit der gesellschaftlichen Globalisierung denkt, die in gewisser Weise genau denselben Prozess darstellt, nur auf einer anderen Ebene.

Der Film "Castaway" und die TV-Serie "Akte X" sind Grundlage für den Fernsehhit "Lost"
[M] REUTERS; AP

Der Film "Castaway" und die TV-Serie "Akte X" sind Grundlage für den Fernsehhit "Lost"

KulturSPIEGEL: Web-Idealisten pflegen die Hoffnung, dass der neue Zugang des einzelnen Bürgers - etwa als Blogger - zu einer weltweiten Netzöffentlichkeit bessere Information, größere Durchlässigkeit für politische Systeme und damit am Ende auch mehr Demokratie bedeutet. Teilen Sie diese Hoffnung?

Manovich: Es wäre ein Fehler, eine pauschale Aussage darüber zu treffen, weil wir ganz offensichtlich mit einem Widerspruch leben. Diese Telekommunikationstechnologien, die es jedem erlauben, etwa Videos auf youtube.com zu stellen oder herunterzuladen, haben sich im Laufe der vergangenen fünf Jahre entwickelt, und die sind - zumindest in den USA - eine sehr, sehr dunkle und konservative Ära gewesen. Die aus den sechziger Jahren überkommene Hoffnung von Medienaktivisten oder Medienwissenschaftlern, dass man den Menschen nur den Zugang zu den Produktionsmitteln verschaffen muss, und schon wird sich alles ändern, diese Hoffnung lässt sich also offenbar nicht halten. Die entscheidende Frage in einer kapitalistischen demokratischen Gesellschaft war immer schon: Wer findet Gehör? Man konnte ja auch früher einen Leserbrief schreiben, aber damit bewirkte man noch lange nichts. Und die heutige Wucherung von hausgemachtem Output verstärkt dieses Problem nur: Wenn man mit 30.000 anderen Videos konkurriert, wie erzielt man dann eine Wirkung? Dazu bräuchte man wieder Geld, um eine Werbekampagne zu starten.

KulturSPIEGEL: Und das haben nur die Profis, nicht die Amateure. Dabei sollte die Digitalisierung doch die Trennung zwischen diesen beiden Gruppen aufheben.

Manovich: Ein Stück weit ist die Trennlinie auch ausradiert. Jeder kann sich heute eine DV-Kamera kaufen und einfach drauflosfilmen. Aber wenn man sich die Mediengeschichte seit dem späten 19. Jahrhundert anschaut, dann hat es immer die Grenze zwischen Profis und Amateuren gegeben. Sie wurde gezogen anhand von ästhetischen Standards, aber auch von technologischen: Lange verwendeten beispielsweise die Amateure 8- oder 16-Millimeter-Film, die Profis dagegen hatten 35-Millimeter-Film und teure Kameras. Und wenn man heute etwa "professionelle" Tonqualität will, muss man in ein professionelles Tonstudio gehen.

KulturSPIEGEL: Gewinnt die Industrie den Wettkampf also prinzipiell?

Manovich: Sie wird auf jeden Fall alles tun, um Technologien zu erfinden und Standards zu setzen, die der Einzelne an seinem Laptop nicht reproduzieren kann. Das ist natürlich reine Ideologie, eine ästhetische Ideologie. Je mehr die Demokratisierung der Medienherstellung voranschreitet, desto mehr wird die Industrie versuchen, Differenzierungsmerkmale zu schaffen.

KulturSPIEGEL: Wo sehen Sie im Augenblick die Trennlinie?

Manovich: Nun, im Augenblick erleben wir in der professionellen Bildgestaltung einen Trend zu immer perfekteren, immer schöneren Bildern. Das ist Bestandteil der digitalen Evolution: Alles wird durch die Photoshop-Software gejagt. Wir sind noch nie von so einheitlich schönen Bildern umgeben gewesen. Aber während wir einerseits diese Bilderwelten haben, in denen jeder Pixel getunt ist, machen sich andererseits die vernetzten Massen auf und drehen rohe, verwackelte, unscharfe Videos mit ihren Webcams oder Handys, die amateurhafter wirken denn je zuvor. Obwohl die Digitalisierung also einen demokratischen Effekt haben soll, erzeugt sie auf ganz sonderbare Weise eine neue Trennung zwischen Profis und Amateuren.

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© KulturSPIEGEL 8/2006
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