Sind Kultur und Design heute also keine Katalysatoren der Coolness mehr, sondern so etwas wie die Avantgarde der Anti-Coolness?
Es spricht einiges dafür, zum Beispiel der Trend im Möbeldesign: weg vom Purismus glatter, kalter, klinisch reiner Oberflächen, hin zu Materialien mit Macke. Viele Designer verwenden Massivholz, inklusive Astlöchern und asymmetrischen Maserungen, oder recyceln Fundstücke: Fernando und Humberto Campana haben Sessel aus Kuscheltieren collagiert, Stephen Burks hat einen Tisch aus zerschredderten Design-Heften entworfen, Martino Gamper hat in 100 Tagen 100 alte Stühle auseinandergenommen - und zu 100 neuen zusammengesetzt. Es sind Lieblingsstücke mit handwerklicher Note, Möbel mit Aura, die eine Sehnsucht nach Geschichte und Geschichten befriedigen.
In der Bildenden Kunst erzielen die Ikonen des Cool zwar noch Höchstpreise, haben ihre besten Zeiten aber wohl hinter sich, etwa die Popstar-Künstler Jeff Koons und Damien Hirst mit ihrer entpersönlichten Objektkunst. Cool sind auch die Bilder eines Tim Eitel, in ihnen kündigt sich der Klimawandel aber bereits an: Seine Figuren sind Menschen ohne Eigenschaften, die allein und unbehaust wirken, verloren in geometrischen Interieurs. Sie sind cool, aber nicht begehrenswert - entfremdete No-Names, leblose Avatare, coole Zombies.
Rückkehr der Authentizität in der Kunst
Der neue Fetisch der Kunst hingegen heißt Authentizität. Schon bei der letzten Documenta 2007 prägten Alltagsinszenierungen das Programm: Der Chinese Ai Weiwei schickte 1001 Landsleute als Touristen durch Deutschland und erklärte dies zum Kunstwerk, der spanische Meisterkoch Ferran Adrià ließ in seinem Restaurant "El Bulli" jeden Abend zwei Ausstellungsbesucher an einem reservierten Documenta-Tisch speisen. In den Feuilletons ist die Rede von einer Renaissance der Performancekunst: Anfang des Jahres belebte Tino Sehgal das New Yorker Guggenheim Museum mit konstruierten Situationen, verbot aber fotografische und filmische Dokumentationen seiner Arbeit. Kaum war sein sensationeller Auftritt beendet, lud das New Yorker Museum of Modern Art zu einer mächtig gehypten Retrospektive der Alt-Avantgardistin Marina Abramovic. Während der Öffnungszeiten der Ausstellung saß sie regungslos auf einem Stuhl im Atrium und schwieg, insgesamt 721 Stunden lang, während auf einem Stuhl ihr gegenüber wechselnde Besucher Platz nahmen. Für Abramovic war das quälend, für die Besucher beklemmend.
Die Liebe zur Authentizität teilt die Gegenwartskunst mit dem Gegenwartstheater, und so lässt Rimini Protokoll Trauerredner und Altenheimbewohner auftreten, Volker Lösch Arbeitslose und Ex-Knackis, Dirk Laucke Ghettobewohner und Hardcore-Fußballfans. Der Frankfurter Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann hat diesen Trend einmal mit dem hohen Druck unserer Gesellschaft begründet, "immer die richtige Figur zu machen: nicht nur für die Eliten in Politik und Wirtschaft, sondern für jeden". Die Anforderungen, sich permanent darzustellen, seien groß wie nie. Daraus folge die Angst, "ob hinter den Rollen überhaupt noch jemand ist". Die Zuschauer sehnen sich daher nicht nach perfekten Profis in perfekten Inszenierungen, sondern nach dem Echten, Wahren, Unverfälschten. Es ist dieselbe Sehnsucht, der Lena Meyer-Landrut ihren Sieg beim "Eurovision Song Contest" zu verdanken hat.
Einst war Coolness ein Ausdruck der Rebellion, ein Instrument der Abgrenzung und Individualisierung, heute ist sie auf dem besten Weg, ein Ausdruck der Angepasstheit zu werden. Weil unser kapitalistisches Wirtschaftssystem nach Affektkontrolle verlangt und nach permanenter Inszenierung. Weil Identität in unserer durchdesignten PR-Welt zur Managementaufgabe verkommen ist und Politik zur Show.
Der Coole ist ein armes Würstchen
Allzu sehr übertreiben mit ihren Posen dürfen Politiker es nicht, das haben schon vor einigen Jahren die Reaktionen der westlichen Presse auf Fotos gezeigt, auf denen sich Putin mit nacktem Körper beim Angeln inszenierte und Sarkozy als reitender Cowboy mit kariertem Hemd. Wer eine traditionell coole, männlich markante Attitüde an den Tag legt, macht sich lächerlich. Die vielbeschworene Coolness Obamas hingegen meint mehr eine Lässigkeit, eine Geschmeidigkeit der Bewegungen: "Zu wirklicher Coolness würde ganz zentral die Bereitschaft gehören, sich von der Gesellschaft zu entfernen", sagt die Kulturwissenschaftlerin Geiger. Der erste schwarze Präsident der USA hingegen ist eine Integrationsfigur.
Die "Weltenretter-Sehnsucht" der Gesellschaft macht Geiger auch an dem jesushaften Aussehen mancher Männermodels fest, allen voran dem zottelbärtigen Patrick Petitjean, den die H&M-Herbstkampagne 2009 populär gemacht hat. Er repräsentiert ebenso einen uncoolen Männertyp wie die Models, die Vivienne Westwood Anfang dieses Jahres für die Mailänder Modewoche als Obdachlose stylte, mit graugefärbten Haaren und Schlafmatten in den Händen. "Der Mann ist als Leidender inszeniert", sagt Geiger.
Der klassisch Coole leidet nie, im Gegenteil: Er spielt mit dem Tod, um sich und seinem Umfeld seine Unabhängigkeit vom Tod zu demonstrieren. Er kümmert sich nicht um seinen Körper, er kauft kein Biobrot und kein alkoholfreies Bier, er geht nicht ins Fitnessstudio und nicht in eine Wellness-Oase. Er passt nicht in eine Welt, in der Rauchen verboten ist, ebenso wenig wie in eine Welt, in der Bücher über Krankheit und Sterben Bestseller sind, so wie jene von Christoph Schlingensief, Georg Diez, Jürgen Leinemann, Tilmann Jens und Miriam Pielhau.
Der Coole ist ein Draufgänger - und ein armes Würstchen.
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