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Kino: Der Unbeugsame

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Ist Uwe Boll aus Mainz der schlechteste Regisseur der Welt oder ein missverstandener Rebell?

Die Katze als Schalldämpfer, das ist eine seiner Lieblingsszenen, die muss sitzen, aber irgendetwas stimmt noch nicht so ganz. "Da müssen wir noch mal ran, glaube ich", sagt Uwe Boll, die Stirn in Falten, mit konzentriertem Blick. "Die Katze muss gequälter klingen, wenn der Typ sie auf die Pistole steckt."

Boll, 42, sitzt in einem kleinen Vorführsaal der Herold Studios in Frankfurt am Main, einer Firma für Ton-Nachbearbeitung, es läuft sein neuer Film "Postal", das soll sein Meisterwerk werden, nur der letzte Schliff fehlt. Es ist der 26. Februar, ein Tag nach der Oscar-Verleihung, die hat er nicht weiter beachtet. Relevanter war die Vergabe der Goldenen Himbeeren zwei Tage vorher. Er war zum wiederholten Male als schlechtester Regisseur nominiert, hat aber schon wieder nicht gewonnen.

In "Postal" geht es um einen netten Amerikaner (Zack Ward), der Amok läuft, als ihm die Absurdität des Alltags zu sehr aufs Gemüt schlägt. Es gibt ein Videospiel, auf dem der Film basiert, aber eigentlich ist er eine wüste Satire auf alles Mögliche und die Gesellschaft an sich - islamistischer Terror, Sektenkult, George W. Bush und so weiter.

Der Film beginnt im Cockpit des ersten Flugzeugs, das in das World Trade Center rasen soll. Die zwei Attentäter rätseln, wie viele Jungfrauen im Jenseits auf sie warten und fragen bei Osama Bin Laden per Handy nach. Enttäuscht von der Antwort entschließen sie sich zur Umkehr, doch just dann stürmen die Passagiere hinein, und der Jet steuert in den Turm. In einer späteren Szene wird ein zwergwüchsiger Hollywood-Star von einer Affen-Armee vergewaltigt. Boll rechnet damit, dass "Postal" ein Skandal wird, das bringt Publicity, und die bringt Zuschauer, theoretisch.

Es muss klappen, denn im Oktober beginnt sein Frontalangriff auf die deutschen Kinos. Drei Filme von Uwe Boll laufen zwischen dem 18.10. und dem 29.11. an, jeder vom Regisseur als Superlativ deklariert: erst die geschmackloseste Satire, die es je gab ("Postal"), dann der brutalste Horrorfilm ("Seed") und - als Spektakel zum Schluss - nichts weniger als einer der teuersten europäischen Filme ("Schwerter des Königs", mit mehr als 60 Millionen Dollar Produktionskosten laut Boll noch kostspieliger als Tom Tykwers "Das Parfum").

Besonders auf Letzterem, einem aufwendigen Fantasy-Epos mit Jason Statham und einem Wachsfigur-ähnlichen Burt Reynolds, lasten äußerst hohe Erwartungen. "Damit wollen wir gegen ,Herr der Ringe' anstinken", sagt Boll, der in einer schicken, fast möbelfreien weißen Villa am Mainzer Stadtrand wohnt. "Eine Million Zuschauer muss man hier dann schon schaffen."

Gut, jeder Teil der "Herr der Ringe"-Trilogie hatte allein in Deutschland über zehn Millionen Zuschauer, dennoch ist auch eine Million ein ehrgeiziges Ziel. Bolls letzter Film "BloodRayne" kam in Deutschland gar nicht erst in die Kinos. Weltweit spielte die schätzungsweise 25 Millionen Dollar teure Vampir-Story mit Kristanna Loken und Oscar-Preisträger Ben Kingsley im Kino etwa 2,4 Millionen Dollar ein. Laut Boll - der einen Doktor in Literaturwissenschaften hat und sich als Künstler und Ökonom sieht - trotzdem kein Verlustgeschäft. Auf DVD sei der Film ein Renner gewesen. Mittlerweile gibt es sogar einen zweiten Teil, mit Wildwest-Touch, erheblich billiger produziert, mit einer anderen Darstellerin, der erscheint direkt als DVD, ebenfalls Ende November.

Die ersten Kritiken über die Vampir-DVD in den USA waren vernichtend. Das ist nichts Neues, es passiert eigentlich jedes Mal. Boll regt sich schon nicht mehr darüber auf. Auf der für die ganze Branche maßgeblichen Internet-Seite www.imdb.com rangieren drei seiner Filme unter den schlechtesten hundert überhaupt. Es gab schon eine Petition, um ihn per Unterschriftenaktion vom weiteren Filmemachen abzuhalten. Zu ihm passt der Spitzname "Disaster Master", für viele ist er einfach der schlechteste Regisseur der Welt.

Er trägt es mit Fassung, mit ein bisschen Stolz sogar, obwohl er die Sache natürlich ganz anders sieht. Im vergangenen Jahr hat er einen Boxkampf organisiert und ein paar Kritiker blutig geprügelt, die nur mit einer PR-Show gerechnet hatten.

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© KulturSPIEGEL 10/2007
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Regisseur Boll: Spitzname "Disaster Master"
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Regisseur Boll: Spitzname "Disaster Master"


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