Lost Girls Dame mit Unterleib

Nicht ins Wunderland, sondern ins Sexland wird Alice von Alan Moore geschickt. Nun darf sein Comic-Porno auf Deutsch erscheinen.

Von Jörg Böckem


Sigmund Freud hat Schuld. Ohne den Begründer der Psychoanalyse hätte es "Lost Girls" wohl nie gegeben. Und es wäre nicht zum Äußersten gekommen - zu Inzest und Sodomie, zu drogenbefeuerten Orgien und Ausschweifungen zwischen Männern und Frauen. Auch Egon Schiele, Oscar Wilde und Igor Strawinski haben ihre Spuren hinterlassen; Lewis Carroll, James Matthew Barrie und Lyman Frank Baum sowieso. Auch wenn sie davon nie etwas erfahren haben.

Wahrscheinlich wäre Carroll sehr verstört gewesen, in welches Wunderland der britische Comic-Autor Alan Moore seine Alice schickt: Anfang des 20. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg wirft schon bedrohliche Schatten voraus, treffen drei scheinbar sehr unterschiedliche Frauen in einem Hotel in den österreichischen Bergen zusammen. Alice, weltläufig und im fortgeschrittenen Alter, stammt aus der britischen Oberschicht und macht aus ihren lesbischen Neigungen keinen Hehl. Wendy ist mit ihrem Ehemann angereist, sie ist jünger, aber auch gehemmt und unsicher. Dorothy, die Jüngste, ist ein ungeschliffener Wildfang, aufgewachsen auf einer Farm in der amerikanischen Provinz. Die drei Frauen spüren trotz aller Unterschiede eine Art Verwandtschaft und kommen sich näher, in so ziemlich jeder Hinsicht. Sie erzählen sich ihre Lebensgeschichten, besonders ihre sexuellen Erfahrungen, und nutzen die expliziten Berichte wiederum als Aphrodisiakum für ihre Sexspiele, in die auch die Hotelbelegschaft und andere Gäste miteinbezogen werden. Orgiastische Tage, eine Art letztes Aufbäumen der Lust und des Lebens, bevor Soldaten in das Hotel einfallen.

Ein geplanter Skandal? Ein Porno mit den Hauptfiguren Alice aus "Alice im Wunderland", Wendy Darling aus "Peter Pan" und Dorothy Gale aus dem "Zauberer von Oz"? Nein, das hieße, den Comic "Lost Girls", dessen drei Bände Ende Mai auf Deutsch erscheinen, zu unterschätzen. Denn Alan Moore ist seit Jahrzehnten der wohl bedeutendste Autor des Genres. Als Sohn eines Brauereiarbeiters im englischen Northampton geboren, wo er heute noch lebt, gehört er zu den Autoren, die in den achtziger Jahren das in Formelhaftigkeit und Oberflächlichkeit erstarrte Genre des Superhelden-Comics neu belebten und den Geschichten Tiefe gaben. Mit Werken wie "Watchmen - Die Wächter", "V wie Vendetta", "Batman - The Killing Joke", "From Hell" oder "The League of Extraordinary Gentlemen" hat er seitdem ein ums andere Mal bewiesen, wie vielschichtig, komplex, klug, profund und daher in höchstem Maße unterhaltsam Comics auch für erwachsene Leser sein können. Und nebenbei Vorlagen für einige Hollywood-Filme geliefert: "From Hell" beispielsweise wurde mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmt und "The League of Extraordinary Gentlemen" mit Sean Connery. Die Bedeutung von Alan Moore für den Comic, schrieb ein Kritiker, sei mit der von Bob Dylan für die Rockmusik zu vergleichen.

"Lost Girls" ist eines von Moores ältesten Werken. Rund 18 Jahre ist es her, dass Moore und die Zeichnerin Melinda Gebbie ihre Arbeit an der Geschichte begonnen haben. Sie hatten sich viel vorgenommen: Einen pornografischen Comic wollten sie schaffen, der Männer wie Frauen aller sexuellen Orientierungen gleichermaßen anregt, eine Erzählung, in deren Mittelpunkt grafischer Sex in zahlreichen Spielarten steht, die aber gleichzeitig den hohen Anforderungen genügt, die Moore in Sachen Charakterentwicklung, Komplexität und Erzählweise an seine Arbeiten stellt.

"Mir war aufgefallen, dass sich der allergrößte Teil der Mainstream-Comics in irgendeiner Weise mit Gewalt beschäftigt", sagt Moore, ein bärtiger Hüne. "In der Realität, zumindest wenn wir ein halbwegs gesundes Leben führen, hat physische Gewalt keinen allzu großen Platz in unserem Alltag. Stattdessen widmen wir einen großen Teil unserer Zeit, Energie und Phantasie dem Sex."

Schon in den achtziger Jahren gönnte Moore seinem Helden Marvelman beziehungsweise Miracleman und dem Monster Swamp Thing Sexszenen - im amerikanischen Mainstream-Comic bis dahin undenkbar. Auch versteht es Moore wie kaum ein anderer Autor, Figuren aus verschiedensten literarischen Genres der vergangenen 150 Jahre in seinen Arbeiten neu zu interpretieren. Moore begreift die Literatur und Popkultur der vergangenen zwei Jahrhunderte als eine Art modernen, mythologischen Fundus. In seinem Hauptwerk "The League of Extraordinary Gentlemen" versammelt er Heldenfiguren der phantastischen Literatur, die das viktorianische England und die Welt retten sollen: Jules Vernes Kapitän Nemo, Robert Louis Stevensons Mr. Hyde, Bram Stokers Wilhelmina Harker oder Herbert George Wells' Unsichtbarer bekämpfen Arthur Conan Doyles Professor Moriarty. In dem Comic finden sich unzählige Verweise auf die Werke Edgar Allan Poes, Emile Zolas oder Charles Dickens'.

Auch in "Lost Girls" greift Moore mit Alice, Wendy und Dorothy auf Figuren der Literatur um 1900 zurück. "Am Anfang stand die Idee", sagt Moore, "die Geschichte von Peter Pan in gewisser Weise zu dekodieren, ausgehend von Sigmund Freuds These, dass der Traum vom Fliegen in Wahrheit eine sexuelle Bedeutung hat. Und in Peter Pan wird ja eine Menge geflogen." Somit war Wendy als zentraler Charakter gesetzt. Die zwei anderen Frauen, so Moore, hätten sich dann als Hauptfiguren der Kinderliteratur jener Zeit quasi aufgedrängt. "Diese drei Charaktere sind fast perfekte Metaphern dafür, wie wir die Sexualität entdecken - wenn wir diese neue Welt betreten, egal, in welchem Alter, sind wir Kinder, unerfahren, unreif. Wir übertreten eine Grenze in ein fremdes, seltsames und oft auch beängstigendes Reich. Genauso geht es Alice, Wendy und Dorothy in den Originalbüchern - sie werden als Kinder aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen und in eine bizarre Welt katapultiert. Ich habe versucht, mir vorzustellen, welche realen Ereignisse sich hinter den bildhaften Geschichten verbergen könnten und was für eine Art Frauen aus ihnen geworden wäre, wenn sie tatsächlich gelebt hätten."

Dabei erweist Moore seinen Figuren und den Romanvorlagen durchaus Respekt. Ihm gelingt es, eine stimmige Geschichte des sexuelle Erwachens, der Identitätssuche und Befreiung zu erzählen. Er deutet die Originalerzählungen um - Wendy bleibt nach ihrer ersten Begegnung mit Peter aufgewühlt und von Sperma benetzt zurück, der Tornado, der Dorothy in ein fremdes Land weht, tobt während eines Orgasmus in ihrem Inneren, und Alice sucht in der Welt hinter dem Spiegel Schutz vor den zudringlichen Händen eines angetrunkenen Freundes ihres Vaters.

Die Figurenwahl bot weitere Vorteile - die drei Frauen stammen aus verschiedenen sozialen Milieus und, so errechnete Moore aus den Erscheinungsdaten der Werke (zwischen 1865 und 1904), unterschiedlichen Altersgruppen. "Mir war es wichtig, mit der pornografischen Tradition zu brechen, dass nur durchtrainierte Menschen zwischen 18 und 30 lustvollen Sex haben dürfen", sagt er.

Moore geht noch einen Schritt weiter. Wie schon in seinem fulminanten Meisterwerk "From Hell", in dem er anhand der Morde Jack The Rippers ein detailgetreues Sitten- und Kulturgemälde der viktorianischen Gesellschaft entwirft, ist auch "Lost Girls" tief in der Zeitgeschichte verwurzelt. "Ausgehend von den Veröffentlichungsdaten der drei Bücher gab es nur eine kurze Zeitspanne, in der wir unsere Geschichte ansiedeln konnten", sagt Moore. "Alice durfte nicht zu alt und Dorothy nicht zu jung sein. Deshalb kamen nur die Jahre zwischen 1913 und 1915 in Frage. Eine sehr interessante Zeit, die einen guten Hintergrund für unsere Geschichte abgibt. So konnten wir die scheinbare Obszönität der sexuellen Ausschweifungen der Obszönität des Krieges gegenüberstellen. Außerdem wurden viele der damaligen Sicherheiten und Werte hinweggefegt, es war eine Periode der Zäsur, in vielerlei Hinsicht." Moore nutzt den historischen Hintergrund virtuos: Das Herandämmern des Ersten Weltkriegs, der Beginn des Modernismus fließen in sein Werk ein, die Premiere von Igor Strawinskis Ballett "Le sacre du printemps" an der Pariser Oper, Arbeiten von Oscar Wilde und Egon Schiele.

Trotz aller Hintergründe, Bezüge und Tiefe macht Moore, und das ist ihm anzurechnen, keinen Hehl daraus, dass "Lost Girls" vor allem eines ist - Pornografie, die den Leser erregen soll. "Leider ist Pornografie, wie wir sie kennen, meist sehr kalt, stumpf und geschmacklos", sagt er. "Aber Pornografie kann auch sehr befreiend sein." Zumal im Comic, wo jede Phantasie ausgelebt werden kann, ohne dass jemand Schaden nimmt. Moores Pornografie, von Melinda Gebbie in kunstvolle Bilder umgesetzt, ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Moore verschmilzt Pornografie mit Realität, Philosophie, Psychologie und Kunst.

Trotzdem blieb er von Ärger nicht verschont: Sittenwächter waren schon vor Erscheinen von "Lost Girls" alarmiert und schimpften, meist ohne den Comic gelesen zu haben, die Unschuld von Peter Pan würde durch so ein schäbiges Werk beschmutzt. In den USA publizierte Moore Teile der Comic-Serie bereits Mitte der neunziger Jahre. In kluger Voraussicht hat er "Lost Girls" aber in Europa erst auf den Markt gebracht, nachdem am ersten Januar die Urheberrechte an Peter Pan ausgelaufen waren, die der Autor Barrie dem Great Ormond Street Hospital for Children in London übertragen hatte. Schlagzeilen wie "Pornograf prozessiert gegen Kinderhilfswerk", so Moore, wollte er sich ersparen.

Privat war Moores Ausflug in die Pornografie auf jeden Fall ein Gewinn - während der Arbeit an "Lost Girls" haben Melinda Gebbie und er sich kennen- und lieben gelernt, seit vergangenem Jahr sind sie verheiratet. "Ich kann jedem Paar eine gemeinsame pornografische Arbeit nur empfehlen", sagt Moore. "Sie zwingt beide dazu, sehr offen und aufrichtig miteinander umzugehen, vor allem, was sexuelle Phantasien und Vorlieben angeht. Davon profitiert jede Beziehung." Freud hätte ihm wohl zugestimmt.


Alan Moore, Melinda Gebbie: "Lost Girls". Aus dem Englischen von Christian Langhagen. Cross Cult, Asperg; 3 Bd., 336 S.; 75 Euro. Erscheint am 27.5. (Liegt auf Englisch bei Top Shelf Productions vor.)



© KulturSPIEGEL 5/2008
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