Mit 17 hat man noch Träume "Herz, Hirn und Eier"

Der Filmproduzent Dino De Laurentiis, 88, über seinen Weg von Italien nach Hollywood, Mut zur Entscheidung und die Kunst, eine Pleite wegzustecken


KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Dino De Laurentiis: "Ruhestand, wenn ich sterbe"
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Dino De Laurentiis: "Ruhestand, wenn ich sterbe"

De Laurentiis: Ich habe mein ganzes Leben lang Träume gehabt, und fast alle habe ich verwirklichen können. Mit 17 habe ich angefangen, Spaghetti zu verkaufen. Mein Vater besaß nämlich eine Pasta-Fabrik in der Nähe von Neapel.

KulturSPIEGEL: Wollen Sie sagen, das Nudel-Geschäft sei Ihre große Leidenschaft gewesen?

De Laurentiis: Nein. Eines Tages, es muss 1937 gewesen sein, habe ich in Rom ein Plakat gesehen für das Centro Sperimentale di Cinematografia, die Filmschule. Ich habe entschieden: Da muss ich hin! Sie haben mich tatsächlich genommen, für die Schauspiel-Ausbildung.

KulturSPIEGEL: Damit waren Sie zwar in der richtigen Branche, aber noch nicht dort, wo Sie wirklich hinwollten.

De Laurentiis: Richtig. Denn schon nach ein paar Filmen habe ich gemerkt, dass mein Platz nicht vor der Kamera ist, sondern dahinter.

KulturSPIEGEL: Mit Anfang 20 hatten Sie bereits Ihren ersten Film produziert, als Produzent von Federico Fellinis "La strada" gewannen Sie 1957 Ihren ersten Oscar. Was hat Sie damals an dem Job gereizt? Ruhm? Geld? Macht?

De Laurentiis: Anfangs hatte ich keine Ahnung, was ein Produzent überhaupt tut. Dabei ist es ganz einfach: Er entscheidet. Über die Story, über das Drehbuch, den Regisseur, die Darsteller, einfach alles. Man muss eine bestimmte Persönlichkeit für diesen Beruf mitbringen. Nur dann kann man ein großer Produzent werden. Das kann einem niemand beibringen.

KulturSPIEGEL: Muss man als Produzent Glücksspieler sein? Sind Sie einer?

De Laurentiis: Manchmal. Vor allem braucht man ein Gespür dafür, was das Publikum gern sehen möchte. Wenn ein Film floppt, ist immer der Produzent schuld. Immer!

KulturSPIEGEL: Sie haben mit Ihren Filmen ein Vermögen verdient, standen aber auch mehrmals kurz vor der Pleite.

De Laurentiis: Das Leben wird aufregender, wenn es auf und ab geht. Immer nur in die eine Richtung - das wäre langweilig. Die Kunst besteht darin, wieder von vorn anzufangen, wenn man unten ist. Eine Art Wiedergeburt, wenn Sie so wollen.

KulturSPIEGEL: Wie Anfang der Siebziger, als Sie in die USA zogen.

De Laurentiis: Ich war damals in Europa ein wichtiger Produzent, aber es war unmöglich geworden, von Italien aus für den internationalen Markt zu arbeiten. Also bin ich nach New York und später nach Hollywood gegangen, obwohl mein Englisch sehr schlecht war. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich trotzdem auch einen amerikanischen Film machen kann. Falls ich scheitere, so sagte ich mir, gehe ich eben wieder zurück nach Italien.

KulturSPIEGEL: Aber Sie sind nicht gescheitert.

De Laurentiis: Nein. Ich rief den Autor Peter Maas an, den ich von früher kannte. Er saß gerade an einem neuen Krimi. Ich habe ihm die Filmrechte daran abgekauft, für 500.000 Dollar, was damals viel Geld war, obwohl er nur das erste Kapitel fertig hatte. So viel zum Thema Glücksspieler. Alle sagten: Dino ist verrückt geworden. Aber ich sollte recht behalten: Der Krimi hieß "Serpico", und wir machten mit Al Pacino einen tollen, erfolgreichen Film daraus.

KulturSPIEGEL: Haben Sie einen Lieblingsfilm?

De Laurentiis: Soll ich alle aufzählen? Wie viel Zeit haben Sie? Ich war über die Jahre an rund 600 Produktionen beteiligt. Gerade arbeiten wir an "Barbarella", dem Remake meines Films von 1968 mit Jane Fonda. Diesmal wird Robert Rodriguez Regie führen.

KulturSPIEGEL: An Ruhestand denken Sie also nicht?

De Laurentiis: Ich gehe in den Ruhestand, wenn ich sterbe. Wissen Sie, in Italien sagt man, dass es auf die drei "C" ankommt: cuore, das Herz, cervello, das Hirn, und coglioni, die Eier. Bei mir funktioniert alles noch ganz gut.

INTERVIEW: MARTIN WOLF



Dino De Laurentiis ist der dienstälteste Filmproduzent der Welt. Sein neuer Film "Die letzte Legion" kommt am 30. August in die Kinos.



© KulturSPIEGEL 9/2007
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