Opernsängerin Nadja Michael Der lange Atem

Von Johannes Saltzwedel

2. Teil


Die politische Wende von 1989 brachte dann auch für Nadja Michael die Befreiung. Über Ungarn in den Westen geflohen, jobbte sie in Stuttgart in Boutiquen und manchmal als Model, um an der Musikhochschule Altgesang zu studieren. "Ich war dann Konzertaltistin - ein guter Anfang, das strapaziert die Stimme nicht." Aber leben können hätte sie von den Engagements kaum. Dieser "Erkenntnisschlag", verbunden mit dem stipendienfinanzierten USA-Aufenthalt, zeigte ihr endgültig, dass sie ihren Weg allein finden musste.

Mit Abstand der wichtigste Schritt auf diesem Weg war ihr Wechsel ins Sopranfach. "Jede Stimme entwickelt sich eben nach einer gewissen Logik", erklärt Nadja Michael fast im Ton eines Lehrbuchs. Wie viel Wagemut und Willenskraft es gekostet haben muss, ins sängerische Neuland aufzubrechen, bleibt ihr Geheimnis. Der Erfolg jedenfalls spricht für sich: Seit sie im Frühjahr 2005 erstmals einen Sopranpart übernahm, "kommen die verschiedensten Leute auf die verschiedensten Einfälle". Gerade für große tragische Partien wie ihre augenblickliche Paraderolle, die Tosca, ist Alt-Vorbildung eine ideale Basis.

"Wissen Sie, ich werde ,Tosca' auch inszenieren", sprudelt sie heraus. 2010 soll es sein, in Bremen. "Ich habe da sehr viele Ideen" - Einzelheiten werden natürlich nicht verraten. Immerhin steht das Grundkonzept fest: Die römische Primadonna sei "eine junge Naturgestalt, die in die Divenrolle so hineingerutscht ist; innerlich kann sie das gar nicht ausfüllen". Erst im Lauf der Handlung treibt der Druck von eigener Liebesqual und Scarpias Psychoterror die Figur zur Reife.

Genau das ist Nadja Michael wichtig: packendes Erzählen, Miterleben, plausibles Geschehen. Da kommt es ihr gerade recht, dass sie schon im Juli bei den Bregenzer Festspielen noch einmal die Tosca geben wird, auf der Seebühne, vor spektakulärer Großkulisse. Jeden Winkel dieses Charakters möchte sie ergründen, alle psychologischen Möglichkeiten sehen lernen. Außerdem lockt es sie, dass in Bregenz Philipp Himmelmann inszeniert, den sie von früher kennt und schätzt. "Wir wollen, das ist unsere Idee, irgendwann Bellinis ,Norma' machen."

Sollten doch einmal Zweifel und Tiefpunkte kommen, kann sie sich auf ihre Disziplin verlassen. Alpträume, in denen sie vor großem Publikum keinen Ton mehr herausbrachte? "Jaa, natürlich, die gab es auch, am Anfang meiner Karriere ständig." Aber gerade das wachsende Repertoire hat die Nervosität weitgehend vertrieben. "Kundry, Carmen, Dalila oder Venus - das sind Ideen, keine Gestalten", philosophiert sie; die müsse man also auch ganz anders anlegen als etwa Beethovens kerkersprengende Leonore oder die leidenschaftliche Marta aus Eugen d'Alberts Dreiecksdrama "Tiefland", die sie demnächst an der Deutschen Oper Berlin verkörpern wird.

Eine Dauer-Hauptrolle ist ihr in der Hauptstadt ohnehin sicher: Als alleinerziehende Mutter von Luna, 6, und Paloma, 4. "Die sind eigentlich immer bei mir", werden während der Opern-Neuproduktionen in aller Welt an der jeweiligen British School vor Ort aufgenommen und bleiben nur während kurzer Gastspielabstecher mit ihrer Betreuerin daheim. "Ich habe nie gewusst, dass ich gleichzeitig Sängerin sein und Kinder haben kann", sagt Nadja Michael stolz. "Unglaublich gut organisiert" müsse man als alleinerziehende Mutter sein, "das geht überhaupt nicht anders" - vor allem, wenn man zwischendrin für die Traumfigur auch noch regelmäßig ins Sportstudio eilt.

Zwei Assistentinnen beschäftigt sie mittlerweile ("Ich bin ein Unternehmer"); eine davon ist nur für Presse und Projekte da, die andere managt das häusliche Umfeld. Es scheint zu funktionieren: Die elegante Frau im Hotelsessel, auf deren rechter Schulter jetzt eine kleine Tätowierung hervorblitzt,

wirkt fröhlich und entspannt, ganz und gar nicht wie die schnelle Eingreiftruppe in Sachen Sopran, als die sie oft genug unterwegs ist. So übernahm sie Ende Mai von einem Tag auf den anderen in einer Straßburger "Salome" die Titelrolle für die erkrankte Nina Stemme.

"Repertoiretheater an großen Häusern findet heute nahezu ohne Proben statt", sagt sie und seufzt. "Da wird man einfach reingeworfen" - wogegen ihr detailvernarrter Bühnensinn sich jedes Mal sträubt. "Bei allem Respekt und aller Dankbarkeit, dass wir diese breite Theaterlandschaft haben, man gibt da einfach oft künstlerische Qualität preis." Zum Glück spiele an den Spitzentheatern fast immer ein Orchester ersten Ranges: "Die Wiener Philharmoniker als Begleiter im ,Fidelio' beispielsweise, das ist wunderbar, da legt man sich ins gemachte musikalische Bett."

Trotzdem: Schauspielerisch richtig loslegen kann sie erst bei echten Neuproduktionen wie unlängst der "Salome" in Mailand. "Da bin ich noch einmal an meine Grenzen gekommen. Ich hatte neben dem Gesang zwölf Minuten richtig zu tanzen. Bis zu zehn Stunden am Tag habe ich geprobt", erzählt sie und hat nun den glücklich-erschöpften Blick des Langstreckenläufers am Ziel. "Aber es war phantastisch: Auftritt an der Mailänder Scala, Straussens geniale Musik - die ,Salome' ist eines meiner Lieblingsstücke - und dann noch in der Regie von Luc Bondy." Spätestens nach acht Vorstellungen sei sie so in die Aufführung "reingewachsen", dass sie sich innerhalb des vorgegebenen Rahmens frei fühlte: "Ein großartiger Moment."

Nach "Tosca" in Bregenz und "Tiefland" in Berlin wird sie wieder die Salome geben, diesmal am Londoner Covent Garden. Und dann steht in Brüssel ein Debüt an, auf das sie sich besonders freut: Der Titelpart in "Medea" von Luigi Cherubini, dem unterschätzten Zeitgenossen Beethovens. Wieder das Porträt einer schicksalsgetriebenen, aber auch grausam entschlossenen Frau, genau das Richtige für eine Sänger-Darstellerin wie Nadja Michael.

Ohnehin wird sie mit ihrem tieffundierten Sopran so bald nicht in Rollennot kommen. "Ich liebe Puccini; natürlich werde ich auch einmal Manon singen", sagt sie, "es wird kommen." Auch an Wagners Isolde oder Verdis Aida denkt sie manchmal schon - "es wird kommen, es wird auch kommen". Dann Elektra, Brünnhilde und all diese Gestalten - "noch sind sie für mich ganz, ganz weit weg. Aber Ideen gibt es schon."

Ausdauer hat Nadja Michael eben für drei - nun müssen nur noch Stimme und Gesundheit mitmachen.



© KulturSPIEGEL 7/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.