Von Tobias Becker
Seit Sommer 2009 gibt es das Hotel, im Sommer 2010 ist Schluss: Dann reißt die Stadt das Haus ab, das lange leer stand und zurzeit von den Kunstakademien Stuttgart und Saar für ein temporäres Stadtteilprojekt genutzt werden darf. "Distrikt_Ost" ist dessen Titel, und Kims Hotel ist der zentrale Teil. "In Stuttgart Ost gibt es kaum Kultur, ich will hier was losmachen", sagt er. Das Hotel ist ein Katalysator künstlerischer Prozesse - und ein Impulsgeber für eine alternative Ökonomie: den Tausch zweier flüchtiger Werte, einer künstlerischen Handlung gegen eine Übernachtung.
Als Kim 2005 aus Korea nach Stuttgart kam, wohnte er jahrelang in einem Gemeinschaftsatelier der Kunstakademie, blieb nachts in dem Raum, in dem er tagsüber arbeitete. Schlecht geheizt fand er es dort, vor allem in den Semesterferien, und so sagte er sofort zu, als seine Dozentin Susanne Jakob ihn vergangenes Jahr fragte, ob er sich als Hausmeister um das alte Winzerhaus kümmern könne; seither wohnt er mietfrei unter dem Dach. Die Idee zum Performance-Hotel sei ihm dann schnell gekommen, berichtet Kim: "Für mich war das Haus mehr als ein Haus, es war ein Luxushotel. Ein Luxushotel, in dem ich wohnen durfte, weil ich ein Performer bin." Warum also sollte nicht jeder in dem Haus wohnen dürfen, der eine Performance macht? "Auch ich bin Gast", sagt er. "Ich mache eine Dauerperformance: eine Putzperformance, eine Einkaufsperformance und eine Bedienperformance."
Kim blättert durch sein Gästebuch, in das sich alle eintragen, ob sie nun mit Geld bezahlen oder mit einer Performance. Erinnern kann er sich nur an die Performer: an den Spanier auf Jobsuche, der Bongo gespielt hat, an den Italiener, der mit seiner Stuttgarter Freundin eine Woche hier gewohnt und drei Zeichnungen hinterlassen hat, an den Koreaner, der an einem Theater vorgesprochen und einen Volkstanz vorgeführt hat, an den arbeits- und obdachlosen Schauspieler, der hier zwei Wochen an einem Roman geschrieben und jeden Abend eine Lesung gegeben hat, und an die Berlinerin, die gar nicht übernachten wollte, sondern nur schnell ins Bad - und die dann laut unter der Dusche gesungen hat.
Jeder ist ein Künstler, wenn er denkt und handelt wie ein Künstler
Einmal rief eine Stuttgarterin an, die arbeitslos geworden war, sich ihre Wohnung nicht mehr leisten konnte und gleich für einen ganzen Monat einziehen wollte. Geld hatte sie keins und Ideen für eine Performance auch nicht. "Was kannst du gut?", hat Kim sie gefragt. "Putzen", hat sie geantwortet - und dann einen Monat lang eine Zimmermädchen-Performance gemacht. "Es war immer schön sauber", sagt Kim. "Und Kunst war es auch." Ebenso wie die Grillparty, die eine Reisegruppe für ihre Übernachtung geschmissen hat.
Noch stehen keine 100 Namen im Gästebuch, nach sieben Monaten Hotelbetrieb. "Die meisten denken, sie können keine Performance machen", sagt Kim. "Sie vertrauen nicht auf ihre Fähigkeiten." Dabei gehe es doch nur darum, das, was man gut könne, bewusst und mit Liebe zu machen. "Dann ist alles eine Performance." Wie das aussehen kann, zeigt ein Video, das im Fitnessraum läuft: eine Dokumentation von Kims Performance "I want to ride my bicycle". Zu sehen ist, wie er durch die Straßen Rotterdams streift und intakte Teile kaputter Fahrräder sammelt, so lange, bis er ein neues Fahrrad bauen kann - und damit wegradeln. "Mit ein bisschen Liebe schafft das jeder." Es ist ein Glaubensbekenntnis, das an den Aktionskünstler Joseph Beuys erinnert: Jeder ist ein Künstler, wenn er denkt und handelt wie ein Künstler.
Wer weiß: Wenn sich der Gedanke durchsetzt, könnten die Gäste Kim bald die Bude einrennen. Zumal sein Hotel auch für Dienstreisen ideal ist, während der Wirtschaftskrise. Geschäftsleute könnten sich abends, nach ihren Terminen, noch die Übernachtung verdienen: mit Krawattenbindekunst, Powerpoint-Performances und Hemdenbügelhappenings. Natürlich alles mit Liebe.
Performance Hotel: Geöffnet samstags ab 18 Uhr und nach Vereinbarung, Tel. 0177/682 12 71, www.performancehotel.wordpress.com.
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© KulturSPIEGEL 3/2010
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