Pete Doherty in Hamburg Drogenstar in der Hafenbar

Geschäftsmodell oder Verzweiflungsakt? Für ein paar Euro spielt Pete Doherty, Star des Britpop, weltbekannt für seine Drogeneskapaden, in einem kleinen Hamburger Club. Am Donnerstag ist es wieder so weit.

Von Jörg Böckem


"Vielleicht", sagt einer in der Menge, "solltet ihr ihn abholen, das wäre wohl das Sicherste." Pete Doherty soll im Golem auftreten. Seit März lebt der englische Musiker mit seiner Freundin in Hamburg, es ist sein drittes Konzert in der Bar in diesem Jahr, sein letztes liegt rund vier Wochen zurück. Der heutige Auftritt wurde erst drei Tage zuvor angekündigt, auf der Website des Golem; in keiner Zeitung, keinem Veranstaltungskalender war ein Hinweis darauf zu finden. Über Facebook verbreitete sich die Nachricht. Knapp 200 aufgeregte, meist junge Menschen warten nun darauf, dass sich die Tür öffnet. Einige werden draußen bleiben müssen, das Golem bietet nur Platz für rund 120 Gäste.

Sie warten schon recht lange, und das ziemlich geduldig. Einlass 20 Uhr, Beginn 20.30 Uhr, lautete die Ankündigung. Mittlerweile ist es 21.30 Uhr, und einer der Golem-Mitarbeiter hat den Wartenden gerade mitgeteilt, dass der Musiker noch nicht eingetroffen und der Einlass erst nach dem Soundcheck möglich sei. Wirklich überrascht oder gar empört wirkt niemand.

Warten auf Pete - seit Jahren ein fast ritueller Bestandteil jedes Auftritts des als notorisch unzuverlässig geltenden Musikers. Kommt er? Und wenn ja, in welchem Zustand? Fragen, die wohl den einen oder anderen Konzertbesucher und große Teile der Presse in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten mehr umgetrieben haben als Dohertys Musik. Das gilt bis heute: Als bekannt wurde, dass Doherty, inzwischen 35, in Hamburg lebt und im Clouds Hill Studio an neuen Stücken arbeitet, waren die Boulevardmedien wie elektrisiert - "Bild", "Hamburger Morgenpost", "Gala", RTL und Co. überzogen Studio-Inhaber Johann Scheerer mit Anrufen. Interesse an neuen Songs stand dabei eher nicht im Vordergrund. "Wenn irgendwo der Name Pete Doherty fällt, kommen sofort die Aasgeier und wollen den Junkie begaffen", sagt Scheerer. Dem nicht für seine Musikberichterstattung bekannten People-Magazin "In" war ein Foto von Dohertys gelbem Caravan vor einem Hamburger Hotel eine Doppelseite wert. Doherty, der "Skandal-Rocker", das "Drogenwrack", zieht immer.

Kate Moss und Amy Winehouse

"Wenn er jeden Monat hier spielt", sagt eine Mitarbeiterin des Golem und sieht mit leicht skeptischem Blick auf die wartende Menge vor dem Fenster, "kommen hoffentlich irgendwann nur noch die, die wirklich seine Musik hören wollen." In der öffentlichen Wahrnehmung geht es schon lange nur noch am Rande um Pete Dohertys Musik - Diebstähle, Verhaftungen, gescheiterte Entgiftungsversuche, Blutspritzen-Attacken gegen Journalisten und seine Beziehungen zu Kate Moss und Amy Winehouse bestimmen das Bild. Dass Doherty einer der talentiertesten Songwriter seiner Generation ist, mit den Libertines der britischen Musik Anfang des Jahrtausends einen Energieschub verpasste und auch mit der Nachfolgeband Babyshambles und auf seinem Soloalbum schwelgerisch schöne Stücke voller Energie, Wut und Wehmut aufnahm, bleibt leider meist unerwähnt.

Doherty ist außerdem ein begnadeter Performer. Das Publikum im Golem ist euphorisiert, als er endlich auftritt, und spätestens bei der wunderbaren Akustikversion seines Hits "Fuck Forever" lassen sich auch jene, die eher den Junkie sehen wollten, mitreißen. Ein Sieg für Pete Doherty, den Musiker. Als der Auftritt nach rund einer Stunde vorzeitig abgebrochen werden muss, weil ein verschütteter Drink seinen Verstärker geschrottet hat, wird der Musiker mit frenetischem Applaus verabschiedet.

"Können wir nach dem Konzert reden?", hatte Doherty, ein freundlicher junger Mann mit zugegebenermaßen ungesunder Gesichtsfarbe, bei der Begrüßung gebeten. "Ich versuche auch, nicht zu betrunken zu sein." Er hält Wort. Sicher, nüchtern ist er nach dem Auftritt nicht, und auch während des Gesprächs trinkt er und raucht, nicht nur Zigaretten. Er sieht aus, wie einer eben aussieht, dessen Körper seit Jahren größere Dosen Heroin, Alkohol und Crack benötigt, um funktionstüchtig zu sein - und der nicht das Geld für regelmäßige Blutwäschen und saubere, unverschnittene Drogen hat. Oder regelmäßige, gesunde Mahlzeiten. Aber er ist freundlich, gut gelaunt und konzentriert. Zwischendurch summt er Nenas "99 Luftballons" vor sich hin, auf Deutsch. Als Sohn eines britischen Offiziers verbrachte er einige Jahre am Niederrhein, in Krefeld. Doherty, der heute privat gern Peter genannt werden möchte, bemüht sich sichtlich, Haltung zu bewahren, präsent zu sein, niemanden zu enttäuschen und so gut wie möglich zu funktionieren - wie schon auf der Bühne.

Auftritt im Hyde Park

Wenige Stunden zuvor hat er seinen Auftritt im Londoner Hyde Park am 5. Juli bestätigt, zusammen mit seinen früheren Bandkollegen von den Libertines wird er vor voraussichtlich 50.000 Zuhörern spielen. In Großbritannien ist die Nachricht eine Sensation, die Musikpresse überschlägt sich vor Begeisterung, und die Anwohner des städtischen Parks bringen sich schon dagegen in Stellung - an Konzerte sind sie gewöhnt, in den vergangenen Jahren haben Bruce Springsteen und Paul McCartney dort gespielt, aber den Auftritt "eines solchen Individuums" wie Doherty, wird ein Sprecher am nächsten Tag dem "Independent" zu Protokoll geben, wollen sie dann doch nicht unterstützen.

Doherty klingt begeistert, wenn er von dem bevorstehenden Auftritt mit seiner alten Band redet. "Mit 18 oder 19 habe ich im Hyde Park Musik gemacht, als ich kein Geld und keine Wohnung hatte. Ich habe mich mit der Gitarre in eine Ecke gesetzt und für ein paar Pfund gespielt, bis die Polizei mich aus dem Park gejagt hat. Von so einen Auftritt haben wir geträumt, als wir mit den Libertines angefangen haben. Der Kreis schließt sich."

Außerdem, sagt er, könne er das Geld gut gebrauchen. In den nächsten Tagen wird in der englischen Presse zu lesen sein, dass Dohertys Anteil an der Gage rund 500.000 Pfund betrage. Doherty sagt, dass diese Summe durchaus eine Rolle bei der Entscheidung für den Auftritt gespielt habe. Musikpresse und Feuilletons werfen dem Musiker daraufhin Ausverkauf vor, in der "Süddeutschen Zeitung" heißt es, er würde auf "den Idealismus seiner Fans pfeifen". Ein gleichermaßen ignoranter wie selbstgefälliger Einwand - Doherty muss Rechnungen zahlen und braucht Geld für seine tägliche Drogenration. Nachvollziehbar, dass er sich über die Möglichkeit freut, eine größere Summe zu verdienen.

Saubere Spritzen

Fast so begeistert wie von dem Auftritt in London redet Doherty von Hamburg. Vom Clouds Hill Studio, in dem er an neuen Songs arbeitet und in dessen Künstlerwohnung er lebt, zusammen mit seiner Freundin in einem Zimmer mit Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbad; von seinen Guerilla-Auftritten im Golem: "Kleine Klubs, keine Promotion, Mundpropaganda, keine Agenten und Veranstalter, die abkassieren, einfach mit der Gitarre auf die Bühne gehen und ein paar neue Songs ausprobieren, das ist cool. Das haben wir schon mit den Libertines so gemacht." Ein Geschäftsmodell, von dem alle profitieren - der Musiker hat keine größeren Ausgaben und kassiert die Eintrittsgelder, die Klubbetreiber können mit guten Umsätzen rechnen, und das Publikum muss für ein exklusives Konzerterlebnis nicht allzu tief in die Tasche greifen - im Golem sind es acht Euro Eintritt, dafür bekommt man in Hamburg normalerweise nicht mal einen Kinofilm zu sehen, geschweige denn ein Konzert. Die Auftritte im Golem, sagt Doherty, sollen in Zukunft regelmäßig stattfinden, einmal im Monat.

Vor einigen Jahren ist Doherty nach Paris gezogen, unter anderem, hat er in einem Interview gesagt, weil er in London zu vielen Leuten zu viel Geld schulde. Bis Ende des Jahres möchte er in Hamburg bleiben und Stücke für zwei neue Alben aufnehmen, eines davon mit den Babyshambles. "Hamburg ist entspannter, ruhiger als London", sagt Doherty. "Klar, wenn man Ärger will, findet man den hier auch." Vor allem die Polizisten in Deutschland seien eine Plage, sagt er. Und schwärmt vom Drob Inn, einer Einrichtung der Hamburger Suchthilfe in der Nähe des Hauptbahnhofs, die Konsumräume für Heroin-, Kokain- und Crackabhänge zur Verfügung stellt und in deren Umgebung sich alltäglich Süchtige versammeln, einer der letzten Reste der offenen Drogenszene in Hamburg. "Ich mag den Ort", sagt er, "weil es da saubere Spritzen gibt und man sich in Ruhe einen Druck setzen kann. Aber nicht nur deswegen - ich mag es auch, mit den Leuten dort zu reden, viele haben unglaubliche Geschichten zu erzählen." Geschichten, die in vielerlei Hinsicht der seinen ähneln, nur ohne das Brennglas der Öffentlichkeit.

"Mein bisheriges Leben ist ein verdammtes Chaos, ein echter Schlamassel", sagt Doherty. "Es ist so viel schiefgelaufen, keine Ahnung, wann und wie das angefangen hat. Aber ich halte nichts davon, irgendetwas zu bedauern, das bringt doch nichts. Klar, einiges würde ich gern ändern. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie das gehen soll. Ich wünsche mir einen besseren Kontakt zu meiner Familie, ich habe da viel Mist gebaut. Mein Sohn ist jetzt zehn, ich hätte gern eine engere Beziehung zu ihm." Den Namen seines Sohnes, Astile, hat er sich auf den Hals tätowiert. "Ich würde auch gern die verdammten Drogen loswerden. Es ist schon lange kein Spaß mehr, im Gegenteil, es ist einfach scheiße und killt alles, auch die Kreativität. Aber aufzuhören ist schwierig." Die meiste Zeit, sagt er, habe er sich erfolgreich selbst belogen. "Ich bin ein Phantast, oft hilft mir das, egal wie beschissen es läuft. Selbst im Knast habe ich mir eingeredet, es sei eine gute Sache, eingesperrt zu sein - zumindest hatte ich da Zeit für mich und konnte in Ruhe schreiben und lesen." Man könnte es auch Optimismus nennen. "Vielleicht bin ich tatsächlich so was wie ein Optimist, kann sein. Ich hab ja auch keine andere Wahl, oder?", sagt er, grinst etwas schief und erkundigt sich nach Substitutionsmodellen und Therapieangeboten in Hamburg.

Ausfallerscheinungen jeder Art

"Peter ist ein reizender, höflicher und gewissenhafter Typ und hochtalentierter Musiker, dem seine Drogensucht so dermaßen im Weg steht", sagt auch Johann Scheerer, der Besitzer des Clouds Hill Studios. "Wenn man etwas Zeit mit ihm verbringt, wird schnell klar, wie sehr die Sucht sein Leben bestimmt und wie sehr er darunter leidet. Der Drogenkonsum ist für Peter Schmerzprävention, mit Genuss, Exzessen oder aufregendem Leben hat das nichts zu tun. Er findet keinen Weg hinaus. Das ist kein Spaß, nicht für ihn und nicht für die Menschen um ihn herum."

Scheerer, 31, ist Musiker und Produzent, Ende März haben er und Doherty sich das erste Mal getroffen. Der Hamburger Designer Bent Angelo Jensen, ein Bekannter Scheerers und Fan Dohertys, hatte den Musiker nach dessen Auftritt im Januar kennengelernt und die beiden zusammengebracht. Doherty war begeistert von Scheerers Studio und bat, dort sein neues Album aufnehmen und in einer der zum Studio gehörenden Wohnungen leben zu dürfen, bis das Album fertig ist. Scheerer sagte zu, nachdem er einige vielversprechende Demos Dohertys gehört hatte. "Wir haben uns nicht gesucht, aber gefunden", sagt er. Für Doherty wohl ein Glücksfall - Scheerer hat einen klaren Blick auf Dohertys Sucht und scheint einen souveränen Umgang damit gefunden zu haben. Vollgekotzte Teppiche, Blutspritzer im Bad und stundenlange Abwesenheit des Musikers, physisch oder psychisch, Ausfallerscheinungen jeder Art, darauf hat er sich eingestellt. "Mit Peter sind Aufnahmesessions kaum planbar", sagt Scheerer.

Er bemüht sich sichtlich, Peter, den freundlichen Junkie und talentierten Musiker, zu schützen. Vor der Boulevardpresse, vor Trittbrettfahrern und falschen Freunden, am Ende auch vor sich selbst, vor seinem drogenbefeuerten Trotz und seiner Impulsivität. "Der Typ hat mein Leben gerettet", hat Doherty am Tag zuvor über ihn gesagt.

Im Wohnmobil nach Berlin

Auch wenn Dohertys rückhaltlose öffentliche Zurschaustellung seines Drogenkonsums mit den dazugehörigen Ausfallerscheinungen ihm mitunter als Inszenierung ausgelegt wird, am Ende ist sie nur konsequent, eine Form der Selbstverteidigung. Warum versuchen, etwas zu verbergen, das sein Leben vollständig bestimmt und in der heutigen Zeit, in der jeder 14-Jährige mit Smartphone ein Paparazzo sein kann, nicht zu verbergen ist? Peter Doherty ist drogensüchtig. Manchmal redet er ausgemachten Blödsinn in die Mikrofone und tut dumme Dinge. So ist das eben in seiner Situation. Er bemüht sich nicht, etwas zu beschönigen, zu bagatellisieren oder zu heroisieren, fordert kein Mitleid und keine Absolution. Dafür, und nicht zuletzt weil es ihm immer wieder gelingt, der Sucht großartige Musik und bewegende Auftritte abzutrotzen, gebührt ihm Respekt.

Noch in der Nacht wird Doherty mit einigen Freunden in seinem Wohnmobil nach Berlin aufbrechen, für den nächsten Abend ist dort ein Konzert im White Trash geplant. "Mein Traum wäre es, mit meinem Van, meiner Gitarre und meiner Freundin durch das Land zu fahren und jeden Abend in einem anderen kleinen Klub zu spielen", sagt er. Zurzeit gastiert er regelmäßig in Hamburg, Berlin und Paris; in Bremen, sagt er, suche ein Freund gerade nach einem passenden Klub. Ein Modell, das Doherty entgegenkommt - keine Band, kein Veranstalter, kein Management, die ihm im Nacken sitzen, Druck machen und Erwartungen haben, die er womöglich nicht erfüllen kann. Er, seine Gitarre, ein Verstärker und ein Publikum, das mit leuchtenden Augen seine Hits mitsingt und es ihm nicht übel nimmt, wenn das Konzert keine zwei Stunden dauert, weil ihn irgendwann die Kräfte verlassen oder das Equipment zu Bruch geht. Und einige hundert Euro Gage, die ihn über die nächsten Tage bringen. Ein bescheidener Traum.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
teutoniar 29.05.2014
1.
Zitat von sysopBenne OchsGeschäftsmodell oder Verzweiflungsakt? Für ein paar Euro spielt Pete Doherty, Star des Britpop, weltbekannt für seine Drogeneskapaden, in einem kleinen Hamburger Club. Am Donnerstag ist es wieder so weit. http://www.spiegel.de/kultur/kulturspiegel/pete-doherty-libertines-fuck-forever-live-konzert-in-hamburg-a-972245.html
Armes Schwein. In Deutschland muss mehr für Drogensüchtige getan werden.
oscar111 29.05.2014
2.
Muss man den kennen?
ein-berliner 29.05.2014
3. Warum läuft dieser Beitrag unter Kultur?
Zitat von sysopBenne OchsGeschäftsmodell oder Verzweiflungsakt? Für ein paar Euro spielt Pete Doherty, Star des Britpop, weltbekannt für seine Drogeneskapaden, in einem kleinen Hamburger Club. Am Donnerstag ist es wieder so weit. http://www.spiegel.de/kultur/kulturspiegel/pete-doherty-libertines-fuck-forever-live-konzert-in-hamburg-a-972245.html
Nicht mal in Hamburg gehört Drogenkonsum zur einer kulturellen Errungenschaft.
P.Delalande 29.05.2014
4.
"in den vergangenen Jahren haben Bruce Springsteen und Paul McCartney dort gespielt, " So, so.. Mensch Jörg du Schnarchnase, im Juli 2013 haben die Rolling Stones dort gespielt...irgendwie gar nicht mitbekommen...oder was?
AuchNurEinNick 29.05.2014
5.
Zitat von oscar111Muss man den kennen?
Wenn man auch nur ein bisschen kulturell interessiert ist und auch mal Musik hört, dann lautet die Antwort: Ja, wenn man nicht völlig hinter dem Mond lebt oder sich selbst als völlig (früh-)vergreist begreift, dann sollte man zumindest wissen wer das ist.
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