Als er noch französische Literatur in Paris studierte, musste Daniel Pennac bis auf die Toilette flüchten, wenn er einen "vernünftigen Roman" lesen wollte. Im Seminarraum zählten nur französische Strukturalisten und der Nouveau Roman. "Schon damals verabscheute ich die intellektuelle Perversion und erkannte die Notwendigkeit von einfachen Geschichten", sagt Pennac und blickt schelmisch durch randlose Brillengläser.
Er beschloss, seine eigene Revolution zu machen. Der Pariser wollte Romane schreiben mit Figuren, die nicht länger Geächtete sind und auch mal was von sich erzählen dürfen.
Dass aus Pennac, 56, ein erfolgreicher Geschichtenerzähler wurde, einer mit Millionenauflage, übersetzt in 20 Sprachen, hat er in sechs Kriminalromane bewiesen. Held seiner Geschichten ist Benjamin Malaussène, Ersatzvater und Sündenbock für eine Horde von wilden Halbgeschwistern. Die Malaussènes wohnen in Belleville, einem heruntergekommenen Stadtteil im Pariser Norden, wo viele Nationalitäten nebeneinander und manchmal auch zusammen leben. Obwohl gemordet, gestritten und intrigiert wird, funktioniert in Pennacs Belleville das multikulturelle Zusammenleben. Am Schluss all seiner Bücher sind die Bösewichte verbannt, und die Guten haben meist Nachwuchs bekommen.
Pennac hat Spaß am Dickicht verschlungener Handlungsstränge. Dabei gleicht sein Figurenkabinett einem Rummelplatz von Nonkonformisten: drogensüchtigen Opas, korrupten Polizisten und im neuesten Malaussène-Roman "Adel vernichtet" ein als adliger Wohltäter getarnter Waffenschieber. Doch diesmal will Thérèse, Benjamins hellseherisch begabte Schwester, mit ihrem unkonventionellen Clan brechen: Sie beschließt, einen spießigen Beamten zu heiraten.
Mit den Malaussènes habe er es vorläufig weit genug getrieben, glaubt Pennac und will sich nun einem anderen Projekt widmen, einer Art Dictionnaire. Dort verfasst der ehemalige Lehrer, der erst vor knapp zwei Jahren seinen Job aufgegeben hat, essayistische Betrachtungen, die ihren Ausgangspunkt in den Eigennamen aus seinen Romanen haben.
Eine literarische Rückkehr nach Belleville will Pennac trotzdem nicht ausschließen: Dazu schimpft er immer noch viel zu leidenschaftlich über jedes weitere Ladenlokal, das in Belleville geschlossen wird. Schon bald, das ist sicher, wird ihn wieder die Chronistenpflicht drängen. Genau wie Benjamin, der sich in "Adel vernichtet" mit seiner Kamera bewaffnet hat: "Ich knipste alles, was mir vors Auge geriet (...); die Erinnerungen sind Kinder des Zufalls, nur im Gedächtnis ihrer Fälscher herrscht Ordnung."
Verena Specks
"Adel vernichtet". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 224 S.; 36 Mark.
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