"Anpassen", 1998). Bis vor kurzem war er Chefredakteur des Magazins der "Süddeutschen Zeitung", das er wegen der "Borderline"-Affäre um gefälschte Interviews des Journalisten Tom Kummer verlassen musste.
Ob James Dean, Andy Warhol oder Alain Delon - auf dem Olymp der Popkultur campieren viele kalt schimmernde Ikonen. Mit einer Aura aus Wissen, Verweigerung und Unnahbarkeit demonstrieren sie ihr Anderssein und damit den Versuch, ihre Individualität nicht der zunehmend lebensfeindlicheren Umwelt zu opfern. "Cool" raunen Fans mit heißen Herzen. Cool?
Das 20. Jahrhundert ist geprägt von dem Phänomen der "Coolness". Kalt oder warm, blau oder rot? Nichts ist spannender als Gegensätze, beziehungsweise der Punkt, an dem ein Extrem ins andere kippt, an dem aus Schwäche Stärke wird. So verwundert es nicht, dass Ulf Poschardt nach seinen Studien über die "DJ Culture" und die Gesichter der Mode - "Anpassen" - sich nun mit "Cool" beschäftigt. Eifrig jagt er den Begriff quer durch die Jahrzehnte und findet seinen Ursprung im Jahr 1927, als der inhaftierte schwarze Politiker Marcus Garvey die bemerkenswerte Zeile in einen seiner Protestsongs einflocht: "Keep cool". Das Motto sollte seine Anhänger beruhigen und war Teil einer Überlebensstrategie, die bis heute die Haltung derer bestimmt, die sich jenseits der bürgerlichen Gesellschaft befinden.
Für Poschardt bedeutet "cool", "den Eiswinden der Entfremdung" zu trotzen und "dabei der Stigmatisierung zu entgehen". Coolness ist die Leitlinie einer ästhetischen Haltung, "die versucht, das Zerstörungspotential der Kälte für den Menschen zu überwinden"; wobei Kälte einmal mehr als Metapher für den Terror der Entfremdung dient. Coolness inmitten kalter Körper und Systeme - das klingt paradox und macht Sinn, wenn man wie Poschardt die "Spannung zwischen Affirmation und Überwindung des Affirmierten" betrachtet. Sie setzt permanentes Handeln voraus, impliziert dabei nicht nur den Check der eigenen Abwehrmechanismen, sondern auch die ständige Neuerfindung des Selbst, das gelernt hat, Gefühlen zu misstrauen. So betrachtet steckt die Geschichte der Popkultur voller Irrwege und Metamorphosen des "Cool", dem eigentlichen Thema von Poschardts Ausführungen.
Ian Curtis, Sänger von Joy Division, zählte zu den Introvertierten der Eiszeit der siebziger und achtziger Jahre. Changierend zwischen Zorn und Verletzlichkeit, handelten seine Texte von einer desolaten Einsamkeit, vom Leiden an der kalten Welt zu einer todtraurigen Musik. Curtis zerbrach daran und wählte den Freitod - New Order, die Band seiner hinterlassenen Kollegen, feierte indes mit glatter Popmusik Erfolge. Hatte sie die Strategien des "Cool" besser verstanden?
Coole Menschen wollen keine Opfer sein, sagt Poschardt. "Wenn Pop wie im Fall von Joy Division zweimal mit dem Herausbringen einer Platte ein gewaltiges Ja zur Welt formuliert, um in den Songs auf diesen Platten ein klares Nein zur Welt zu artikulieren, entsteht eine Spannung, wie sie Kunst qualifiziert". Doch Curtis' Coolness diente nur dem Schutz der eigenen Verletzlichkeit, er vermochte sie nicht als "Anästhetikum zu akzeptieren" - ein Opfer des "Cool"?
"Bestimmend für die Strategien des 'Cool' ist die Spannung zwischen narzisstischer Selbstsorge und auto-destruktiven Tendenzen, die im Kontext der neuen Technologien und Medien als Sehnsucht nach Selbstauflösung und polyzentrischer Diffusion auftreten", räumt Poschardt ein, doch leider kramt er nur oberflächlich in den Schubladen der Psychologen. Spannender erscheint ihm die altbekannte Auseinandersetzung über Freiheit, Illusion und Lüge quer durch die Popkultur. Von coolen Killern auf der Leinwand über Cybersex und Houellebecqs "Elementarteilchen" bis zu den Fans winterlicher Extremsportarten reicht seine beachtliche Sammlung von Bezügen und Verweisen. Wichtig für die Praxis des "Cool" scheint letztlich nur eines: Das bewusste, unerschrockene Sein im Hier und Jetzt. Das allerdings klingt in Zeiten der Gentechnik ziemlich dürftig.
Schade auch, dass der Verlag dem Buch keinen kleinen Eispickel beilegt - so interessant Poschardts Ausführungen auch sind, so prätentiös bedient er die Rolle des Epigonen der Frankfurter Schule. Sätze und Bilder kommen so manieriert verpackt daher, als wäre er mit einem Eisspray darüber gefegt. Cool? Wohl kaum.
Ulf Poschardt: "Cool". Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, 440 Seiten, 20 Abbildungen, 33 Mark, erschienen im Oktober 2000.
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