Von Wiebke Brauer
Ja, so wird es wohl gewesen sein: Königin Mutter hat sich einen neuen Gin servieren lassen, nippt den ersten Schluck und schlägt zum einundvierzigsten Male das erste Exemplar des Buches von Dick Francis auf, das ihr eigens pünktlich vor Beginn des Rennens in Ascot geschickt wurde. Dann wird sie auf die ihr eigene Art lächeln, denn der Roman ist ihr gewidmet, "with endless gratitude, love and every good wish". Eigentlich eine schöne Vorstellung, dazu mit einem Wermutstropfen versetzt, wenn man weiß, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um das letzte Buch des achtzigjährigen Krimi-Autoren handelt. Aber auch in diesem Krimi wird ein unauffälliger Brite seinen Initiationsritus durchlaufen und zum Held mutieren, und auch dieses wohl allerletzte Mal hat der glühende Royalist es geschafft, seine heißgeliebten Pferde zwischen den Seiten unterzubringen.
40 Bücher über Pferde: "Hurrikan" ist das vielleicht vorletzte Werk
In England bereits erschienen: Der 41. und vermeintlich letzte Francis "Shattered"
Doch auch solides Handwerk kann zuweilen Staub aufwirbeln. Das war der Fall, als es im Oktober 1999 plötzlich hieß, Francis habe seine Bücher gar nicht selbst geschrieben, sondern seine Frau Mary, die er 1947 heiratete. Grund war die von Graham Lord veröffentlichte Biografie, "A Racing Life", in der alles Erdenkliche herangezogen wurde, um Francis schriftstellerisches Unvermögen festzuklopfen: Vom Bildungsunterschied des Ehepaares, (Mary Francis ist studiert, er nicht), bis hin zu Dick Francis widersprüchlichen Angaben, ob er das Schreiben liebe oder nicht. Felix Francis, einer der beiden Söhne des Krimi-Autoren, war daraufhin zutiefst erbost, sprach von einer "ungewollten und unautorisierten" Biografie und stellte die obligatorische Frage, ob die Bücher weniger spannend seien, wenn sie von seiner Mutter verfasst worden wären.
Auslöser der "Whodunit"-Debatte: Graham Lords Francis-Biographie "A Racing Life"
Am 30. September letzten Jahres starb Mary Francis - in den Armen ihres Mannes, wie es heißt. Nur kurze Zeit später gab der Autor bekannt, dass er es bezweifle, noch einen Roman zu schreiben. Wie tröstlich kann da die Gewissheit sein, Francis' Pferdebücher noch einmal von vorn lesen zu können, ohne sich zu langweilen. Dazu wird dann sachte am Gin genippt, und schon ist die Welt wieder in Ordnung.
Dick Francis: "Hurrikan" (Diogenes Verlag 2001), 320 Seiten, 39,90 Mark
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