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15.03.2001
 

Dick Francis

Im Geheimdienst Ihrer Majestät

Von Wiebke Brauer

Der von den Pferden schreibt: Mit "Hurrikan" erscheint in Deutschland der vierzigste und wahrscheinlich vorletzte Roman des britischen Krimi-Autors Dick Francis. Damit fände eines der merkwürdigsten Phänomene der britischen Literatur sein baldiges Ende.

Ein Leben für die Rennbahn: Krimi-Autor Dick Francis
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Ein Leben für die Rennbahn: Krimi-Autor Dick Francis

Ja, so wird es wohl gewesen sein: Königin Mutter hat sich einen neuen Gin servieren lassen, nippt den ersten Schluck und schlägt zum einundvierzigsten Male das erste Exemplar des Buches von Dick Francis auf, das ihr eigens pünktlich vor Beginn des Rennens in Ascot geschickt wurde. Dann wird sie auf die ihr eigene Art lächeln, denn der Roman ist ihr gewidmet, "with endless gratitude, love and every good wish". Eigentlich eine schöne Vorstellung, dazu mit einem Wermutstropfen versetzt, wenn man weiß, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um das letzte Buch des achtzigjährigen Krimi-Autoren handelt. Aber auch in diesem Krimi wird ein unauffälliger Brite seinen Initiationsritus durchlaufen und zum Held mutieren, und auch dieses wohl allerletzte Mal hat der glühende Royalist es geschafft, seine heißgeliebten Pferde zwischen den Seiten unterzubringen.

40 Bücher über Pferde: "Hurrikan" ist das vielleicht vorletzte Werk

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In Deutschland erscheint jedoch zunächst der vierzigste Roman des Ex-Jockeys, dessen Karriere 1956 mit einem mysteriösen Sturz endete, nachdem er vier Jahre lang für die Queen Mum geritten war. Der Titel des neuen Buches lautet "Hurrikan", Hauptfigur ist der bei der BBC angestellte Meteorologe Perry Stuart, ein ausgeglichener Mensch, wie es so schön im Klappentext heißt. Keine wirkliche Überraschung, denn Francis' Protagonisten sind zumeist unauffällig-freundlicher Natur. Mit dunklem Haar und dunkler Hose ausgestattet werden sie vom Schicksal ereilt und müssen sich dazu überwinden, das Böse zu bekämpfen, und entdecken dabei wie nebenbei ihre Tapferkeit und ihren Kampfeswillen.

In England bereits erschienen: Der 41. und vermeintlich letzte Francis "Shattered"

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Francis erschuf damit eine liebenswerte Form des Märchens, eine männlich-anachronistische comédie humaine. Nur John Buchan mit seinen "neununddreißig Stufen" ist außer Francis diesem ganz eigenen Genre zuzuordnen. Der Preis für die zwischen den Buchdeckeln aufrecht erhaltenen männlichen Tugenden ist allerdings hoch und heißt große Literatur. Zwar habe Francis die Grenzen des Krimi-Genres längst überschritten, wie einst Jürgen Busche in der "SZ" schrieb, aber jeder sich ernst nehmende Kritiker gab im Höchstfall zu, eine Schwäche für Francis' Bücher zu haben und schrieb sodann über die bemerkenswert "solide Bauart" der Kriminalromane. Das Vermögen des Autors, mit seinen Schilderungen des Rennsport-Milieus ein präzises Bild seiner Nation zu zeichnen und die Schere der britischen Zwei-Klassen-Gesellschaft zumindest literarisch zu schließen, war den wenigsten Kritikern je eine Erwähnung wert.

Doch auch solides Handwerk kann zuweilen Staub aufwirbeln. Das war der Fall, als es im Oktober 1999 plötzlich hieß, Francis habe seine Bücher gar nicht selbst geschrieben, sondern seine Frau Mary, die er 1947 heiratete. Grund war die von Graham Lord veröffentlichte Biografie, "A Racing Life", in der alles Erdenkliche herangezogen wurde, um Francis schriftstellerisches Unvermögen festzuklopfen: Vom Bildungsunterschied des Ehepaares, (Mary Francis ist studiert, er nicht), bis hin zu Dick Francis widersprüchlichen Angaben, ob er das Schreiben liebe oder nicht. Felix Francis, einer der beiden Söhne des Krimi-Autoren, war daraufhin zutiefst erbost, sprach von einer "ungewollten und unautorisierten" Biografie und stellte die obligatorische Frage, ob die Bücher weniger spannend seien, wenn sie von seiner Mutter verfasst worden wären.

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Den Fans, und dazu zählen auch die Lyriker Philip Larkin und Kingsley Amis, ist es gleich, von wem die Bücher sind, die Gesamtauflage liegt bei über siebzig Millionen, in mehr als dreißig Sprachen wurde Francis übersetzt. Die Regale seiner Anhänger sehen aus wie Diogenes-Verkaufstände, und im Internet werden in unzähligen Foren die besten Sätze diskutiert. Dennoch kam bei der sogenannten "Whodunit"-Debatte unter dem Strich heraus, dass die beliebten Krimis wahrhafte Francis-Familienprodukte sind. Felix Francis, der wie sein Bruder für Vaters Werke mit recherchierte, sagte über seine Eltern: "Sie waren wie Siamesische Zwillinge, die am Stift verbunden waren".

Am 30. September letzten Jahres starb Mary Francis - in den Armen ihres Mannes, wie es heißt. Nur kurze Zeit später gab der Autor bekannt, dass er es bezweifle, noch einen Roman zu schreiben. Wie tröstlich kann da die Gewissheit sein, Francis' Pferdebücher noch einmal von vorn lesen zu können, ohne sich zu langweilen. Dazu wird dann sachte am Gin genippt, und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Dick Francis: "Hurrikan" (Diogenes Verlag 2001), 320 Seiten, 39,90 Mark


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