Wladimir Kaminer
"Sex ist einfach blöd"
Von Annette Langer
Schwule Offiziere, einäugige Parteifunktionäre und goldbehangene Orient-Schönheiten sind die skurrilen Protagonisten von Wladimir Kaminers Roman "Militärmusik". Eine abenteuerliche Reise durch die ideologischen Randgebiete der ehemaligen Sowjetunion.
Seit seiner Kindheit, behauptet der Autor von "Militärmusik", habe er gern Geschichten erzählt. Und um sich sofort jeder Glaubwürdigkeit zu entledigen, ergänzt er: "Nur ein Haken war dabei: Meine Geschichten stimmten nicht. Ich war nämlich ein totaler Spinner."
Kleine und große Anekdoten haben in Russland von jeher Tradition. Die Freude an hemmungslosen Phantastereien unter dem Deckmantel der Authentizität, an liebevoll verfälschten Tatsachenberichten oder hanebüchenen Lügenmärchen ist bis heute ungebrochen. Diese "wahren Legenden" haben ihren Platz auch im post-sozialistischen Alltag behauptet und werden in den Wohnküchen zwischen Moskau und Magadan gehandelt wie frisch gebackene Piroggen.
Das Berliner Allround-Talent Wladimir Kaminer steht voll in dieser Tradition und begibt sich
in seiner zweiten, als Roman deklarierten Sammlung von Erzählungen genau dahin, wo er vor zehn Jahren hergekommen ist: An die Wiege seiner lärmend-leichtfüßigen Betrachtungen über ein Reich, in dem der Zwiespalt gelebt und die Orientierungslosigkeit gefeiert wird – das Russland der siebziger und achtziger Jahre.
Welcome to Absurdistan
Und da geht es um einiges munterer zu, als man es jenseits des eisernen Vorhangs je vermutet hätte: Sozialistische Exhibitionisten erschrecken unschuldige Sowjetkinder, rauchende Mongoloide zelebrieren ihre Narrenfreiheit, und Kaminers kleiner Held Wladimir gewinnt mit einem gefälschten Majakowski-Gedicht einen Lyrikwettbewerb. Weil der jugendliche Hochstapler keinen Schimmer hat, womit er in Zukunft sein Geld verdienen will, geht er zunächst auf die Moskauer Theaterschule.
Die Welt, die sich dem angehenden Jungdramatiker dadurch eröffnet, ist seltsam: Im renommierten Majakowski-Theater versetzen gewalttätige Fans die Stars von Bühne und Fernsehen mit ihren Attacken in Panik. Ein bisexueller, einäugiger Parteizellenleiter belästigt in der Rolle des chilenischen Diktators Pinochet seinen Kollegen, während ein in Ungnade gefallener Aerobic-Lehrer bei der Premiere eines miserablen Polit-Melodrams seine ganz persönliche Form der Publikumsbestrafung vollzieht: Er pinkelt von der Lichtbrücke direkt in den Zuschauerraum.
Wladimirs Welt ist voller Loser und Gescheiterter. Und die sind so sympathisch, dass man es kaum ertragen kann. Kaminer erzählt pars pro toto von einer Kindheit und Adoleszenz, die zwei bis drei Schritte abseits der ideologischen Konformität verlief und zuhauf Künstler hervorgebracht hat, die nicht ernsthaft waren und es auch nicht sein wollen, die sich mittels einer bis ins Mark verinnerlichten Allzweck-Ironie gegen die Banalität des sozialistischen Realismus zur Wehr setzten.
Gott gebe uns eine Glatze
Sabine Sauer
Vergnügungsorganisator, Plattenaufleger und Schriftsteller: Wladimir Kaminer
Der in Moskau geborene Kaminer gibt sich wenig Mühe, seinen autobiografischen Ansatz zu verschleiern. Die kleinen Geschichten rund um sein Alter Ego Wladimir wirken so grotesk, weil sie realistisch erzählt und ohne aufwendige Kunstgriffe der sowjetischen Wirklichkeit entlehnt sind. In dem - mit seinen brachialen Polit-Kürzeln und blumigen Eigennamen auch sprachlich abstrusen – sozialistischen Alltag war die Wirklichkeit eben häufig skurriler als die Fiktion.
Dass Gagarin ein Säufer war, und nicht von ungefähr mit einem Flugzeug abstürzte, können wir uns noch vorstellen. Dass Gummibärchen-Gymnastik, eine russische Variante des Aerobic, gegen Alkohol-Abusus helfen soll, schon weniger. Die so genannte Glatzentheorie übertrifft allerdings alles: "Als Gorbatschow das erste mal im Fernsehen auftrat, freute sich das Volk, denn er hatte eine prächtige Glatze." Der Grund: In Russland wechseln sich Herrscher mit Glatze ab mit solchen, die über eine mehr oder minder vollständige Haarpracht verfügen. Die Glatze signalisiert einen gesellschaftlichen Umschwung, eine Revolution. Wenn die Glatze geht – und damit ein hauptbehaarter Herrscher kommt - wird alles wie früher.
Zur Sublimierung der großen und kleinen Alltagstragödien wird bei Kaminer viel gesoffen. Und wo viel Wodka im Spiel ist, wird Sex irgendwie unwichtig. "Als Autor kann man über Sex ebenso wenig schreiben wie über Afrika", meint der Schriftsteller. "Afrika gerät immer rassistisch, Sex einfach blöd. Ich meide dieses Thema, weil ich glaube, dass man Sex lieber machen sollte, anstatt darüber zu schreiben."
"Schlechtes Essen, Langeweile im Wald und Wortmangel"
Den Nimbus des einst mächtigen sowjetischen Militärapparates demontiert Kaminer mit dem naiv entlarvenden Blick seines Helden auf Inkompetenz und Idiotie des Einzelnen in der vaterländischen Armee. Wladimirs Kameraden sind entweder Schwule, Säufer, Karrieristen oder Komiker, die ihren albernen Hobbys so lange in Ruhe nachgehen, bis Mathias Rust über ihre Köpfe hinweg unbemerkt auf dem Roten Platz landet. Danach ist es mit der Ruhe vorbei.
"Schlechtes Essen, Langeweile im Wald und Wortmangel", resümiert Kaminer dieses Kapitel seines Lebens heute.
Tristesse-geschwängertes Glanzstück des Romans ist der Abschnitt "Das Leben im Park", in dem der Held sich in seiner Rolle als Vergnügungsorganisator dazu berufen fühlt, einen unterhaltungstechnisch brach liegenden Moskauer Park kulturell zu reanimieren. Das Ergebnis deprimiert: Die hohe Kunst scheitert am niederen Verlangen des Volkes, die antisemitische Pamjat-Bewegung erobert die Grünflächen.
1001 Rubel für Daima
Road-Movie-Feeling kommt auf, als Wladimir mit seinem Freund George und 46 Rindern nach Samarkand aufbricht. Als die beiden ihre lettische Reisebegleitung Daima an den Meistbietenden verscherbeln, ist Schluss mit 1001 Nacht - George träumt unverzüglich von einem blühenden Frauenhandel mit Mittelasien. Wladimir fühlt sich irgendwie scheußlich, als er das Geld entgegen nimmt, aber "sie war ja nicht meine Frau".
Was folgt, ist reinste Sowjet-Folklore: Bei einem unverhofften Wiedersehen mit der so jäh Versklavten klappert diese mit wertvollen Armbändern und bedankt sich bei dem "lieben George" für seine gute Tat. Ein muslimischer Zahntechniker habe sie zu seiner Lieblingsfrau im Kalifat gemacht und von "vorne bis hinten mit Gold behängt".
Hyperbolisch aufgeblähte Episoden wie diese kommen derart märchenhaft daher, dass sich die Grenze zwischen Fiktion und Realität auf wundervolle Art und Weise verflüchtigt. So hemmungslos überzogen sind einige Passagen des Romans, dass man geneigt ist, das Erfundene für wahr und das aufrichtig Rekapitulierte für haarsträubende Phantasterei zu halten. Genau hier liegt die Stärke von Wladimir Kaminer, der seine Leser mit so viel Ambivalenz ständig auf Trab hält und dabei auch noch richtig zum Lachen bringt.
Wladimir Kaminer: "Militärmusik". Manhattan bei Goldmann; 192 Seiten; 36 Mark.
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