Von Dorothee Tackmann
Maya Rasker: "Mit unbekanntem Ziel"
Geschichten dieser Art gehören zu den Triviallegenden: Vati geht Zigaretten holen und kommt Jahre später oder überhaupt nicht wieder. Wenn Männer sich absetzen, ist das vielleicht ungewöhnlich. Geradezu rätselhaft ist es, wenn Frauen heimlich Heim und Herd im Stich lassen.
Über das abendliche Zigarettenholen, ohne jedes Gepäck, taucht auch die schöne Frau von Gideon Salomon nach sieben gemeinsamen Jahren ab. Raya Mira hatte einen Hang zu Klischees, erfahren wir gleich zu Anfang von ihrem Ehemann. Dennoch soll sie für ihn, der jetzt ihre Ehe und Entfremdung analysiert, "ungreifbar" bleiben. Liebe verklärt seinen Blick.
Zwischen den Zeilen lauert die Tragödie. Wie konsequent und verhalten Maya Rasker das grausame Thema in klare und poetische Worte fasst, wie fließend sie Banalität, Intellekt und Radikalität ihrer Protagonistin in Beziehung bringt, ist verblüffend.
Gideon Salomon, ein Fotograf, der Gedichte in Bilder umwandelt, hatte Raya Mira geheiratet, um sie zu "erschließen, wie ein Geologe, der eine Goldader sucht". Er weiß, eine notorische Lügnerin vor sich zu haben. Aber sie will sich ändern: "Mit dir fängt meine Erinnerung an". Das Streben nach einer "gemeinsamen Geschichte" und steter Wahrheitsfindung artet in intellektuelle Quälerei aus. Sie legt ihm Zettel hin, in denen sie seine Spaghettisoße als abscheulich, seine Jeans als pathetischen Versuch, jünger zu wirken, oder seine Bilder als Diebstahl fremder Geschichten bezeichnet.
Weitere Fronten entstehen, als Tochter Lizzy geboren wird. Raya Mira entwickelt psychotische Verhaltensweisen. Die Geburt sei die größte aller Lügen, sagt sie: "Dadurch rückt unser eigener Tod nur näher". Sie gibt ihren Redakteursjob auf und verliert sich in der Rolle der Mutter, ihr ewig vergebungsgewillter Mann spielt fortan keine Rolle mehr. Sein Zuhause wird ihm "wesensfremd": "Wie kann man als Vater mit etwas zusammenwachsen, das nicht in einem gewachsen ist? Wie soll man sich mit einem Meteoriten versöhnen, der einen wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft?"
Erst als sich Raya Mira auf eine längere Seereise begibt, um "ihre Orientierung und Phantasie" wiederzufinden, erobert Gideon Terrain bei seiner Tochter. Einen Moment passt er nicht auf, Lizzy bricht durch die Eisdecke eines Sees. Als die Kleine aus dem Koma erwacht, versuchen die Eltern auf unterschiedliche Weise das Kind wieder in Besitz zu nehmen. Raya Mira erzählt ihrer Tochter dauernd eigene Geschichten, während Gideon versucht, Lizzy über Fotografien zur Traumaverarbeitung zu bewegen.
Väter, wirft ihm Raya Mira später vor, seien immer nur nebenbei Väter, aber "eine Mutter ist nie mehr souverän, nie mehr autonom". Sie, die selbst schriftstellerische Ambitionen hat, behauptet: "Für eine Künstlerin ist der Gedanke unerträglich, dass sie nie die Einzige sein wird, die das Kind formt". Die Tochter stirbt an ihrem fünften Geburtstag, warum, ist zu erahnen und dennoch ein Schock. Ebenso wie der Erzähler Gideon hofft der Leser auf eine andere Erklärung. Trotz aller Transparenz erhält er nie Eindeutigkeit. Dies hält die Spannung bis zur letzten Seite.
Mit ihrer liebenswürdigen, fließenden Erzählweise, reich an Reflexionen nähert sich die 36jährige Autorin ihrem berühmten Landsmann Cees Noteboom. Wann ist die Erinnerung erfunden, wann ist sie wahr? Wann ist Liebe im Grunde nur Neugier? Wo beginnt die Instrumentalisierung eines Kindes? Maya Raskers Roman ist eine minutiöse, stimmig komponierte Sinnsuche voller Suspense, fast ein Krimi. Zugleich ein rabiater Gegenentwurf zu dem derzeit auf allen Kanälen heraustrompeteten neuen Mutterglück. Rasker widmete das Buch ihren beiden Töchtern.
Maya Rasker: "Mit unbekanntem Ziel" ("Met onbekende bestemming"). Roman. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby; Frankfurter Verlagsanstalt 2001; 297 Seiten; 38 Mark.
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