ThemaNahost-KonfliktRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Etgar Keret über den Alltag in Israel "Wir sind doch alle Zwangsneurotiker"

3. Teil: Warum Zwangsneurotiker manchmal eine Ohrfeige brauchen und in Russland die Witze ausgegangen sind... Lesen Sie den dritten Teil des Interviews!

SPIEGEL ONLINE: Ihre Leser? Was sind das für Leute?

Keret: Man würde meinen, das seien Linke, junge Intellektuelle, da ich ja selbst eher aus diesem Lager komme. Aber ich habe eine viel breitere Leserschaft: Da sind auch Siedler darunter, orthodoxe Juden, israelische Araber... Und das gibt mir Vertrauen: Diese Leute müssen doch trotz aller Unterschiede einiges gemeinsam haben.

"Pathos bringt nichts, er lähmt nur den Dialog"
Dominik Baur

"Pathos bringt nichts, er lähmt nur den Dialog"

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie diesen Menschen vermitteln?

Keret: Ich möchte ihnen eine Ohrfeige geben. Wir sind doch alle Zwangsneurotiker. Wir gehen durchs ganze Leben voller Hysterie. Damit es nicht auffällt, haben wir einfach unseren persönlichen Autopiloten eingestellt, der uns bequem durchs Leben bringt. Ich möchte den Leuten mit meinen Geschichten eine Ohrfeige geben, damit sie aufwachen und ins Grübeln kommen. Ich will meinen Lesern keine Antworten geben; alles, was ich will, ist, dass sie anfangen, Fragen zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Humor dabei?

Keret: Humor ist eine wunderbares Mittel, um Kritik zu üben. Er ist die Waffe der Schwachen. Wer die Macht hat, Dinge zu verändern, braucht keinen Humor. Du machst mehr Witze über Deine Lehrer als über Deine Mitschüler. Mein russischer Übersetzer hat sich mal bei mir über den Untergang der Sowjetunion beklagt: Das sei das Schlimmste gewesen, was dem Humor habe passieren können. Seither gebe es dort keine neuen Witze mehr. Und dann ist Humor auch eine gute Möglichkeit, über ernste Dinge zu sprechen, ohne in Pathos zu verfallen. Denn Pathos bringt nichts, er lähmt nur den Dialog.

SPIEGEL ONLINE: Und? Erreichen Sie etwas?

Keret: Ich denke schon. Bei mir geht es ja meistens um moralische Themen. Ich möchte die Leute dazu bringen, sich in andere hineinzuversetzen. Ich hoffe, das gelingt mir.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat Kunst zu Zeiten des Krieges? Kann denn die intellektuelle Elite eine konstruktive Rolle im Friedensprozess spielen?

Keret: Intellektuelle haben nie eine große Rolle gespielt. Vielleicht können wir eine Stimme der Vernunft in verrückten Zeiten sein, vielleicht manchmal eine Notbremse. Wir können Straßenschilder sein, die mögliche Wege zeigen, die Menschen erinnern, dass es noch andere Routen gibt. Aber wir sind nie der Motor - und wir sollten uns dieser Grenzen bewusst sein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn eine rege Debatte mit palästinensischen Intellektuellen?

Keret: Die gibt es auf den verschiedensten Ebenen. Ich bin zum Beispiel in Kontakt mit palästinensischen Schriftstellern. Wir telefonieren und schreiben uns E-Mails. Aber sobald es in die Öffentlichkeit geht, wird es schwierig. Ich sollte einmal bei einer Veranstaltung in Norwegen mit zwei palästinensischen Schriftstellern aufs Podium. Ich kenne sie beide und weiß, dass sie meine Arbeit sehr schätzen. Aber sie haben sich geweigert, gemeinsam mit mir auf dem Podium zu erscheinen. So etwas gibt mir schon zu denken. Selbst Arafat und Netanjahu sind schon zusammengesessen. In was für Zeiten leben wir, wenn das Schriftsteller nicht schaffen?

Das Gespräch führte Dominik Baur

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur
alles zum Thema Nahost-Konflikt

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP