Berlin - Walter Höllerers Name ist eng mit dem gesellschaftspolitisch aktiven Literatur-Colloquium "Gruppe 47" um Hans Werner Richter, Günter Grass, Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson verbunden. "Wie viele Schlachten wurden hier geschlagen", meinte Höllerer einmal rückblickend auf die 1947 gegründete Vereinigung der Avantgardisten, zu der er 1954 gestoßen war. Dort saßen die Autoren, um aus ihren neuen Texten zu lesen, und wurden von ihren Kollegen und von Kritikern, von Hans Mayer über Walter Jens bis Marcel Reich-Ranicki, kritisch unter die Lupe genommen.
Höllerer war auch ein umtriebiger Organisator des Literaturbetriebs und gründete mit Hilfe der amerikanischen Ford Foundation das Literarische Colloquium am Berliner Wannsee, das in diesen Tagen sein 40-jähriges Bestehen feiert. Es war und ist ein Treffpunkt zahlreicher prominenter Autoren aus dem In- und Ausland sowie Schauplatz von lebhaften kulturpolitischen Streitgesprächen. Gefördert wurde dabei auch die Zusammenarbeit der Literaten mit den Bereichen Theater, Film und Fernsehen. Auch als Schriftsteller, Dichter und langjähriger Herausgeber der Zeitschriften "Akzente" und "Sprache im technischen Zeitalter" machte sich Höllerer einen Namen.
Immer wieder ergriff Höllerer auch Partei in gesellschaftspolitischen Streitfragen wie der Stationierung von Atomraketen in der Oberpfalz und der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. "Wir waren immer darauf aus, für jene zu sprechen, denen das Wort abgeschnitten wurde, und wir haben uns niemals mit dem Status Quo abgefunden, weder mit dem des bestehenden Sozialismus noch mit dem des Kapitalismus", sagte Höllerer 1988, ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Viele seiner Gesinnungsgenossen seien als "Scheißliberale" beschimpft worden, aber eines habe sie alle geeint in der "Gruppe 47" - "dass es nie wieder eine Diktatur in Deutschland geben darf".
Günter Grass würdigte Höllerer am Mittwoch als bedeutenden Förderer von Gegenwarts-Autoren und vielseitigen Germanistik-Professor. "Wie kein anderer der damaligen Zeit - und ich glaube, auch heute nicht - war er neben all seiner Liebe zur klassischen Literatur jemand, der der Gegenwartsliteratur offen gegenüber stand", sagte Grass in einem Interview mit dem Deutschlandradio. "Die Autoren meiner Generation haben ihm fast alle viel zu verdanken." Höllerer habe sehr viele Einflüsse aufgenommen und auch an andere Autoren weitergegeben.
Der Dichter Höllerer sei allerdings ein bisschen ins Hintertreffen geraten im Vergleich zu dem Förderer und Anreger, sagte Grass. Er habe zu den Kritikern gehört, sich aber immer nur zu Wort gemeldet, wenn er ein Buch loben konnte, das ihm zumindest im Ansatz gefallen habe. "Darauf hat er hingewiesen. Er gehörte nicht zu den berufsmäßigen Zerreißern."
Höllerer stammte aus dem oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg, dem er bereits 1987 seine wertvolle Sammlung deutscher Nachkriegsliteratur mit über 20.000 Briefen und zahlreichen Originaldokumenten für das dortige Literaturarchiv überlassen hat. Sein schriftstellerisches Werk umfasst lyrische, erzählerische und essayistisch-wissenschaftliche Arbeiten, sowie den Roman "Die Elephantenuhr" (1973) und die Komödie "Alle Vögel, alle" (1978). Seine besondere Liebe gehörte dem vom Dadaismus beeinflussten experimentellen Gedicht. Eine Sammlung von Reden, Essays, Aufsätzen und Geschichten erschien 1987 unter dem Titel "Walter Höllerers Oberpfälzische Weltei-Erkundungen".
Der Literaturwissenschaftler und Germanist war Mitglied des PEN-Clubs, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Berliner Akademie der Künste. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 1966 den Berliner Fontanepreis und 1975 den Johann-Heinrich-Merck-Preis. Walter Höllerer starb am Dienstag im Alter von 80 Jahren in Berlin.
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