Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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24.06.2003
 

Interview mit Susan Sontag

"Amerika ist ein Land voll religiösem Irrsinn"

Die US-Intellektuelle und Kulturtheoretikerin Susan Sontag über ihre Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, die radikale Veränderung der amerikanischen Außenpolitik unter George W. Bush und den gesellschaftlichen Gegensatz zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

Susan Sontag, 70, gilt unter US-Intellektuellen als eine der schärfsten Kritikerinnen der Bush-Regierung. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass die bekannte Essayistin im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird
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Susan Sontag, 70, gilt unter US-Intellektuellen als eine der schärfsten Kritikerinnen der Bush-Regierung. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass die bekannte Essayistin im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird

Frau Sontag, welche Bedeutung hat die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Sie?


Susan Sontag:

Diese Auszeichnung ist eine große Ehre, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich hoffe, dass ich bei der Preisverleihung eine Rede halten werde, die der berühmten Träger dieses Preises würdig ist.

Betrachten Sie den Preis vor allem als Anerkennung Ihrer literarischen Arbeit oder sehen Sie darin auch eine Würdigung Ihrer politischen Positionen, vor allem gegenüber der amerikanischen Außenpolitik?

Sontag: Diese Frage habe ich mir natürlich auch gestellt. Ich bin bekannt als eine Kritikerin der Regierung und der Politik von George W. Bush. Also kam mir natürlich der Gedanke, dass die deutsche Jury vielleicht eine amerikanische Kritikerin der amerikanischen Politik unterstützen wollte. Aber natürlich habe ich keine Hinweise darauf, dass dies so ist, und ich hoffe und glaube, dass es eine rein literarische Auszeichnung ist.

Welche Entwicklungen in der amerikanischen Außenpolitik beobachten Sie derzeit? Was hat sich an dieser Politik verändert?

Sontag: Nach der Amtsübernahme Bushs hat sich einiges verändert. Bushs Leute sind sehr radikal, das ist eine große Neuerung in der Außenpolitik. Beispielsweise haben die Amerikaner das Wort Regimewechsel benutzt, als es um das Ziel des Irakkriegs ging. Ich würde aber auch sagen, dass es in meinem Land einen Regimewechsel gegeben hat. Wir haben einen Präsidenten, der nicht gewählt ist - wenn er auch im Jahr 2004 leider letztlich doch noch gewählt werden wird. Und dieser Präsident steht für eine radikale Veränderung der amerikanischen Außenpolitik - eine Veränderung, der ich mich entschieden widersetze.

Die offiziellen politischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland sind derzeit gespannt. Was meinen Sie dazu?

Sontag: Ja, in der Tat, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind derzeit gespannt. Allerdings wird Frankreich, das den Irakkrieg ja ebenfalls abgelehnt hat, von den Vereinigten Staaten noch stärker abgestraft als Deutschland. Das hat tiefe kulturelle Gründe.

Welche Gründe? Entwickeln etwa die amerikanische Gesellschaft und einige westeuropäische Gesellschaften wie Deutschland oder Frankreich inzwischen unterschiedliche Grundwerte und Ideale?

Sontag: Ich glaube, dass es heute tatsächlich eine bestimmte Divergenz der Werte zwischen Europa und den Vereinigten Staaten gibt, auch tief greifende kulturelle Unterschiede. Zwei Dinge sind sehr offensichtlich: Zum einen ist dies der Bereich der Religion. In Europa sind viele Menschen sehr weltlich eingestellt. Die Vereinigten Staaten dagegen sind ein Land voll von religiösem Irrsinn, und dass religiöse Worte verwendet werden, um staatliches Handeln zu rechtfertigen, wird weitgehend akzeptiert.

Und der zweite gravierende Unterschied?

Sontag: Deutliche Unterschiede gibt es auch bei der Haltung zur Gewalt. In den Vereinigten Staaten glauben viele, dass jeder Mensch das Recht hat, Waffen zu besitzen. Zumindest wird das den Menschen so vermittelt. Das ist in Europa anders.

Glauben Sie denn, dass diese Unterschiede in Zukunft Bestand haben werden?

Sontag: Die Unterschiede wachsen zwar, ich glaube aber nicht, dass sie ewig oder unumkehrbar sind. Problematisch ist nur, wenn eine Regierung wie die jetzige die ideologische Hegemonie in den Vereinigten Staaten innehat. Es gibt derzeit einfach keine politische Opposition: Die Demokraten haben keinen Mut und stehen nicht wirklich für eine andere Politik. Deshalb wird es weiterhin große Unterschiede zwischen Europa und Amerika geben. Problematisch ist auch, dass die USA so mächtig sind. Inzwischen wollen die Amerikaner ja gar nicht mehr gemocht werden. Es ist ihnen egal, was man von ihnen hält - in Europa und anderswo.

Interview: dpa

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