Von Sonja Zekri
Im Herbst seines Lebens war der Alte das geistige Mittelmaß herzlich leid. Mit siebzig Jahren begann Leo Tolstoi die Arbeit an seinem "Kalender der Weisheit" - da war sein Name längst unsterblich. Bis zu seinem Tod zwölf Jahre später, im Jahr 1910, arbeitete er das Werk immer wieder um. Die erste von drei Auflagen erschien 1904. Nach der Vollendung der zweiten, völlig neu arrangierten Ausgabe, notierte der Russe bedauernd in seinem Tagebuch: "Heute bin ich von den geistigen und moralischen Höhen herabgestiegen, auf denen ich weilte, als ich mich im Gespräch mit den besten und weisesten Denkern der Welt befand."
Die vorliegende deutsche Ausgabe ist eine Übersetzung aus dem Amerikanischen. Das ist einerseits schade, andererseits entspricht es der Freiheit, mit der bereits Tolstoi die Weisheiten aus aller Welt raffte, straffte und übersetzte. Außerdem sind die obligatorisch herangezogenen Worte Goethes eine echte Wiederentdeckung.
Wirklich bedauerlich ist, daß der Herausgeber Peter Sekirin auf die "Sonntagsgeschichten" verzichtet hat. Denn Tolstoi faßte nicht nur für jeden Jahrestag Weisheiten von Gelehrten aus aller Welt unter einem Motto zusammen - "Liebe", "Arbeit", "Ausschweifung", "Gotteserkenntnis" -, sogar der 29. Februar fand bei ihm Beachtung. Für die Sonntage schrieb er außerdem kurze Geschichten, die das Thema der Woche wiedergaben. Pasternak und Solschenizyn rühmten diese Texte ob ihrer Einfachheit. Einfachheit - bei Tolstoi! Das hätte man gern gelesen. Doch auch die sozusagen auf ihren Kern reduzierte Fassung des Kalenders enthält genug Weisheit für ein ganzes Leben. Und wer wollte bestreiten, daß auch wir Erbauung bitter nötig haben, gerade jetzt, am Ende des "humanitären Einsatzes" im Kosovo, den Tolstoi einen Krieg genannt hätte. Es hieße, den Alten zu unterschätzen, wer dazu nicht ein klares Wort verlangte. Und siehe, wir werden gleich mehrmals fündig: 17. Juni: "Kriegselend". Oder: 17. Juli: "Gewaltlosigkeit". Oder, konsequenter: 28. November: "Tod - Ewigkeit". "Die Gründe, die Regierungen für Kriege anführen", schreibt Tolstoi, "sind immer eine Verschleierung, hinter der sich völlig andere Motive verbergen." Streiten wir nicht mit ihm.
Als wahrer Meister entpuppt sich Tolstoi vor allem in der Auswahl seiner Ko-Autoren. Er läßt Gelehrte zu Wort kommen: Voltaire und Kant, Seneca, Thomas Carlyle und die anonymen Schöpfer wunderbarer Sprichwörter (zum Beispiel am 14. Oktober: "Laß deine Zunge sich an die Worte gewöhnen: "Ich weiß es nicht". Weisheit des Ostens). Die Prominenz der Weltreligionen schreibt bei Tolstoi, aber auch begabte Unbekannte: Lucy Malory etwa, eine Journalistin aus Oregon, und Galston Mohk, über den die Anmerkungen nichts zu berichten wissen, wenn man vom Datum seines Zitates absieht. Manches ist überraschend modern: Über die "Kunst" heißt es am 31. August: "Das Kunstschaffen und der Verkauf von Kunst sind heute meist reine Prostitution". Anderes klingt nur so, wie Tolstois Befund am 9. September über die "Wissenschaft": "Das Wissen, das wir heute als Wissenschaft akzeptieren, beeinträchtigt die Qualität des Menschenlebens mehr, als es sie unterstützt." Solche Fortschrittskritik mochte zu Beginn des Jahrhunderts kühn und provokant gewesen sein. Heutzutage ist sie ein alter Hut.
Verbunden mit Aufrufen zu Selbstversenkung und zum Vegetarismus geben sie allerdings auch einen Hinweis, warum gerade der Riemann-Verlag, das ökologische Töchterlein der großen Bertelsmänner, den verschollenen Zitatenschatz in sein Programm aufgenommen hat. So finden sich auf dem Recyclingpapier des Verlagsheftes neben der Publikation des großen Russen auch jene von Franz Alt ("Der ökologische Jesus”) und Karl Ludwig Schweisfurth ("Wenn´s um die Wurst geht"). Der Herausgeber Peter Sekirin legt seinen Lesern Tolstoi gar als "spirituellen Führer" ans Herz. So ist das Buch auch ein Beweis dafür, daß vor dem grenzenlosen Appetit esoterischer Gutmenschen kein unschuldiger Klassiker sicher ist. Was aber würde Tolstoi, der große Dichter, der kühne Visionär, der große Menschen- und Tierfreund, zu dieser Vereinnahmung sagen? Schlagen wir den 8. August auf: "Die Ansichten eines verehrten Schriftstellers üben einen großen Einfluß auf die Gesellschaft aus; sie bilden auch ein großes Hindernis zum Verständnis der Welt." Titel des Kapitels: "Überliefertes prüfen". Wer noch den Beweis für Tolstois Humor bräuchte - hier fände er ihn.
Peter Sekirin (Hrsg.): "Tolstois Kalender der Weisheit. Aufbauende und inspirierende Texte aus aller Welt, zusammengestellt und kommentiert von Leo Tolstoi.“ Aus dem Amerikanischen von Franchita Cattani; Riemann-Verlag/Bertelsmann Gruppe, München; 384 Seiten; 39,90 Mark
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