Stockholm/Kopenhagen - Der mit seinen Wallander-Krimis weltweit erfolgreiche Schriftsteller Henning Mankell hält als einziger der schwedischen Krimi-Prominenz politische Motive für den Mord an Außenministerin Anna Lindh für möglich. Sein Kollege Per Olov Enquist ("Der Besuch des Leibarztes") dagegen glaubt, dass "ein Verrückter" ähnlich wie beim Mord an John Lennon 1980 hinter der Tat steht. Einig waren sich beide laut einer am Freitag von der dänischen Zeitung "Politiken" veröffentlichten Umfrage unter schwedischen Schriftstellern, dass die Aufklärung der Hintergründe für Schweden von ungeheurer Bedeutung ist.
Im Gegensatz zu seinen Kollegen macht sich Mankell abseits der These vom "wahnsinnigen Einzeltäter" auch Gedanken über einen möglichen Zusammenhang mit der Euro-Volksabstimmung an diesem Sonntag. Die Sozialdemokratin Lindh war dazu als prominenteste Verfechterin der Euro-Einführung unter anderem mit dem konservativen Ex-Regierungschef Carl Bildt und Ericsson-Konzernchef Carl-Henrik Svanberg aufgetreten. "Ich könnte mir vorstellen, dass sich Euro-Gegner von Lindhs Eintreten für das 'Ja' provoziert fühlten. Dass es dann eine Form von Rache war," mutmaßt Mankell, der in seinem Bestseller "Die Rückkehr des Tanzlehrers" die Gewalttaten der in Schweden stark ausgeprägten Neonazi-Szene beleuchtet hat.
Jan Guillou, mit seiner Thrillerserie über den Geheimagenten Hamilton einer der meistgelesenen Autoren Skandinaviens, stellt zunächst die Aufklärung nach dem Trauma des nicht aufgeklärten Palme-Mordes 1986 ganz nach vorn: "Sonst bekommen wir wieder diese Hölle mit Spekulationen. Dass man die Schuld Gott, Allah, dem KGB, den Sozialdemokraten selbst oder ich weiß nicht wem in die Schuhe schiebt." Guillou bekannte sich von allen Befragten am eindeutigsten zu seiner Vermutung, dass Anna Lindh von einem psychisch gestörten Spontan-Täter ermordet wurde: "Das Werk eines Irren. Ein wahnsinniger Mann, der eine berühmte Person umbringt."
Enquist, ein persönlicher Freund der ermordeten Politikerin, sieht das ganz ähnlich: "Es gibt so viele wahnsinnige Menschen in Schweden." Dass mit Palme und Lindh zwei führende und international bekannte Politiker Opfer von Mördern wurden, hält er für einen "reinen Zufall". Wie Guillou verweist auch er auf eine ganze Serie von Gewalttaten, die in diesem Sommer in Schweden von psychisch kranken Tätern verübt wurden.
Auch Kerstin Ekman ("Geschehnisse am Wasser") glaubt nicht an den beim Palme-Mord immer wieder herausgehobenen Hass rechter Kreise auf führende Sozialdemokraten. Sie sieht vor allem eine "stark zunehmende Verrohung" der schwedischen Gesellschaft als Hintergrund: "Gewalt und Aggressivität gibt es in der Unterhaltung und umgibt uns überall. Sie sind ja eine fast natürliche Ausdrucksweise geworden." Dazu komme eine immer massivere Herausstellung bekannter Personen wie vor dem Euro-Referendum mit den überall zu sehenden Lindh-Postern.
Für die Schweden wird der Mord an ihrer Außenministerin nach Meinung von Ekman zu einer Änderung ihres Selbstbildes führen: "Die Schweden leben in dieser Illusion, dass wir ein so überaus gutes Land sind." Dabei sei es nicht anders als andere, vor allem auch mit Blick auf Gewalt: "Die Gesellschaft ist heute viel gewalttätig als zu der Zeit, als Anna Lindh geboren wurde." Der Feuilletonist Per Svensson, Kulturchef der Stockholmer Zeitung "Expressen", deutet in der "Süddeutschen Zeitung" ebenfalls an, dass sich Schweden spätestens nach dem Mord an Anna Lindh vom Ideal der "offenen Gesellschaft", der Vorstellung, man lebe noch immer "im Astrid-Lindgren-Land", verabschieden muss.
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