Berlin - "München war die allerletzte Warnung", sagte Giordano bei der Preisverleihung in Berlin. Er habe "vorsichtiges Vertrauen", dass Deutschland sich und seinen Nachbarn nicht mehr gefährlich werde. Dennoch solle die Gesellschaft alle Formen von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit konsequenter bekämpfen.
Mit dem Preis würdigte der Zentralrat der Juden die Verdienste, die sich Giordano "als Autor und Journalist, als Mahner gegen Rechtsradikalismus und gegen das Verdrängen und das Vergessen des Holocausts" sowie als "mutiger Streiter für Zivilcourage und Mitmenschlichkeit" erworben hat.
"Nicht zur Tagesordnung übergehen"
Die Vizepräsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, warnte: "Wir stehen heute wieder an einem Scheideweg. Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen". Immerhin sei in ihrer Heimatstadt München "eines der schändlichsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte" vorbereitet worden.
In einem persönlichen Glückwunschschreiben würdigte Bundeskanzler Gerhard Schröder Giordanos Engagement gegen das Vergessen und Verdrängen. Der Publizist habe sich um Demokratie und Toleranz in Deutschland verdient gemacht. Schröder betonte: "Wir dürfen nicht nachlassen, gemeinsam und entschlossen gegen jedwede Tendenz von Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus vorzugehen."
Giordano widmete sich in seinen Werken vornehmlich der Aufarbeitung des Holocaust, dem Kampf für die Menschenrechte sowie den Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Der Sohn einer deutschen Jüdin und eines Sizilianers entging nur knapp dem Konzentrationslager. Bis Kriegsende versteckte er sich in einem Keller in Hamburg. Dieses Schicksal verarbeitete er in seinem bekanntesten Roman "Die Bertinis". Weitere Werke sind u.a. "Die zweite Schuld oder Von der Last ein Deutscher zu Sein", "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte" oder "Israel, um Himmelswillen Israel".
"Fähigkeit zu polarisieren nie eingebüßt"
Paul Spiegel, langjähriger Freund Giordanos und Präsident des Zentralrats der Juden, hob in seiner Laudatio die Verdienste des Autors hervor. Seine "erfrischende Fähigkeit zu polarisieren", habe Giordano nie eingebüßt. Er sei trotz seiner Verfolgungen in der Nazi-Zeit nach dem Krieg in Deutschland geblieben.
Giordano, der heute in Köln lebt, hatte zuvor erklärt, er sei aus Sorge um seine Retter in Deutschland geblieben. Außerdem habe er gegen die "Kontinuität des braunen Ungeistes nach 1945" kämpfen wollen. Erst später habe er erkannt, "dass Millionen von Deutschen in den elementaren Grundfragen genauso dachten wie ich".
An der Feier nahmen auch Israels Botschafter Shimon Stein, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, und der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, teil. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung erinnert an den Berliner Wissenschaftler und Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), eine prägende Gestalt des deutschen Judentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie ist Menschen gewidmet, "die sich in hervorragender Weise für die jüdische Gemeinde in diesem Land eingesetzt haben".
Preisträger waren unter anderem die Schauspielerin Iris Berben, Bundespräsident Johannes Rau, seine Vorgänger Roman Herzog und Richard von Weizsäcker sowie Altbundeskanzler Helmut Kohl.
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