Von Nicola Kuhrt
Die Helden nie ganz vergessener Jugendtage sind schuld: Mit ihren vertonten Abenteuern gewöhnten Tarzan, Karl und Klößchen oder auch Justus, Peter und Bob ihre Fans ab Anfang der achtziger Jahre an hörbare Spannung per Knopfdruck. Kassettenfolge für Kassettenfolge. Serien wie "TKKG" oder "Die drei ???" prägten die Hörgewohnheiten einer ganzen Generation. Sind die meisten ihrer ersten Zuhörer auch längst erwachsen, verlangt es viele noch immer nach Unterhaltung der hörbaren Art: Für Branchen-Kenner ein entscheidender Grund für den momentanen Boom der Hörbucher. Was früher einzig als angestaubtes Medium für gelangweilte Studienrätinnen galt oder blinden Menschen als kleines Vergnügen zugeschrieben wurde, hat mittlerweile in den Zwanzig- und Dreißigjährigen ein neues Publikum gefunden.
Und nach den neuen Rezipienten richtet sich natürlich auch das Angebot. Statt auf Klassiker von Goethe, Schiller oder Thomas Mann - die gibt es natürlich auch weiterhin - setzen vor allem viele große Verlage verstärkt auf Popliteratur und zeitgeistige Bestseller samt den dazu passenden Erzählern. Da liest Benjamin Lebert aus seinem neuen Werk "Der Vogel ist ein Rabe", Rocko Schamoni aus seinem ironischen Roman "Risiko des Ruhms" und Martin Semmelrogge aus Charles Buckowskis "Fuck Machine". Viva-Moderatorin Charlotte Roche gibt "Zwölf" von Nick McDonell, Ärzte-Drummer Bela B. erzählt vom sicheren Weg zum Hit. Auch Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre ("Tristesse Royal") oder Christoph Schlingensief ("Die Räuber") gibt es natürlich in hörbarer Form.
So boomt die Hörbuch-Branche. Gemessen an der Höhe der Umsätze sind Hörbücher vielleicht noch keine große Nummer - nur etwa ein Prozent des Gesamtumsatzes des deutschen Buchhandels wird bisher mit Audiobooks erzielt. Dennoch sind Hörbücher ein Geschäftsbereich, in dem immerhin noch Gewinne verzeichnet werden können. Während der Verkauf von Büchern in den vergangenen zwei Jahren eher stagnierte, wird bei den Hörbüchern auch in diesem Jahr eine Steigerung erwartet, von 35 Millionen Euro Umsatz in 2001 auf 60 Millionen Euro.
Die seitens vieler Verlage emsig betriebene Verjüngung des Hörbuchs stößt nicht auf ungeteilte Begeisterung. Viele Kritiker vermissen angesichts der aktuellen Entwicklung die Vielfalt des Mediums, bemängeln die Konzentration auf ausschließlich prominente Erzähler. Die "Zeit" beispielsweise spricht vom "konsequent produzierten Pop- und TV-Bonus", die "Berliner Zeitung" kritisiert, dass sich nur wenige Hörbuchverlage "für beispielgebende Produktionen engagieren". Derweil findet es die "taz" sowieso fraglich, "ob die Verjüngung gelingt."
Schamoni-Hörbuch: Popliteratur und zeitgeistige Bestseller
Doch nicht nur der Bedarf der "Generation TKKG" wird bei Experten für den Boom der Hörbücher verantwortlich gemacht. "Die Zeit, die die Menschen im Auto oder im Flugzeug verbringen, hat sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt", sagt Bert Petzold von der Deutschen Grammophon. Doppelt so viel Zeit also, um sich die Reise mit dem Abspielen von Hörbüchern zu verkürzen. Beim Hörverlag sieht man den Boom auch in der "Renaissance des Hörens" begründet. "Die Menschen werden mit optischen Reizen überflutet, da wächst der Wunsch, sich mal zurück zu ziehen und zu entspannen", erklärt Hörverlag-Sprecherin Völker-Sieber. Nicht wenige Menschen fühlten sich durch die Audiobooks auch an ihre Kindheit erinnert, an von den Eltern vorgetragene Einschlaf-Geschichten.
Und tatsächlich steigt die Zahl derer, die ein Hörspiel nicht nur auf Reisen nutzen, oder sich damit die Zeit beim Bügeln vertreiben. So konnte beispielsweise das Berliner "Hörspielkino unterm Sternenhimmel" in diesem Jahr einen neuen Besucherrekord verzeichnen, in immer mehr Bars und Cafés wie der "Barbarabar" (Hamburg), der "Unsichtbar" (Berlin) oder dem "Ohrenschmaus" (Köln) werden Hörspiel-Abende angeboten, bei denen sich die Zuhörer sofort über das gerade Gehörte austauschen können. Wie war die Stimme des Erzählers? Tropfte sie wohlig und angenehm in die Gehörgänge? Quälte sie das Trommelfell? Wurde der gelesene Text zum Erlebnis?
Um genau dieses Erleben, das innere Gefühl beim Zuhören, geht es auch Anna Thalbach, wenn sie Texte für Hörbücher liest. Die Schauspielerin hat ihre unverkennbare, etwas kratzige Stimme schon zahlreichen Audiobooks, wie "Die Frau und der Affe" von Peter Hoeg oder dem "Hohelied Salomos" verliehen, für das "Dichterinnen Projekt" las sie Gedichte. "Hörspiele sind eine interessante Zwischenform", sagt sie - natürlich weil es für sie eine schöne Art sei, ihr Geld zu verdienen, aber vor allem möge sie einfach die Art. "Man muss beim Hörbuch nicht gänzlich die eigene Phantasie mitbringen wie bei der Lektüre eines Buchs, hat aber im Gegensatz zum Film immer noch genügend Raum für die eigenen Bildwelten." Die Stimme des Erzählers und die Art der Lesung seien einfach eine erste interessante Interpretationsstufe des Textes.
Gerade diese "erste Interpretationsstufe" macht Hörbucher bei den Rezipienten von Lyrik sehr beliebt. "Gedichte erscheinen den Menschen auf dem Papier oft rätselhaft, die Art der Lesung hilft beim Verstehen und nimmt den Menschen die Scheu", sagt Anke Albrecht vom Düsseldorfer Patmos-Verlag. Doch nicht nur erzählte Lyrik, auch gesprochene Fachbücher und hörbare Reiseführer werden laut - Börsenverein des Deutschen Buchhandels - immer beliebter.
Trends, denen man nun auch auf der Frankfurter Buchmesse nachgehen will. Ein ganzes Forum beschäftigt sich mit der Zukunft der Audiobooks. Endlich soll ergründet werden, "warum es keine Seltenheit mehr ist, Bücher zu hören". Auch die Frage, welcher Tonträger im Hörbuchbereich Speichermedium Nummer eins werden wird, gilt es zu klären. Aktuell erscheinen in Deutschland bereits 70 Prozent aller Audiobooks auf CD, die MP3 mit 17 Stunden Fassungsvermögen wird bereits diskutiert. Der Diderot-Verlag setzte sogar noch eins drauf und gab gerade das "längste Hörbuch der Welt" heraus. Ganze 56 Stunden "Les Misérables" als Komplettversion auf DVD.
Wen angesichts dieser hochtechnischen und zeitlich unbegrenzten Perspektiven die Hörangst überfällt: Die gute, alte TKKG-Kassette funktioniert auch heute noch.
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