Von Daniel-Dylan Böhmer
Dass in Frankfurt Permafrost herrscht, erkennt man daran, dass die Taxifahrer, die die Verleger- und Autoren-Herde über die Weidegründe der Empfangskultur treiben, am Dienstagabend in der Überzahl waren. Und an den Panik-Meldungen, die sie in ihre Mikrofone bellen. Etwa: "Nur noch 50 Leute im Frankfurter Hof!" Das war um 0:30 Uhr, viel zu früh für Feierabend.
Der Empfang des Berlin-Verlags ist der traditionelle Trainigslauf für die Frankfurter Büffet-Saison. Die gehobenen Fachbesucher, die schon Anfang der Woche angereist sind, um am Mittwoch schnell aus den Startlöchern zu kommen, nippen sich hier warm. Deshalb kann man sich bei Berlin im Frankfurter Hof bereits einen ersten Gesamteindruck über die Équipes machen, auch wenn ein gewisser Überhang Frankfurter Lokalmatadore das Bild leicht verzerrt.
Die drangvolle Enge zu Beginn war das beruhigendste Merkmal des Abends. Mancher, der mit Krawatte gekommen war, stand bald mit offenem Kragen da. Aber mancher, der 2002 noch als Lektor auftreten konnte, erschien nun als freischaffender Agent. Berlin-Chef Arnulf Conradi tat in der Begrüßungsrede sein möglichstes, die Stimmung zu heben. Zunächst mit einem Witz über die Tochter von Ehrengast Margaret Atwood: Er habe sie als Kleinkind kennen gelernt, und nun, da sie Kampfsportlerin und Yale-Dozentin sei, könne man ihrer Mutter zu so einer berühmten Tochter nur gratulieren. Wie der biblische Jonas sei sein Verlag vom Wal wieder ausgespuckt worden, so zitierte Conradi seinen Lieblings-Zeitungsartikel über den Wechsel des Hauses aus dem Bertelsmann-Verbund in die Partnerschaft mit dem britischen Literaturverlag Bloomsbury.
Die Allianz der kleinen Feinen macht tatsächlich Mut, aber Conradis Beteuerung, trotz der Krise sei er sicher, dass es mit dem deutschen Buchgewerbe ab jetzt bergauf gehen werde, klang ebenso altbekannt wie unbegründet. Und als sein neuer Kompagnon, Bloomsbury-Chef Nigel Newton, die Überzeugung äußerte, der deutsche Buchmarkt sei nach wie vor einer der interessantesten weltweit, klang das ein bisschen wie eine Ermunterung an eine gealterte Diva. Dazu passte, dass am Rande zu hören war, der Bertelsmann-Konzern sei mit seinem ersten exklusiven Mini-Empfang von der Villa Bonn ins oberste Stockwerk des Bank-Hochhauses Japan-Tower gezogen, um ausdrücklich "jugendlicher" zu feiern.
Ein deutscher Großkritiker kommentierte später etwas gelangweilt, die Frankfurter Messe habe nicht nur die großen Metathemen verloren, sondern auch ihre zentrale Bedeutung, seit es den ganzjährigen Literatur-Rummelplatz Berlin gebe. Und nach den geschäftlichen Qualitäten des Frankfurter Parketts gefragt, antwortete eine amerikanische Agentin höflich, ein Familientreffen wie das am Main gebe es sonst nirgendwo, aber die wichtigeren Abschlüsse würden nun einmal in London besiegelt. Zumindest an diesem Abend zogen sich die Deutschen bemerkenswert in die Hotelzimmer zurück. In der Bar des Hotels war derart wenig los, dass das Higlight in einer italienischen Verlegerin bestand, die mit einer Hand eine CD mit der Aufschrift "Amore" umklammert hielt und mit der anderen Hand den sudanesischen Kellner begrapschte, bis dieser zur Garderobe floh.
Fortschritt gab es in Frankfurt dagegen gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet hatte: Bei der Eröffnungszeremonie. Dass Kulturstaatsministerin Christina Weiss abseits des gedruckten Redetextes einen kritischen Exkurs in Anspielung auf den Tschetschenien-Konflikt wagte, ist ebenso bemerkenswert, wie ihr relativ eindeutiges Plädoyer für die Rechte der Übersetzer im Tarif-Streit mit den Verlagen. Schließlich lebt gerade die deutsche Verlagsbranche zu einem überproportionalen Anteil von übersetzten Titeln. Weiss' Bemerkung, es sei unwürdig, dass die Sprachvermittler oft schlechter bezahlt seien als die Reinigungskräfte der Buchhäuser, rückt den Irrwitz in die richtige Relation. Sicher: die Verlage zahlen nicht aus purem Geiz so schlecht. Aber ihre wahre Ware ist nun einmal Literatur. Und die müsste ihnen mehr Wert sein, als schamponierte Teppiche.
So scheint auch hier das diesjährige Familienporträt der Branche Ähnlichkeiten mit dem Gastland aufzuweisen, dessen scheinbaren ewigen Irrationalismus Weiss an Hand der berühmten Versformel von Fjodor Tjuttschew problematisierte - "Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen... an Russland kann man nur glauben".
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH