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05.04.2004
 

Schriftsteller Peter Richter

Die Liebe der Deutschen zu Rucola

Von Henryk M. Broder

Als der ostdeutsche Autor Peter Richter seinen Job als "FAZ"-Kulturredakteur verlor, hatte er ein Problem: Arbeitslos, Anfang 30 in Berlin und noch kein Buch geschrieben. Nun verblüfft und begeistert der selbst ernannte "Kultur-Hooligan" mit einer Texte-Sammlung über Lebensweisen und -lügen der Deutschen.

Autor Richter: "Hooligan im Kulturbetrieb"
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Oliver Mark

Autor Richter: "Hooligan im Kulturbetrieb"

Er wohnt in einer stark multikulturellen Gegend in Berlins Mitte, umgeben von "Zuzüglern und Kolonialisten", fährt einen alten BMW, den er gebraucht gekauft hat, geht spät schlafen und steht noch später auf. Zweimal in der Woche besucht er einen Sportclub um die Ecke, wo er das Boxen lernt. Auf "Mitmenschen, denen aufgeschäumte Milch und aufgeschäumte Lebensverhältnisse" gleichermaßen wichtig sind, schaut er von oben herab, ebenso auf die "westdeutschen Dachgeschossdeppen", die "Austern schlürfend über die Straße rennen". Denn sein "Fingerfood heißt wieder Bockwurst."

Peter Richter spielt gerne den "Hooligan im Kulturbetrieb", er mag die Böhsen Onkelz, hält viel von Modern Talking und lästert über den "linken Chianti-Trinker-Antifaschismus" seiner Altersgenossen. "Ihr wollt in mir den vormodernen Ossitrottel sehen? Okay, ich gebe ihn euch, aber das ist eure Schuld", sagt er.

Ist das nur ein zorniger junger Mann, der den Ernst des Lebens noch nicht erfahren hat oder ein altkluger Bohemien, den nichts mehr erschüttern kann? Sowohl als auch. Vor allem aber ist Richter ein Handwerker, der zehn Stunden täglich arbeitet und das an sieben Tagen der Woche, ein Geschichtenerzähler, der analytischen Witz mit witzigen Analysen verbindet, egal ob er über den "Kanon der Leere" in der modernen Gastronomie schreibt, die Architektur in der Ex-DDR oder die "befremdliche Sehnsucht" der Leute im Westen, so "behandelt zu werden wie im Ostblock".

"Ihr wollt in mir den vormodernen Ossitrottel sehen?"

Der junge Schriftsteller, 1973 in Dresden geboren, hat den scharfen Blick eines Gerichtsmediziners und die Fröhlichkeit eines Zauberers, der selber nicht weiß, was und wen er aus dem Hut holt. Es muss nur bunt und laut sein. Die Vorliebe für das Schrille hat bei ihm früh eingesetzt. "Mit 13, 14 Jahren habe ich angefangen, mich mit den falschen Leuten abzugeben. Sie hatten sich die Haare gefärbt und waren politisch verdächtig." Es gab kein dramatisches Grunderlebnis, keine Urerfahrung, die ihn aus der Bahn geschleudert hätte. "Ich bin da so rein gewachsen."

Mutter und Vater, beide Ärzte an einem Krankenhaus, waren keine Widerstandskämpfer, eher angepasste Menschen, aber "sie vermittelten einem, wie blöd das alles ist". Schon als Kind wusste Richter, "dass es eine Stasi gibt, das bekam man mit der Muttermilch mit", später lernte er in der Staatsbürgerkunde, "dass der Sozialismus siegt, weil Lenin Recht hatte, es wäre aber peinlich gewesen, das auch zu Hause zu sagen".

Mauerfall: "Die Wende ist von Zonengabis bewirkt worden"
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AP

Mauerfall: "Die Wende ist von Zonengabis bewirkt worden"

Einerseits, sagt Richter, war die DDR ein "dankbarer Gegner", man musste sich nicht viel Mühe geben, "um auffällig zu werden", andererseits hatte der Spaß ernste Folgen: "Wenn man als Westler revoltiert und Krawall macht in der Fußgängerzone, kann man trotzdem mit 25 noch Investmentbanker werden. Im Osten ging das nicht, ab einem gewissen Zeitpunkt war es eine Reise ohne Wiederkehr, dann konnte man nur noch Friedhofsgärtner werden, aber nur bei der evangelischen Kirche."

Mittlerweile, meint Richter, würden über die DDR nur noch "Abenteuergeschichten" erzählt, die sich von der Wirklichkeit losgelöst haben. "Die Wende ist von den Zonengabis bewirkt worden. Das ist natürlich blöd. Man hätte es heute lieber, dass es Menschen wie Wolfgang Thierse und Bärbel Bohley gewesen wären, die waren es aber nicht."

Wer immer es war, für Richter kam die Wende "genau richtig". Er machte 1992 in Dresden das Abitur, fing eine Druckerlehre an, die er wegen der "unmenschlichen Arbeitsbedingungen" bald abbrach und ging nach Hamburg, um Kunstgeschichte zu studieren. Schon als Zehnjähriger hatte er sich "für Dada und Expressionismus" interessiert, das erste Buch, das er sich selbst gekauft hatte und das immer noch in seinem Bücherschrank steht, war ein Reclam-Bändchen mit Gedichten von Georg Heym. "Ich hab die Gedichte nicht verstanden, ich dachte, es sei Punkrock von 1912."

"Eine Autobiographie soll man mit 80 schreiben"

Die Jahre in Hamburg waren "wunderbar", obwohl Richter im Vorort Horn wohnen musste, weil er sich nichts Besseres leisten konnte. Er beendete das Studium mit einer Magisterarbeit "über den spanischen Naturalismus des Barock als Problem der Forschung" und zog dann nach Berlin, wo er "jeden Abend in acht verschiedene Veranstaltungen" rannte, aus Angst "etwas zu verpassen". So wurde er beinahe zwangsläufig Kulturredakteur bei der "FAZ", schrieb zwei Jahre lang Kunstkritiken und Kolumnen, bis er eine betriebsbedingte Kündigung bekam, nach Sozialauswahl "als jüngster Redakteur, ohne Familie, ohne Kinder". Es war "eine Erfahrung, mit der ich nicht gerechnet hatte und eine klassische Situation: "arbeitsloser Journalist um die 30, in Berlin und noch kein Buch geschrieben".

Eine Autobiografie, wie sie heute schon pubertierende Pop-Stars schreiben, kam für ihn auch nicht in Frage: "Eine Autobiografie soll man schreiben, wenn man 80 ist und zwei Kriege überstanden hat." Von einem Roman in der Ich-Form riet ihm der Agent ab. Blieb also nur ein Sachbuch, "um Geschichten zu erzählen, eine Ethnografie von Lebensweisen und Lebenslügen der Deutschen in der Gegenwart". Das klingt nach Abrechnung und Rache, nach Feuer und Flamme, ist aber eigentlich nett gemeint.

Ostalgie: "Deutschland ist großartig, weil es so komisch ist"
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DER SPIEGEL

Ostalgie: "Deutschland ist großartig, weil es so komisch ist"

"Ich finde Deutschland so großartig, weil es so komisch ist." Die grenzenlose Liebe der Deutschen zu Rucola, zum Beispiel, entspringe dem Wunsch, "von Deutschland wegzurennen, der Latte Macchiato ebenso". Bei dem Bemühen, "sich durch Lebensart zu entdeutschen", komme es auch auf die richtige Adresse an. "Die Kastanienallee ist ganz toll, da leben die Mozarella-Deutschen, aber oberhalb der Danziger Straße findet man nur noch die Bockwurstnazis. Es ist so lustig, was da zelebriert wird, diese ganzen Prätentionen und falschen Fassaden."

Das war in der DDR ganz anders, sagt Richter: "Der Alltag war nicht entrümpelt, die Leute lebten unbefangen vor sich hin, es gab keine Statusfragen, die man diskutieren musste." Und so schrieb Peter Richter "eine Heimatkunde", die streckenweise an den "Papalangi" erinnert, jenes Büchlein, das in den sechziger und siebziger Jahren in städtischen Wohngemeinschaften und autonomen Landkommunen mit Begeisterung gelesen wurde, weil es das Leben in Deutschland aus der Sicht eines naiven Eingeborenen schilderte. Richter macht es so ähnlich, nur agiert er nicht naiv, sondern überlegen.

Sätze von bauhausartiger Klarheit

Er argumentiert nicht gegen den galoppierenden Unsinn, er watscht ihn ab; statt sich zu empören und das Ende der Vernunft zu beklagen, begleitet er die Objekte seines Spottes fast liebevoll auf dem Weg in die Lächerlichkeit. Angesichts der Ess- und Wohngewohnheiten der Ossis ("Die Teller des Ostens sind mit Fleisch und Beilagen so voll gestopft wie die Plattenbauwohnungen mit Eichenfurniermöbeln") fremdelt er ebenso wie bei den Balz-Ritualen der Wessis: "Vor den Sex hat der Anstand im Westen ausgiebiges und ruinöses Essengehen gesetzt. Umgekehrt wäre es natürlich praktischer, hinterher hat man ja meistens mehr Hunger."

Das sind richtige Einsichten, verpackt in Sätze von bauhausartiger Klarheit. Richter komprimiert die Wirklichkeit wie eine Schrottpresse einen Altwagen: "Wer Häuser besetzt, bekommt ein Gerichtsverfahren. Wer Leute anzündet, einen neuen Sportplatz." Wahr ist auch: "Frauen, die in Hochbetten schlafen, schrecken gewöhnlich auch nicht davor zurück, dies in Batik-Hemden zu tun."

Richters "Heimatkunde" ist eine Achterbahn, die quer durch alle Ressorts des Lebens rast. So wie man zu einem isländischen Lachs nicht einfach "Fisch" sagen darf, so kann man seine Texte nicht "Essays" nennen. Er selbst hat kein Etikett parat. "Ich schreibe auf, was ich erlebe und was ich denke." Untypisch ist auch, dass er nicht jammert, wie dies in der Literaturszene zum Dress-Code gehört. "Mir geht's gut, das ist ja wahnsinnig unsexy, das ist auch schlecht fürs Image. Ich wüsste auch nicht, woran ich leiden sollte, außer am Elend der Welt. Ich bin ein Glückskind."

Richter hat noch nie bedauert, dass es die DDR nicht mehr gibt. Aber er bedauert auch nicht, dass es sie gegeben hat. "Ich wurde auf der richtigen Seite der Mauer geboren." Für das erwachsene Kind gilt noch immer, was Johannes R. Becher der DDR auf den Weg mitgegeben hat: "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt."


Peter Richter: "Blühende Landschaften", Goldmann Verlag, München 2004; 272 Seiten, 17,90 Euro

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