• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Generationenkonflikt "Ich habe nie geglaubt, dass die 68er Antifaschisten waren"

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews über die Auseinandersetzung der 68er mit dem Nationalsozialismus, Emanzipation und sexuelle Befreiung

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt Dinge, die Sie sicher nicht ganz von der Hand weisen können: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wäre ohne '68 nie so geschehen.

68er-Idol Mao: "Politische Strukturen aufzubrechen, ist kein Wert an sich"
AP

68er-Idol Mao: "Politische Strukturen aufzubrechen, ist kein Wert an sich"

Dannenberg: Ich habe Zweifel, ob '68 tatsächlich eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war oder sie überhaupt angestrebt wurde. Oder ob es nicht vielmehr ein Generationenkonflikt war, wie er sich auch in Frankreich, China und USA abspielte. Eine verkürzte Auseinandersetzung, die auf Vorwurf und Anklage und letztlich auch Machtstreben basierte. Die 68er haben ihre Eltern ja schon früh entmachtet und sind jene Herrschenden geworden, vor denen sie uns, als wir Kinder waren, immer gewarnt haben. Ich habe übrigens nie geglaubt, dass die 68er wirklich Antifaschisten waren.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Dannenberg: Es reicht nicht, seinen Kindern Filme von Auschwitz zu zeigen und dabei ein heroisches Gesicht zu machen. Antifa ist ein sowjetisches Bündniskonzept, eine Kampfparole, mehr nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie hätte die Auseinandersetzung anders stattfinden sollen, in einer Zeit, in der man persönlich noch sehr nah an den Trägern des Nationalsozialismus dran war?

Dannenberg: Ich weiß gar nicht, ob sie anders hätte stattfinden können. Im Nachhinein lässt sich das immer leicht sagen. Mich interessiert viel mehr zu analysieren, was 1968 passiert ist und warum und wie wir durch einen Perspektivwechsel einige Fehlentwicklungen korrigieren können. Eine tief greifende historische und politische Analyse des Nationalsozialismus steht in der Tat noch an. Die Bücher von Jörg Friedrich und Joachim Fest und anderen scheinen dazu einzuladen. Es geht mir nicht um Schuld und Scham, sondern um Verstehen. Die 68er waren eine Generation von traumatisierten Kriegskindern, eine vaterlose Generation, wie Mitscherlich es ja auch deutlich gemacht hat. Es waren Kinder, die erlebten, dass ihre Väter weggingen, um gebrochen zurückzukehren, und die bei oftmals überforderten Müttern aufwuchsen. Die Erfahrung von Geborgenheit haben viele nie gemacht. Das war die Ausgangsituation.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine sehr psychoanalytische Sicht der Dinge. Ist es aber nicht wichtig, dass politische Strukturen aufgebrochen wurden?

Dannenberg: Politische Strukturen aufzubrechen, ist kein Wert an sich - wie die 68er offenbar glaubten. Das ist Baby-Anarchismus. Relevanter ist doch heute die Frage, welche politischen und mentalen Strukturen unreflektiert übernommen wurden. Es fällt ja auf, dass 68er oftmals nach Leitfiguren gesucht haben - Stalin, Mao oder Che Guevara zum Beispiel. Die Bereitschaft, totalitären Vaterfiguren hinterher zu rennen und diese flammend zu verteidigen, war groß. Insofern verkörperten die 68er die totalitären Werte des Faschismus. Vielleicht war ein Hauptanliegen vieler 68er, mächtige Ersatzeltern zu finden. Deshalb war auch der unausgesprochene Vorwurf an die eigenen Eltern nicht unbedingt der, dass sie Nazis waren, sondern dass sie Geschlagene waren.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ein sehr pauschales Urteil.

Studentenführer Dutschke (1968): "Einerseits Mörder wie Mao, Che, Ho-Chi-Min oder Stalin anzuhimmeln und andererseits die eigenen Eltern in Bausch und Bogen schuldig zu sprechen"
DPA

Studentenführer Dutschke (1968): "Einerseits Mörder wie Mao, Che, Ho-Chi-Min oder Stalin anzuhimmeln und andererseits die eigenen Eltern in Bausch und Bogen schuldig zu sprechen"

Dannenberg: Nein, das ist eine Beobachtung. Mag ja sein, dass sich einige bemüht haben, die Naziverbrechen aufzuklären, aber viele waren gleichzeitig blind - insbesondere was Führergestalten anging. Das ist ein Widerspruch. Einerseits Mörder wie Mao, Che, Ho-Chi-Min oder Stalin anzuhimmeln und andererseits die eigenen Eltern in Bausch und Bogen schuldig zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: In einer Rezension heißt es, Ihr Buch vertrete die These: Nach 1968 ist nach 1933.

Dannenberg: Sie meinen wohl jene Rezension vom 15. August 2004 in der "Welt am Sonntag", in der "die Zeit nach 1968 als Farce auf die Zeit nach 1933" verstanden wird. Ich sehe das anders. Trotzdem ist es interessant zu fragen, welche Machtstrategien der Nazis die 68er übernommen haben. Zum Beispiel Autoritätskult, Terror oder Denunziation. Bekanntlich hat der - zumindest damals marxistische - Philosoph Jürgen Habermas die 68er Bewegung schon frühzeitig als linksfaschistisch entlarvt. Das sagt doch einiges.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie Ergebnisse von 1968 wie Emanzipation, sexuelle Befreiung?

Dannenberg: Die Idee, die hinter der sexuellen Befreiung stand, war die, dass durch die Veränderung des Individuums auch die Gesellschaft verändert wird. Dabei wurde auch die sexuelle Befreiung des Kindes propagiert. Vor kurzem habe ich das Buch "Lisa und Jan. Ein Aufklärungsbuch für Kinder und ihre Eltern", in den Händen gehabt, von Frank Herrath und Uwe Sielert, erschienen erst 1991 bei Beltz. Auf fast jeder Seite sind sexuelle Handlungen zu sehen: Fünfjährige, die sich gegenseitig masturbieren, sich nackt an einem Baumstamm reiben, ihren Eltern beim Geschlechtverkehr zu schauen. Das alles ist mit ermunternden Sprüchen unterlegt. Im Informationsheft wird den Eltern auf alle erdenkliche Weise Mut gemacht, ihre Kinder "sexuell zu begleiten". Was als sexuelle Befreiung anfing, ist zum sexuellen Missbrauch von Kindern geraten, zur Pornografisierung der Kindheit und der Gesellschaft. Inzwischen verstehen wir wieder besser, dass die Einhegung der Sexualität einen zivilisatorischen Gewinn darstellt. Dass die 68er das einfach alles mal irgendwie entfesseln wollten, um einen neuen Menschen zu schaffen, ist nicht nur naiv, sondern auch fahrlässig.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit der Emanzipation der Frau?

Dannenberg: Auch sie ist in dieser Hinsicht die Verliererin. Was etwa die Kommune I vorlebte, ist doch ein Machotraum: Sex ohne Bindung und ohne Verantwortung. Frauen, die sich weigerten, gerieten sofort unter Spießerverdacht. Diese angeblich sexuelle Befreiung ist in Wahrheit eine Befreiung von Vertrauen und Geborgenheit, letztendlich von Zukunft. Natürlich freue ich mich über die Gleichberechtigung, die wir heute genießen. Gleichwohl kann Emanzipation auch - und das versucht mein Roman zu zeigen - als Unterdrückungsinstrument eingesetzt werden. Aufklärung ist ja wie man weiß dialektisch.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie uns näher erklären.

Denker Adorno: "Ich arbeite zwar mit Versatzstücken, aber es geht mir nicht um die Darstellung konkreter Personen"
DPA

Denker Adorno: "Ich arbeite zwar mit Versatzstücken, aber es geht mir nicht um die Darstellung konkreter Personen"

Dannenberg: Gabriele, die Mutter von Kitty Caspari in meinem Buch hat sich die Emanzipation zum Lebensinhalt gemacht. Irgendwann merkt sie, dass ihre Tochter sie dabei behindert, weil ein Kind eben Ansprüche stellt und Opfer fordert. Gabriele beginnt dann, ihre Tochter zu unterdrücken und verschiebt damit den Machtkampf zwischen Mann und Frau auf die Ebene von Mutter und Kind, wo sie ihn dann in aller Ruhe gewinnen kann. Am Ende muss ihr Kind den Haushalt schmeißen. Die Emanzipation hat neben ihren hellen Seiten auch eine Schattenseite.

SPIEGEL ONLINE: Literaturkritiker haben Ihr Buch in den Medien zerrissen. Verletzt Sie das?

Dannenberg: Mein Buch scheint zu polarisieren. Offenbar habe ich einige Zeitgenossen ins rote Herz getroffen - sie reagieren zum Teil extrem emotional, fast hysterisch. Das kann ich verstehen, schließlich tut es weh, 30 Jahre lang am Mythos '68 zu kleben und dann erkennen zu müssen, dass vieles daran repressiv, böse und verlogen ist. Manche Rezensenten scheinen zu glauben, sie könnten das Thema vom Tisch zu fegen, indem sie die Autorin diffamieren. Dieses Strategie ist weniger kränkend als lästig, weil sie einen vernünftigen Diskurs behindert.

SPIEGEL ONLINE: Zwar schreiben Sie, in ihrem Buch seien weder reale Personen gemeint noch abgebildet. Aber ihr Professor Wisent erinnert stark an Adorno, die RAF-Anwälte Streicher und von Baguette durch den Namen an Mahler und Croissant.

Dannenberg: Wisent ist als Variation auf Adorno gelesen worden, das weiß ich, er ist aber eine ganz und gar eigenständig konzipierte Figur - mit einem anderen Werdegang, einer eigenen Philosophie und besseren Anzügen. Ich arbeite zwar mit Versatzstücken, aber es geht mir nicht um die Darstellung konkreter Personen, sondern um Entfaltung des Zeitgeistes. Mit Baguette und Croissant habe ich mir einen Spaß erlaubt. Sie haben nur gemeinsam, dass sie das täglich Brot der 68er waren. Und schon schreien alle, mein Roman sei ein Schlüsselroman. Es ist trotzdem möglich, dass sich der eine oder andere wieder erkennt. Es haben sich sogar Leute bei mir gemeldet, die vorgaben, ich hätte über sie geschrieben - dabei habe ich nie von ihnen gehört. Da schimpfen sie über die vermeintlichen Klischees, und dann behaupten sie selbst, diese Klischees zu sein. Ich sag's doch: im Klischee findet der 68er zu seinem wahren Ich.

Das Interview führte Anna Reimann


Sophie Dannenberg: "Das bleiche Herz der Revolution": Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2004; 320 Seiten, 19,90 Euro

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP