Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
02.12.2004
 

Debütroman von Ex-Wrestler Mick Foley

"Wenn's euch zu brutal ist, klappt es zu"

Kritiker vergleichen sein Buch "Wie die Helden" schwärmerisch mit "Der Fänger im Roggen" - oder verdammen ihn wegen der Gewaltszenen: Der frühere Profi-Wrestler Mick Foley hat ein umstrittenes Romandebüt vorgelegt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über schlaflose Leser, Außenseiter und sein abgerissenes Ohr.

Autor Mick Foley: Das Gefühl, nicht dazuzugehören
Zur Großansicht

Autor Mick Foley: Das Gefühl, nicht dazuzugehören

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Foley, als ehemaliger Profi-Wrestler haben Sie auch in Deutschland viele Anhänger. Sprechen Sie auch Deutsch?

Mick Foley: Ja, aber mein Deutsch ist nicht so gut. Es ist schon viele Jahre her, seit ich das letzte Mal versucht habe, Deutsch zu sprechen. Ich hab's in der Schule gelernt. Leider ist nicht viel davon übrig, aber ich habe mir vorgenommen, wieder mehr zu üben.

SPIEGEL ONLINE: "Wie die Helden" ist Ihr erster Roman nach zwei Autobiografien, die beide wochenlang auf der Bestsellerliste der "New York Times" standen. Sind Sie dieses Mal zufrieden mit dem Presseecho?

Foley: Na ja, es gab ein paar richtig fiese Verrisse, aber die meisten Kritiken waren sehr positiv. Die Leute mochten die Sprache und die Charaktere. Vielen hat die Erzählhaltung gefallen, dass es aus der Perspektive eines 17-Jährigen geschrieben ist.

SPIEGEL ONLINE: Der englische Dichter Tom Paulin hat Ihr Buch in einer Literatursendung der BBC ordentlich in den Boden gestampft.

Foley: Manche Leute haben sich über die Gewaltdarstellung aufgeregt. Ich sage immer: Niemand ist gezwungen, mein Buch zu lesen. Wenn es euch zu brutal ist, klappt es halt wieder zu.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben körperliche Gewalt mit einer fast chirurgischen Präzision. Finger werden nacheinander einzeln gebrochen, Nasen zertrümmert, Zähne eingeschlagen, einem Mann wird das rechte Auge zerquetscht. Bekamen Sie empörte Leserbriefe?

Foley: Das nicht. Aber ich habe mit ein paar Lesern gesprochen, die mir sagten, sie hätten nicht einschlafen können, nachdem sie mein Buch gelesen hätten. Das verstehe ich eher als Kompliment. Ich weiß aber, dass meiner Mutter das nicht besonders gefallen hat. Sie hat das Buch mir gegenüber mit keiner Silbe erwähnt, nachdem ich es ihr zum Lesen gegeben habe. Wir haben bis heute kein Wort darüber verloren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst vier Kinder zwischen anderthalb und zwölf Jahren. Darf der Älteste schon "Wie die Helden" lesen?

Foley: Nein, aber alle meine anderen Bücher, die Kinderbücher und die beiden Autobiografien. Ich habe in den USA gerade mein drittes Kinderbuch veröffentlicht und hatte gestern Abend Signierstunde. Immer wenn ich ein Kind mit "Wie die Helden" in der Hand gesehen habe, wies ich die Eltern darauf hin, dass es mit meinem Roman besser warten sollte, bis es etwas älter ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Protagonist Andy verliert als Kind ein Ohr bei einem Autounfall. Sie selbst tragen seit zehn Jahren eine Prothese, nachdem Ihnen zwei Drittel Ihres Ohrs während eines Kampfes abgerissen wurden.

Foley: Ja, ich habe mein Ohr in München verloren. Mein Kopf war zwischen den Ringseilen eingeklemmt, dabei ist es abgerissen. Man konnte es hinterher nicht mehr annähen, weil es kein sauberer Schnitt war, sondern die Haut richtig zerfetzt wurde. Ich hatte es so gern behalten wollen. Aber als ich im Krankenhaus die Schwester darum bat, es mir einzupacken, antwortete sie, das sei unhygienisch. Leider fiel mir das deutsche Wort Formaldehyd nicht ein. Damit hätte ich es prima in einem Einmachglas aufheben und zu Hause ins Regal stellen können. Aber sie hat's einfach weggeschmissen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Andy Ihnen, vom fehlenden Ohr abgesehen, in irgendeiner Hinsicht ähnlich?

ZUR PERSON

Packend - auch als Autor

Mick Foley, 39, lebt mit seiner Frau Collette, einem Ex- Model, und ihren vier Kindern Duey, Noelle, Mick Junior und Hughie auf Long Island. Bis zum Jahr 2000 trat er als Showkämpfer namens Mankind auf und wurde dreimal Champion der World Wrestling Federation. In den USA erschienen bislang seine beiden Autobiografien "Foley is Good: And the Real World is Faker than Wrestling" und "Have a Nice Day!: A Tale of Blood and Sweatsocks", außerdem drei Kinderbücher. "Wie die Helden" ist sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch.
Foley: Gar nicht. Er ist ein Außenseiter, der mit seinen Mitschülern und seinem Lehrer nicht besonders gut klarkommt. Das fehlende Ohr verstärkt dieses Gefühl, anders als die anderen zu sein. Ich war weder einer der Stars aus der Football-Mannschaft noch Underdog, sondern irgendwo in der Mitte. Ich hatte eine Menge Freunde, aber trotzdem oft das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie von einem Nachbarsjungen getriezt worden sind, weil Sie für Ihr Alter ungewöhnlich groß waren?

Foley: Ja, er hieß Brett Davies.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihm deswegen Schlamm in den Mund gestopft.

Foley: Es war Gras. Und von da an hat er mich in Ruhe gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Es geht auch viel um Musik in Ihrem Roman. Andy hört Bruce Springsteen, Barry Manilow und Nat King Cole. Sind die Pop-Referenzen so etwas wie ein persönlicher Soundtrack?

Foley: Ja, ich bin großer Bruce-Springsteen-Fan und war sehr froh, als er mir erlaubte, seine Songtexte im Buch zu zitieren.

SPIEGEL ONLINE: Der Vater des Protagonisten, Tietam Brown, zeigt sich erst als durchgeknallter, aber harmloser Freak. Ganz zum Schluss entpuppt er sich aber als gefährlicher Psychopath. Gab es reale Vorbilder für diese Figur?

Foley: Er ist eine Kombination aus Wrestlern, die ich auf Tourneen kennen gelernt habe, und meiner Phantasie. Ich würde sagen: Hälfte, Hälfte. Das heißt nicht, dass da draußen gefährliche Irre in den Ring steigen. Dieser pathologische Teil seines Charakters ist Fiktion. Aber auf einer Tournee habe ich tatsächlich einen Typen getroffen, der wie Tietam nackt Liegestützen machte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Filmrechte des Romans schon verkauft?

Foley: Noch nicht, aber es gab schon einige Anfragen von Produzenten. Ich denke schon, dass das Buch eines Tages verfilmt wird. Ich glaube, die Rolle des Vaters ist eine große Herausforderung für einen Schauspieler. Ich könnte mir Billy Bob Thornton sehr gut vorstellen oder Nicolas Cage oder Ed Harris.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie darauf gekommen, nach dem Ende Ihrer Karriere als Wrestler vor vier Jahren mit dem Schreiben anzufangen?

Foley-Roman "Wie die Helden": Ermutigung durch Stephen King

Foley-Roman "Wie die Helden": Ermutigung durch Stephen King

Foley: Ich habe schon als Kind Geschichten geschrieben. Im College legte mir einer meiner Professoren nahe, ich sollte mir ernsthaft überlegen, ob ich nicht Schriftsteller werden wolle. Aber da hatte ich nur Wrestling im Kopf. Später hatte ich dann großes Glück, dass Wrestling hier so populär ist und viele Fans deshalb mein erstes Buch, meine Autobiografie, kauften. An einen Roman habe ich mich gewagt, nachdem ich Stephen Kings Buch "On Writing" gelesen hatte. Danach dachte ich mir: Es kann doch nicht so schwierig sein, einen Roman zu schreiben!

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie überhaupt mit dem Profi-Sport aufgehört?

Foley: Meine Knie waren ziemlich im Eimer und ich hatte viele Kopfverletzungen. Also dachte ich mir: Wenn du ein guter Vater sein willst, hörst du jetzt auf. Sonst würde ich heute im Rollstuhl sitzen. Heute trete ich nur noch als eine Art Gaststar bei Kämpfen auf, so wie jetzt in München. Ich habe in diesem Jahr das erste Mal seit vier Jahren wieder gekämpft.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn überhaupt noch in Form?

Foley: Na ja, ich brauche schon ein paar Monate Vorbereitung, bevor ich mich wieder verprügeln lasse. Für diesen Kampf habe ich eine Menge trainiert und einiges an Gewicht verloren. Was auch nötig war.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen arbeiten Sie aber auch an Ihrem zweiten Roman.

Foley: Ja, ich denke, dass er in einem Jahr fertig wird. Er heißt "Scooter", und es geht um eine irischstämmige Familie in den sechziger Jahren in der Bronx. Die Familie wohnt neben dem Yankee-Stadion. Keine Wrestler diesmal, sondern Baseball.

Das Interview führte Silvia Tyburski


Mick Foley: "Wie die Helden". Kein & Aber Verlag. 334 Seiten. 19,90 Euro.





Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH













Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern