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13.10.2005
 

Nobelpreis für Harold Pinter

Zur Sprache, Schwätzchen

Von Daniel Haas

In den sechziger Jahren sorgte er mit rätselhaften Stücken für Furore, in den Siebzigern und Achtzigern wurde er zum Großdramatiker aus England. Jetzt erhält Harold Pinter den Literaturnobelpreis - und das, obwohl er gar keine Lust mehr aufs Theater hat.

Ob er der Festzeremonie fern bleiben wird wie Elfriede Jelinek, die Preisträgerin des letzten Jahres? Wohl kaum, auch wenn Harold Pinter eine Aversion hat gegen Auszeichnungen - allerdings nur, wenn sie von politisch fragwürdiger Seite kommen. Den von John Major vorgeschlagenen Rittertitel wies er zurück. Von einer konservativen Regierung einen Orden entgegenzunehmen war für ihn indiskutabel.

Dramatiker Pinter (1973): Bürgerschreck und Großschriftsteller
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AP

Dramatiker Pinter (1973): Bürgerschreck und Großschriftsteller

Jetzt hat ihn die Schwedische Akademie mit der höchsten Auszeichnung, die einem Dichter zuteil werden kann, geadelt. Ob sie ihm, der im März dieses Jahres in einem Rundfunkgespräch erklärte, er wolle nicht mehr schreiben, schmeichelt, ist fraglich. Vorstellbar wäre, dass ihm die von enormem Medienbohei begleitete Ehrung eine Last und Bedrängnis ist.

Über die Bedeutung seiner Stücke wollte der Sohn eines jüdischen Schneiders aus dem proletarischen East End von London schließlich nie sprechen. Schon Ende der sechziger Jahre schimpfte Pinter, die Leute könnten einfach nicht akzeptieren, was auf der Bühne geschehe. Als der Dramatiker Alan Ayckbourn, der 1959 eine Hauptrolle in Pinters Stück "Geburtstagsfeier" spielte, mehr über seine Figur wissen wollte, beschied ihn der Autor mit einem Four-Letter-Word.

Der Text hat das letzte Wort

Der Text ist für Pinter die oberste Instanz, an ihn haben sich Regisseure und Darsteller zu halten. Die Frage, was uns der Autor mit dem Geschriebenen sagen wolle, fand er schon immer naiv. Dabei sind es gerade seine Stücke, die Zuschauer und Leser verunsichern, weil sie sie so vieles im Ungewissen lassen, weil ihre Figuren undurchschaubar sind und die Handlung oft bis zum Ende rätselhaft bleibt.

Das gilt schon für sein erstes Stück, den 1957 in Bristol aufgeführten Einakter "Das Zimmer": ein enger Raum, ein Vermieter, merkwürdige Besucher, dazu eine sich allmähliche steigernde unausgesprochene Bedrohung, die am Ende in Gewalt umschlägt - mit knappen und präzise eingesetzten Mitteln begründete der Dramatiker damals jenen Stil, der ihm den Lexikoneintrag "pinteresk" einbrachte.

Rätselhafte Figuren, die einer existentiellen Bedrohung ausgesetzt sind - dies wurde zur Grundkonstellation von Pinters Werk. Stilprägend war zudem die virtuose Handhabung von Pausen und Schweigen als dramaturgischem Mittel. Pinter-Charaktere haben eigentlich nie wirklich ein Wahl: Entweder sie sind in einer zum Gerede verschlissenen Sprache gefangen oder zu bedrohlichem Schweigen verdammt.

Nach einem holperigen Karrierestart hätte der Autor fast selbst geschwiegen: Sein zweites Stück, "Die Geburtstagsfeier", wurde verrissen, doch der "Realist unter den Absurden", wie man ihn später anerkennend nannte, hielt durch und schaffte 1960 mit "Der Hausmeister" den Durchbruch. Von da an schreckte er mit anderen enfant terribles des jungen britischen Theaters wie John Osborne, Arnold Wesker und Edward Bond das Bildungsbürgertum aus den Theatersesseln.

Von der Rebellion zur Institution

Natürlich wurde auch seine Rebellion irgendwann institutionalisiert: Pinter-Premieren galten in den siebziger und achtziger Jahren als gesellschaftliche Highlights; um den Zuschlag für die Erstinszenierung buhlten so renommierte Häuser wie das National Theatre und die Royal Shakespeare Company.

Mit dem Erfolg änderte sich auch das Milieu, in dem Pinter seine Stücke ansiedelte. Nicht mehr die ihm aus eigener Erfahrung bekannte Dumpfheit des Kleinbürgertums, sondern die Intrigen der Mittel- und Oberschicht rückten in den Blick. Mit "Niemandsland" (1975) nahm Pinter einen erfolgreichen Schriftsteller ins Visier, in "Betrogen" (1978) ließ er eine Galeristin, einen Verleger und einen Literaturagenten aufeinander los. In dieser Phase verfeinerte Pinter sein Verfahren der perfekt platzierten Pause; mit ihr ließ sich das verlogene Parlando des Wohlstandsbürgers besser demontieren als mit tausend Worten.

Der subtile Ton, mit dem Pinter das Grauen evozierte, das unter der Glasur gesellschaftlicher und sprachlicher Konventionen lauert, ist in den letzten Jahren einer expliziten Kampfrhetorik gewichen. Der Bühnenautor hat sich der Lyrik zugewandt und der Politik, seine Feinde sind heute nicht mehr Theaterkonventionen, sondern Tony Blair und George W. Bush, den er als "Massenmörder" bezeichnete. Dass manche seiner Kritiker seine Verse als pubertären Quatsch bezeichnen, stört ihn dabei keineswegs. Er habe vor, wie er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" unlängst verriet, "zu schreiben, was ich schreibe, bis an meinen Todestag".

Sprachspiel statt Gerede

Mit Pinter hat die Akademie erneut eine überraschende Wahl getroffen. Pinters Auszeichnung wird für Kontroversen sorgen, zumal sein Werk in letzter Zeit eher literarhistorischen Wert beanspruchen konnte als zeitdiagnostischen. Bei Philip Roth, dem hoch gehandelten Favoriten, hätte der Fall anders gelegen.

Vielleicht lenkt die Entscheidung den Blick aber auch wieder auf einen Aspekt der Literatur, der bei der Konzentration auf Handlung und Plot, auf Realismus und Verwertbarkeit leicht in Vergessenheit gerät: den der Sprache selbst. Sie ist das Material der Dichtung, erst das Spiel mit ihr macht Texte zu Literatur. Sie nur als Instrument zur Abschilderung des Wirklichen zu nehmen, verkürzt ihre Möglichkeiten aufs Pragmatische. Pinters Stücke hingegen sprechen oft in Rätseln - und versprechen etwas, was den an Journalismus und Film orientierten Texten oft verloren geht: ein Geheimnis.

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