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23.10.2005
 

Friedenspreis des Buchhandels

Orhan Pamuk - "ein Glücksfall der Literatur"

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk ist in Frankfurt am Main mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Redner würdigten sein politisches Engagement und nannten ihn einen Brückenbauer zwischen den Kulturen.

Frankfurt am Main - Pamuk, 53, verbinde orientalische Erzähltraditionen mit modernen literarischen Stilelementen und gehe den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nach, heißt es in der Begründung des mit 25.000 Euro dotierten Preises, der alljährlich zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehen wird. Die Laudatio beim Festakt in der Frankfurter Paulskirche hielt der Lyriker, Übersetzer und Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius.

Orhan Pamuk: Warnung vor einem dumpfen Nationalismus
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AP

Orhan Pamuk: Warnung vor einem dumpfen Nationalismus

Pamuk sei ein "Glücksfall der Literatur, wie es ihn zuletzt vielleicht im 19. Jahrhundert gegeben hat", sagte Sartorius in seiner Rede. Der Romanautor sei der einzige, der die Europäer wirklich mit der Türkei vertraut mache. Wer Pamuks Romane lese, lerne die Türkei in ähnlicher Weise kennen und verstehen, wie man das zaristische Russland in den Romanen Dostojewskis verstehen lerne, oder Frankreich in den Werken Balzacs, Stendahls oder Flauberts.

Doch nur auf den ersten Blick erschienen Pamuks Bücher wie realistische Romane in der großen Tradition europäischer Erzähler. Tatsächlich seien sie vielschichtiger, ornamentaler oder auch surrealistischer. "Der Kanon aller vergangenen Literatur, der westlichen und der östlichen, fließt durch sie hindurch", unterstrich Sartorius.

Sartorius würdigte auch explizit das politische Engagement des Preisträgers. So habe Pamuk seinerzeit als erster Autor der muslimischen Welt die Fatwa gegen Salman Rushdie verurteilt. Indem er immer wieder auf die "prekäre Lage" der Kurden in der Türkei oder an das Massaker an den Armeniern erinnere, versuche Pamuk, "in seinem Land ein Nachdenken zu erzwingen und die Regierenden umzustimmen".

In seiner Dankesrede kritisierte der in seiner Heimat angefeindete Pamuk, dass gewisse Kreise in Europa die "realistische Vision" eines EU-Beitritts der Türkei zur Stimmungsmache gegen sein Heimatland nutzten. Ohne Namen zu nennen, beklagte Pamuk, dass sich einige Politiker bei der Bundestagswahl auf Kosten der Türkei und der Türken profiliert hätten. Wenn eine Türkenfeindlichkeit in Europa geschürt werde, "führt (dies) leider dazu, dass sich in der Türkei ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus entwickelt". Pamuk weiter: "So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die nicht von Europa träumt, so glaube ich auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiert."

Vermittler zwischen den Kulturen

Der Vorsteher des Börsenvereins, Dieter Schormann, würdigte Pamuk als Brückenbauer und Vermittler "zwischen scheinbar gegensätzlichen Kulturen". Er sei ein "nachdenklicher Verfechter" einer Einbindung der Türkei in die Europäische Union. In seiner Literatur wie in seinen öffentlichen Äußerungen gehe es Pamuk dabei stets um Demokratie und um die Freiheit der Rede.

Pamuk: Kritik an dem Genozid an den Armeniern
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DDP

Pamuk: Kritik an dem Genozid an den Armeniern

Pamuk steht in der Türkei ein Strafprozess bevor, der Mitte Dezember beginnen soll. Die Anklage wirft ihm "öffentliche Herabsetzung des Türkentums" vor und fordert drei Jahre Haft für den Autor. Pamuk hatte im Februar einer Schweizer Zeitung gesagt, in der Türkei seien 30.000 Kurden und eine Million Armenier getötet worden, doch niemand außer ihm wage es, darüber zu sprechen. Bei den zwischen 1915 und 1917 verübten Massakern und bei Todesmärschen starben zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier in Anatolien. Mehrere Länder stufen die Verbrechen als Völkermord ein. Aus Sicht der Türkei handelte es sich bei den Ereignissen dagegen um die tragischen Folgen einer Zwangsumsiedlung, die wegen des Krieges erforderlich gewesen sei.

Der in Istanbul geborene Pamuk wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf und studierte Architektur sowie Journalismus. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Prosaschriftsteller der jüngeren türkischen Generationen. Seine Werke wurden bislang in 34 Sprachen übersetzt und in mehr als hundert Ländern veröffentlicht. Auf Deutsch sind unter anderem seine Bücher "Die weiße Festung", "Das schwarze Buch", "Das neue Leben" und "Rot ist mein Name" erschienen. Von der Kritik hoch gelobt wurde zuletzt sein Roman "Schnee". Die "New York Times" feierte das Werk als bestes ausländisches Buch 2004. Pamuk hat eine Tochter und lebt in Istanbul.

Der Friedenspreis der Deutschen Buchhandels wird seit 1950 jährlich an Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft und Kunst vergeben, die "zur Verwirklichung des Friedensgedankens" beigetragen haben. Im vergangenen Jahr hatte der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy die Auszeichnung bekommen.

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