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06.11.2005
 

Martin Heidegger

Die Sucht nach Größe

Von Gabriele Meierding

War Martin Heidegger ein Vordenker des Nationalsozialismus? Dies behauptet jedenfalls der französische Philosoph Emmanuel Faye. Der deutsche Philosophieprofessor Martin Geier legt nun Widerspruch ein - mit einer für das Sujet überraschend gut verständlichen Monographie.

Wenn der Regen regnet und das Nichts nichtet, strebt der Denker zum Sein. Für Martin Heidegger war es die hohe Stunde des Philosophierens, wenn er nachts in seiner Todtnauberger Hütte im südlichen Schwarzwald den Wind über die Berge rauschen hörte. Hier oben, in geistiger Abgeschiedenheit von den Niederungen des Alltags, schrieb er über die existenziellen Abgründe der Existenz. Diese Einsamkeit, die sich vom anonymen man abgrenzt, reflektierte er 1927 in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit". Sechs Jahre später sollte ihm der fatale Irrtum unterlaufen, die Kraft eines neuen Seins ausgerechnet in der vom Nationalsozialismus aufgehetzten völkischen Masse zu finden.

Geier-Buch: Verstehen ohne Sympathie
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Geier-Buch: Verstehen ohne Sympathie

In seiner jetzt erschienenen Heidegger-Monographie bewertet der Philosoph Manfred Geier ("Kants Welt") diesen Irrweg als Intermezzo in einer von Aufbrüchen und Abstürzen gezeichneten Lebensgeschichte. Damit widerspricht er dem Franzosen Emmanuel Faye, der den deutschen Großdenker in seinem heiß diskutierten Buch "Heidegger. L'introduction du nazisme dans la philosophie" als Vordenker der Nazis anprangert.

Faye sieht Heideggers Sündenfall bereits in "Sein und Zeit" angelegt. Geier hingegen verlegt sich auf eine Vermittlung von Ideen- und Lebensgeschichte des umstrittenen Seinsdeuters. Damit gelingt ihm das, was kritische Faye-Rezensenten immer wieder eingefordert haben: eine Rekonstruktion von Heideggers Denken in Bezug auf die historischen Zusammenhänge.

Auch aus seinen hoch abstrakten Überlegungen, so Geier, spreche immer auch der Mensch Heidegger. Schon darum, weil von Anfang an das Konzept der Existenz, des Selbstseins eine zentrale Rolle spiele: "Man muss über den Text hinaus die Problemsituation verstehen, aus der heraus sich ein Lebensentwurf realisiert."

Gigantisch problematisch

Geier wagt den Versuch, "Heidegger zu verstehen, ohne ihn lieben zu müssen", wie er sagt. "Er wurde mir zwar nicht sehr sympathisch, aber ich konnte das Konzept seines Lebens nachvollziehen. Es ließe sich ganz einfach zusammenfassen: Heidegger kommt aus kleinen Verhältnissen und strebt als Denker immer zum Größten." Das sei das eigentliche Geheimnis seiner gesamten Philosophie, in der ein unglaublich monumentaler Zug stecke. "Diese narzisstische Übersteigerung führte zu seinem Kokettieren mit der projizierten Größe des Nationalsozialismus."

Den Prozess dieser Gigantomanie hat Geier in den wesentlichen Etappen rekonstruiert, von Heideggers Wurzeln in der schwäbischen Heimat bis hin zu seiner Suche nach dem Sein. Fazit: "In der Gesamtentwicklung ist Heideggers Bild, das er sich vom Nationalsozialismus zusammengedacht hat, nur eine Episode. Darum kann man nicht unterstellen, dass seine gesamte Philosophie nationalsozialistisch sei. Richtig ist, dass sie schon immer monumentalistisch war und dann, unter den konkreten historischen Bedingungen des Nationalsozialismus, so wie er ihn sah, auch faschistisch."

Die politische Dynamik, der er sich 1933 aussetzte, habe Heidegger letztlich nicht begriffen, glaubt Geier. Darum hält er Fayes Beweisführung anhand der Propagandareden, die der Meisterdenker in den Jahren 1933 und 1934 gehalten hatte, für angreifbar. "Faye versucht, sie rückwärts auf Heideggers frühere Philosophie zu projizieren und ihren Spuren in die spätere zu folgen, bekommt dabei aber diese Dramatik seiner Anläufe und Abstürze nicht mit. Daher halte ich es auch für falsch zu sagen, hier habe er endlich die Maske fallen lassen. Da fällt aber keine Maske, denn da manifestieren sich wieder eine Illusion und ein Irrweg, die Heidegger dann auch durchschaut und konsequent durchdenkt."

Der Denker als Herrscher

Der eigentliche Sündenfall Heideggers liegt für Geier in der Idee des Philosophenkönigs, die sich auf Platon beruft. Der hatte in seiner Staatstheorie eine Herrschaft der Besten gefordert mit einem erfahrenen Denker an der Spitze. Ein riskantes Konzept: "Die philosophische Größe verbindet sich unter bestimmten historischen Bedingungen mit der politischen Tyrannei. Wie Platon war auch Heidegger zum Größten gestrebt, hatte sich wie Platon idealisiert und mit der Macht verbunden. Wenn man seinem Gesamtwerk philosophisch etwas vorwerfen wollte, dann diese Sucht nach Größe, diesen Größenwahn. Er baute große Monumente auf, die dann zusammenstürzten."

Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus zog sich Heidegger zurück in "Das Haus des Seins", das er in der Sprache der Dichter und der Denker zu finden glaubte. Mit Nietzsche, gegen den er als Student der Theologie noch polemisiert hatte, suchte er zu ergründen, was übrig bleibt, wenn Gott als Ordnungs- und Begründungsinstanz wegfällt und sich der Wille zur Macht hemmungslos in Szene setzt. Diese Fragen, so Geier, habe Heidegger mit dem Faschismus verbunden und darin schließlich das sinnlose Austoben eines Machtstrebens, das sich technologisch hoch rüstet, erkannt.

Heideggers Denken sei dennoch für eine pragmatische Gesellschaftskritik nicht zu haben. "Zur Lösung konkreter politischer, moralischer oder geistiger Probleme trägt seine Philosophie nichts bei", erklärt Geier. "Aber sie übt dennoch einen großen Reiz aus, weil sie die ursprünglichen Fragen der europäischen Philosophie nach dem Sein und dem Nichts mit existenziellen Grundstimmungen verknüpft wie Angst, Einsamkeit, Langeweile, Gleichgültigkeit, die den modernen Menschen zu überwältigenden drohen."

Man muss Heidegger nicht lieben, um das zu verstehen.


Manfred Geier: "Martin Heidegger", Rowohlt Verlag, 160 Seiten, 8,60 Euro

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