Wer niedlich ist, hat in der deutschen Comicszene eigentlich gleich verloren. Niedlich, das ist was für Diddl-Maus-Fans und die Jüngsten unter den Manga-Lesern. Naomi Fearns "Zuckerfisch"-Comics aber sind niedlich und sprechen dabei weder die eine noch die andere Zielgruppe an. Dabei gibt es in ihren Comics sogar zwei Hasen. Aber die sind schwul, stehen auf Sadomaso und gehen jedes Jahr zum Christopher Street Day. Da würde sich die Diddl-Maus nie hintrauen.
Fast immer geht es um Naomi selbst, die sich in "Zuckerfisch" mit wallendem roten Haar und großen Stauneaugen in Szene setzt. Wer sie einmal getroffen hat, weiß: Die sieht wirklich so aus. Die kurzen Alltagsgeschichten der 1976 geborenen Stuttgarterin haben den Charme des Naiven, verlieren aber nie die Bodenhaftung. Es geht um WG-Suche, Uni-Alltag, Partys und darum, Jungs zu kriegen und wieder zu verlieren.
Das klingt banal, ist es aber, eben wegen des ewigen Staunens, nicht. Naomi Fearn vermeidet Banalität durch Kürze und Direktheit. Vier Bilder, manchmal acht - mehr braucht sie im Allgemeinen nicht, um den Leser mit fragendem Blick mitten ins Gefühlszentrum zu treffen. Ihre Strips erscheinen seit 2000 jede Woche in der "Stuttgarter Zeitung" sowie unregelmäßig auch als Buch - dieser Tage erschien der dritte "Zuckerfisch"-Sammelband.
Auch seit ihrem Umzug nach Berlin vor einigen Jahren blieb sie dem Strip-Zeichnen treu und veröffentlicht weiterhin in der Provinz ihre gezeichneten Briefe aus der Großstadt. Wer das über die Jahre verfolgt, entdeckt eine wunderbare Chronologie des Alltags. Freunde, die kommen und gehen, Kinder, die groß werden, sich ändernde Lebensansichten. Die ewige Geschichte vom Erwachsenwerden, präsentiert in kleinen Häppchen - so ist das Leben eben. Fearns Comics sind nicht zwangsläufig autobiographisch. Aber sie fühlen sich echt an.
Nur einmal gönnte sie sich in jüngster Zeit den Abstand zu sich selbst. "Dirt Girl" heißt ihr Comicband, in dem es um eine egozentrische, großmäulige Partybratze geht. Schon wieder nichts für Diddl-Fans.
Stefan Pannor
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