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24.11.2005
 

US-Autor Paul Auster

Die Schreib- und Leibmaschine

Von Daniel Haas

Nietzsche war von ihr genervt, Mark Twain wollte sie verheimlichen, Max Frisch und Ingeborg Bachmann gerieten über sie in Streit: Die Schreibmaschine ist ein viel besprochenes Utensil des Autors. Paul Auster hat seiner alten Olympia ein kleines Buch gewidmet, wunderbar illustriert von Sam Messer.

Wer scharf schießen will, braucht die richtige Waffe. Einem Schriftsteller wie Mark Twain kam eine neue Erfindung der Remington-Gewehr- und Nähmaschinenfabrik deshalb gerade recht: Auf der mechanischen Schreibmaschine ließen sich vortrefflich jene scharfzüngigen Gesellschaftssatiren abfeuern, mit denen der Autor berühmt wurde.

Dem "Modell 1" war dennoch nur wenig Erfolg beschieden, zumal sich Twain Werbung unter seinem Namen strikt verbot. Erst die Remington Nr. 2 machte die Schreibmaschine ab 1878 in Amerika richtig populär, auch wenn ihr Kaufpreis bei stolzen 125 Dollar lag.

Paul Auster ist, was sein Schreibgerät angeht, viel weniger diskret als sein literarischer Vorfahr. Gemeinsam mit dem amerikanischen Maler Sam Messer hat er seine Olympia-Schreibmaschine zur Heldin eines kleinen Buches gemacht, das gleich zweierlei verdeutlicht: eine grundlegende Skepsis des Autoren gegenüber dem Computer und eine fast obsessive Hingabe an die Schrift.

Die Abneigung gegen digitale Medien kennt man auch von anderen US-Schriftstellern, am wortmächtigsten von Austers Kollegen Don DeLillo, der in seinem Roman "Mao II" gleich ein ganzes Kunstgespräch um die Wahl des richtigen Schreibutensils strickte. Da versucht ein Professor einen Schriftsteller vom Gebrauch des Computers zu überzeugen, was der aber am Ende mit einem wunderbar lakonischen Vergleich quittiert: "Ich bin ein Satz-Bäcker, wie ein Donutbäcker, nur langsamer."

Kreative Kreaturen

Schreiben, verstanden als Handarbeit und Ausdruck des Körpers, diese Vorstellung bestimmt auch Austers Hommage an seine Olympia. "Sie fasste sich gut an", so der Autor über die Maschine, auf der er seit 1974 alle Texte verfasst, "sie schien unzerstörbar". Als sein kleiner Sohn 1979 den Wagenrücklaufhebel abbrach, wurde das Gerät liebevoll gesund gepflegt. "An der Stelle ist jetzt eine kleine Narbe, aber die Operation verlief erfolgreich."

Während seine Freunde auf PC oder Mac umgestiegen seien, habe er als "letzter Heide in einer Welt voller digitaler Konvertiten" die Stellung gehalten. "Jetzt, da sie zu einer gefährdeten Spezies geworden war, zu einer der letzten überlebenden Gerätschaften des homo scriptorus, begann ich eine gewisse Zuneigung zu ihr zu empfinden."

Die Maschine als Organismus, den man pflegen, ja liebkosen muss, das klingt nach einer Science-Fiction-Idee. Tatsächlich sehen die Bilder, die die kleine Erzählung illustrieren, aus wie futuristische Objekte, halb Apparat, halb Kreatur. "Sam hat von meiner Schreibmaschine Besitz ergriffen", merkt Auster ein wenig eifersüchtig an, "ganz allmählich hat er einen leblosen Gegenstand zu einem Wesen mit Persönlichkeit und Ausstrahlung gemacht."

Literatur? Selbstredend!

Das sich vom Autor emanzipierende Schreibgerät ist auch ein Bild für eine bestimmte Art, über Sprache zu denken. Wenn Austers/Messers beseelte Maschine "Launen und Wünsche" hat und selbständig "Wut und ausgelassene Freude" ausdrücken kann, dann ist damit auch der literarische Prozess selbst gemeint. Dessen Dynamik hat der Schriftsteller nie vollständig unter Kontrolle, oft ist er nicht Souverän der Bedeutungen seines Textes, sondern nur deren Vermittler.

Die Idee vom Autor, der seinem Material ausgeliefert ist, taucht in Austers Werk immer wieder auf - ob ein Notizbuch langsam die Realität verschlingt ("Die New York Trilogie"), mit dem Ende eines Briefes auch die Welt ausgelöscht wird ("Im Land der letzten Dinge") oder Autoren sich ganz in der Biografie eines anderen verlieren ("Leviathan").

Messers Maschinenporträts vermitteln etwas von der Gefräßigkeit des Textes, der seinen Verfasser überwältigt. Sie wirken wie Ungetüme der Kreativität, die kaum zu zähmen sind. Konsequent also, wenn der Maler den Schriftsteller nicht als feurigen Literaturdesperado à la Twain, sondern als von Buchstaben umschwirrten Künstler zeigt. Der hat zwar ein Händchen für die Sprache - aber nicht mehr das letzte Wort.


Paul Auster, Sam Messer: "Die Geschichte meiner Schreibmaschine", Rowohlt, 62 Seiten, 16,90 Euro


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