• Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.02.2006
 

"Sakrileg"-Plagiatsprozess

Hat Dan Brown abgeschrieben?

Dan-Brown-Fans finden den Vorwurf ungeheuerlich: Ihr Idol soll seinen Welthit "Sakrileg" abgeschrieben haben. Der in London beginnende Plagiatsprozess wird auch in Hollywood mit Bangen verfolgt - schließlich könnte sich der Start des 93-Millionen-Dollar-Films zum Buch verzögern.

London - Der Stargast ist ein scheuer Multimillionär. Das altehrwürdige Gericht, vor dem Dan Brown aussagen soll, passt gut zu den Schauplätzen seines Thrillers "Sakrileg". Der Royal High Court in London, 1882 von Königin Viktoria eingeweiht, ist ein Paradebeispiel für Bemühungen von Architekten um die Wiederbelebung der Gotik. Rund tausend Räume gibt es im Obersten Zivilgericht Englands. Auf einen davon konzentriert sich an diesem Montag nicht nur das Interesse von Brown- Lesern in aller Welt.

Audrey Tatou und Tom Hanks in "The Da Vinci Code": Gesamte Architektur geklaut?
Zur Großansicht
DPA

Audrey Tatou und Tom Hanks in "The Da Vinci Code": Gesamte Architektur geklaut?

Hoch bezahlte Rechtsexperten von Buchverlagen und der Filmindustrie verfolgen das Geschehen - genauso wie PR-Berater der katholischen Kirche, die Dan Brown nichts sehnlicher wünschen als eine fürchterliche Blamage. Hat der Bestseller-Autor schamlos abgeschrieben? Muss sein Welthit "Sakrileg" aus den Buchhandlungen entfernt werden? Darf die Verfilmung des weltweit 48 Millionen Mal verkauften Thrillers mit dem Originaltitel "The Da Vinci Code" etwa gar nicht in die Kinos kommen?

"Ja", würde die Antwort auf alle diese Fragen lauten, wenn es nach dem Willen von drei Männern ginge. Sie hatten sich schon vor rund einem Vierteljahrhundert in einem Sachbuch mit der später von Brown profitabel vermarkteten These beschäftigt: Jesus zeugte mit Maria Magdalena ein Kind und gründete damit eine Erblinie, die bis in unsere Zeit von der katholischen Obrigkeit skrupellos bekämpft wird.

Nach Angaben der Londoner "Times" verlangen die Kläger mindestens 10 Millionen Pfund (fast 15 Millionen Euro) dafür, dass sie ihre Vorwürfe der Verletzung von Urheberrechten aufgeben. Andernfalls wollen sie einen Bann für Browns "Da Vinci Code" sowie den Film in Großbritannien durchsetzen. Einem solchen Präzedenzfall könnten Millionen schwere Prozesse in anderen Ländern folgen.

Die Kläger sind für Freunde esoterischer Spannung keine Unbekannten: Michael Baigent aus Neuseeland und der Amerikaner Richard Leigh. Zusammen mit dem Engländer Henry Lincoln, der sich aus gesundheitlichen Gründen der Klage nicht anschloss, hatten sie 1982 das Sachbuch "The Holy Blood and the Holy Grail" veröffentlicht. Nun behaupten Baigent und Leigh, dass ihre Grundstory einer kirchlichen Verschwörung, ja die "gesamte Architektur" ihres Buches einfach für Browns Buch übernommen und zu einem Thriller ausgebaut wurde.

Die Londoner Verhandlung ist nicht der erste Versuch, mit solchen Vorwürfen Millionen herauszuschlagen. Besonders beachtet wird das Verfahren wohl auch, weil es die Weltpremiere des auf dem Buch basierenden Hollywoodfilms mit Tom Hanks in der Hauptrolle bei den Filmfestspielen in Cannes Mitte Mai überschatten könnte. Vor allem aber, weil der Gerichtssaal zur Bühne für den amtierenden König des Genres Religionskrimi wird.

Ausgerechnet der öffentlichkeitsscheue Dan Brown, der nur noch in Privatjets reist, weil er bei Linienflügen ständig um Autogramme gebeten wurde, soll vor laufenden Kameras aussagen. Allerdings wird der Autor, der mit seinen Büchern umgerechnet schon 300 Millionen Euro verdiente, keineswegs als Angeklagter vor Gericht stehen. Er wurde als Zeuge im Verfahren "Baigent versus Random House" geladen. Nach englischem Recht ist "Plagiat" durch eine Person nicht justiziabel. Die Klage richtet sich deshalb gegen Browns Verlag Random House.

Dessen Anwälte argumentieren, der Schriftsteller habe für "Sakrileg" legal eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen verwendet. Baigent und Leigh führen ins Feld, Brown habe in erster Linie ihr Jesus-Buch "ausgeschlachtet". Er habe in "Sakrileg" sogar übermütig auf seine Hauptquelle aufmerksam gemacht. So sei der Charakter Leigh Teabing eine Anspielung auf die Männer, die jetzt als Kläger auftreten: Leigh stehe für Richard Leigh, Teabing sei eines der von Brown so gern verwendeten Anagramme und stehe für Baigent.

Thomas Burmeister, dpa

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP