Neue Bücher im März
Leichenspieler und Liebesbegeisterte
Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im März - rezensiert vom KulturSPIEGEL.
BELLETRISTIK
Judith Kuckart: "Kaiserstraße".
DuMont Literatur Verlag, Köln; 316 S.; 19,90 Euro. Ab 9.3.
"Wer arm ist und ein Stipendium für das Schulgeld kriegt, hat gar nichts zu melden, gar nichts, Böwe, verstanden." Es ist dieser Satz seines Sportlehrers, der Leo Böwes Leben schon 1957 aus dem Gleis springen lässt, noch bevor es richtig begonnen hat. Aus Trotz und Stolz verlässt er die Schule vor dem Abitur, heiratet Liz, wird Waschmaschinenvertreter und Vater einer Tochter. Jule. Die Schriftstellerin Judith Kuckart, 46, erzählt das Leben der Kleinfamilie Böwe durch vier Jahrzehnte hindurch und verwebt es mit der Geschichte der Bundesrepublik. "Kaiserstraße" ist ein beglückendes und unperfektes Buch. Ein bisschen ist es wie seine Heldin Jule: klug, spröde, liebenswert. Manche Passagen sind grandios schief gegangen, vor allem jene, in denen sich bundesrepublikanische Geschichte mit der Fiktion überschneidet. Das macht aber nichts. Denn das Buch ist auch voller lebenskluger Sätze, es lässt einen spüren, wie schwer es ist, älter zu werden und Träume platzen zu sehen. Mit großer Milde schreibt Kuckart über die Strapaze, glücklich sein zu wollen.
CLAUDIA VOIGT
David Nicholls: "Ewig Zweiter".
Aus dem Englischen von Simone Jacob. Kein & Aber, Zürich; 384 Seiten; 19,90 Euro.
Am besten ist Stephen C. McQueen darin, Leichen zu spielen: "Sorgfältig durchdacht und subtil dargestellt" sind seine stummen Rollen. Seinen Lebensunterhalt verdient der Mittdreißiger jedoch in einem Londoner Theater als Zweitbesetzung für den Star Josh Harper, den zwölftsexiesten Mann der Welt. Wenn Harper mal ausfällt, so hofft McQueen, ist der Moment für den großen Durchbruch gekommen, der im Grunde seit 15 Jahren kurz bevorsteht. Die Beziehung zur prominenten Erstbesetzung gestaltet sich noch tragischer, als McQueen sich in Harpers schöne Frau Nora verliebt. Witzig, kurzweilig und intelligent beschreibt der britische TV-Serienautor David Nicholls den tragischen Selbstbetrug, der McQueen am Leben hält - und vom Leben abhält. Kein Wunder, dass Nicholls so tiefe Einsichten hat: Er war selbst mal Schauspieler.
MARIANNE WELLERSHOFF
Arnon Grünberg: "Gnadenfrist".
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Diogenes Verlag, Zürich; 160 S.; 17,90 Euro. Ab 28.2.
Ein exotischer Wohnort, ein respektabler Job, zwei artige Töchter und eine nette Gattin: Süß und ein bisschen leer ist das Diplomatenleben, das der gut aussehende Niederländer Jean Baptist Warnke im peruanischen Lima mit seiner Familie genießt - bis eines Tages eine geheimnisvolle junge Frau sein hübsch austariertes kleines Glück ins Wanken bringt. Der Schriftsteller Arnon Grünberg, 35, durch Romane wie "Phantomschmerz" bekannt als hochbegabter Tausendsassa der niederländischen Literatur, erzählt in seinem neuen Buch eine Verblendungsstory im Geiste von Graham Greenes "Der stille Amerikaner". Manchmal führt der Autor seinen liebesbegeisterten Helden ein bisschen zu sehr als ahnungslosen Tollpatsch vor, doch das macht er durch rasantes Tempo und bösen Witz lässig wett. Bis der Diplomat Warnke spät und unsanft aus seinem Rausch erwacht.
WOLFGANG HÖBEL
Candace Bushnell: "Lipstick Jungle".
Aus dem Amerikanischen von Marlies Ruß. Marion von Schröder, Berlin; 544 Seiten; 19,95 Euro.
Den Frauen, die dienstags während "Sex and the City" immer ihr Handy abgeschaltet hatten und die ansonsten Tag für Tag versuchen, Job, Kinder, Beziehung und Shopping irgendwie in ihrem 17-Stunden-Tag unterzukriegen, ist es vermutlich egal, ob dieses Buch in die Kategorie "Literatur" fällt. Denn Candace Bushnell, die Erfinderin von "Sex and the City", liefert mit "Lipstick Jungle" den Stoff, auf den alle Carrie-Süchtigen gewartet haben. Im Mittelpunkt stehen diesmal drei New Yorker Erfolgsfrauen um die vierzig, Freundinnen natürlich. Die Modedesignerin Victory hat Probleme damit, dass ihr Typ noch mehr verdient als sie, die Filmproduzentin Wendy hat drei Kinder und einen unzufriedenen Hausmann, und Nico, Chefin des Style-Magazins "Bonfire", hat eine intakte Kleinfamilie und eine Affäre. Alles sehr amüsant und entspannend. Die Verfilmung ist schon in Arbeit.
ANKE DÜRR
SACHBUCH
Duccio Canestrini: "Schießen Sie nicht auf den Touristen!"
Aus dem Italienischen von Sabine Schulz. Diaphanes Verlag, Zürich und Berlin; 176 Seiten; 14,90 Euro.
Wird ein sorgloser Badeurlaub in den Tropen bald nur noch hinter Mauern und Stacheldraht möglich sein? Sind "Schlaraffendörfer", hermetisch von den bettelarmen Einheimischen isoliert, die logische Folge des globalen Massentourismus? Dieses amüsant geschriebene - und elegant übersetzte - Büchlein belegt an vielen Beispielen die ganze Absurdität eines Millionenmarkt es, der postkoloniale Vorurteile bedenkenlos stärkt und oft gar das perfekt geplante, völlig angstfreie Abenteuer verspricht. Gewiss: Kein denkender Fernreisender kann der moralischen Geiselnahme durch die Übel der Welt entgehen; auch Patentrezepte gegen verdummenden Exotismus gibt es nicht. Aber mit etwas weniger überwachter "Airbag-Kultur" und etwas mehr Misstrauen vor konfektionierter Entspannung (deren schaurigen Prototyp schon die NS-Urlaubskaserne Prora auf Rügen lieferte) wäre in der schönen neuen Welt des Tourismus schon viel erreicht. Canestrinis Buchessay setzt das dazu nötige produktive Grübeln in Gang.
JOHANNES SALTZWEDEL
HÖRBUCH
Philippe Dubath: "Zidane und ich. Brief eines Fußballspielers an seine Frau".
Tacheles/Roof Music, Bochum; 1 CD, 70 Min., 17,90 Euro.
Es ist eine seltsame Diskussion, die im Feuilleton geführt wird. "Fußball ist Literatur", sagen die einen, "Fußball ist toterzählt", die anderen. Die Wahrheit: Natürlich kann man über Fußball schreiben, man braucht nur eine Idee. Philippe Dubath hat diesen Brief an seine Frau Nanon schon 2001 verfasst. Er erzählt von dem missbrauchten Kind, das er selber war und das in allen Jugendmannschaften auf der Bank saß. Als er aufs Feld durfte, trat der Vater die Zigarette aus und ging, denn der Junge spielte nicht gut genug. Aber er liebt Fußball, er liebt Doppelpässe und jedes Tor, so "vergeblich, weil vergänglich", und ab und zu ist selbst einer wie Dubath ein bisschen Zidane. Seit Nick Hornby schrieb keiner so klug und zart über Fußball; so traurig und liebevoll wie Matthias Brandt kann kein Klinsmann und kein Ballack und schon gar kein Zidane darüber sprechen.
KLAUS BRINKBÄUMER
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