• Drucken
  • Senden
  • Feedback
21.03.2006
 

Chinas Bestseller-Autor Jiang

Wolf im Schafspelz

Von Jürgen Kremb, Peking

Ganz China rätselt, wer den vieldiskutierten Millionenseller "Wolfstotem" geschrieben hat. Ausländische Verlage zahlen bereits Rekordgagen für die Rechte. SPIEGEL ONLINE weiß, wer sich hinter dem geheimnisvollen Pseudonym Jiang Rong verbirgt: ein bekannter Dissident.

Sind wir nun Wölfe oder doch nur Schafe? Nein, das ist nicht der missglücke Einstieg zu einer tiefenpsychologischen Analyse der nicht enden wollenden deutschen Weinerlichkeit. Es ist die Frage, die Chinas geschichtsbesessene Leseratten, kritische Intellektuelle und wachstumstrunkene Industriemagnaten derzeit mit Feuereifer diskutieren.

Bestseller "Wolfstotem": Chinesen als willenlose Lämmer 
Zur Großansicht

Bestseller "Wolfstotem": Chinesen als willenlose Lämmer 

Denn die Han-Chinesen, das Mehrheitsvolk der Volksrepublik China, sind eine ziemlich folgsame Herde von Schafen, die von der Wildheit mongolischer Wölfe lernen müssten. Das jedenfalls ist die Kernthese des 650 Seiten dicken Wälzers "Wolfstotem", der in der Volksrepublik China derzeit alle Verkaufsrekorde bricht. Nach der Mao-Bibel gab es wohl kein Druckerzeugnis mehr, das so viele Leser in den Bann zog wie dieses Buch. Seit es im April 2004 erschien, räumte der unbekannte Autor, der nur unter dem Pseudonym Jiang Rong bekannt ist, mit der kruden Melange aus Tiergeschichte, ethnologischer Betrachtung des mongolischen Graslandes und Autobiografie zehn Literaturpreise ab. Radio Pekings edelste Sprechstimmen trugen zur "Goldzeit", der Hauptsendezeit, die zwölfteilige Hör-CD vor. Rund vier Millionen Bände kursieren inzwischen im Land.

Das sind Erfolgsgeschichten, wie sie die KP gern hört. Denn jetzt reißen sich sogar ausländische Verlage um die Film- und Übersetzungsrechte der Pekinger Wolfssaga. Ein Herausgeber aus Tokio berappte allein für die Comicrechte 300.000 Dollar. Peter Jackson, Regisseur des Kassenschlagers "Herr der Ringe" hat zugesagt, bei der Verfilmung mitzuhelfen, die 2008 zu den Olympischen Spielen in Peking in die Kinos kommen soll - zeitgleich übrigens mit der englischen Übersetzung bei Penguin Books, die Anfang September für den chinesischen Rekordvorschuss von 100.000 Dollar verhökert wurde. Auch die Bertelsmann-Tochter Random House hat für die deutschsprachigen Rechte 20.000 Euro vorab gewährt.

Trotz aller Erfolgszahlen gibt es ein Problem: Jiang Rong lässt sich nicht vermarkten, weder von ausländischen Verlagen und schon gar nicht vom kommunistischen Propagandaapparat. Denn der ältere Herr, der mit seinem Erstlingswerk einen Bestseller landete, ist kein Wolfscharakter. Scheu und zurückhaltend wie ein Pandabär sitzt der 60-jährige Autor auf einem Rattanschemel in seinem Bambusgarten im Pekinger Westen.

Vom Dissidenten zum Schriftsteller

"Fotos?" - nein, nur zur Erinnerung, nicht zum Abdruck. "Ich hasse den Rummel. Schon beim Schreiben habe ich fast einen Herzinfarkt gekriegt." Die Theaterrechte hat er gar verschenkt. Ein Gräuel wäre ihm der Auftritt bei der Premiere gewesen. Nur fünf Leute - inklusive seiner Frau - wissen, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Zum bisher ersten deutschen Interview wird SPIEGEL ONLINE von dem Wissenschaftler einer großen Hauptstadtuniversität in sein Haus eingeladen.

Chinesischen Reportern offenbart der Autor bisher nicht seine wahre Identität, deshalb verzichtet auch SPIEGEL ONLINE darauf, seinen Namen preiszugeben. Unter seinem richtigen Namen hätte er Chinas Zensur nie passiert. Denn nach den Studentenunruhen und dem Tienanmen-Massaker vom 4. Juni 1989 saß Autor Jiang knapp zwei Jahre in Haft. Bis heute darf der Intellektuelle nicht mehr unterrichten, bekommt keinen Reisepass und darf das Land nicht verlassen.

Die KP bezichtigte Jiang, zu einem Kreis von Dissidenten gehört zu haben, die im Frühjahr 1989 Chinas Kommunisten auf einen demokratischen Reformweg bringen wollten. Ihr Vergehen: Sie träumten vom dritten Weg, der friedlichen Genesis der KPCh in eine sozialdemokratische Partei.

Entsprechend vorsichtig begann er mit der Produktion des Buches. Vor knapp sechs Jahren registrierte seine Frau, selbst eine Größe in der chinesischen Kulturszene, seltsame Verhaltensweisen bei ihrem Mann, die sie zunächst als Altersschrulle einstufte. "Irgendwann fing er an, sich täglich in sein Arbeitszimmer einzuschließen, und erzählte nicht mehr, was er dort treibt."

Auf sechs Quadratmetern, hinter einer erdrückenden Bücherwand verschanzt, trieb der Politologe Selbsteinkehr, gemischt mit Studien über Verhaltensforschung, Ökologie und der Geschichte des mongolischen Graslandes. Das Ergebnis ist eine Art chinesischer Wolfstanz, die Autobiografie eines jungen Chinesen, der versucht mit den Wölfen zu leben.

Das Leben der Bestie

Im kommunistischen Peking Mao Zedongs aufgewachsen, entzog sich Jiang Rong 1968 dem Irrsinn der Kulturrevolution und meldete sich freiwillig zum Arbeitseinsatz ins mongolische Grasland, wo er zunächst bei einer Nomadenfamilie untergebracht wurde.

Als er eines Tages den Rat des Clanchefs missachtete und ziellos in der Wildnis herumstromerte, geriet er unversehens in das Jagdgebiet eines Wolfrudels. In einer Mischung aus Todesangst und Faszination beobachtet der junge Mann, wie die Raubtiere eine Herde Wildschafe so geschickt über eine Klippe in den Tod treiben, dass die Kadaver in einer Erdhöhle wie "tiefgefroren" den Winter über als Nahrungsreserve für das Rudel erhalten blieb.

Jiang ist fasziniert und beginnt fortan das Leben der Bestie zu studieren. Hollywoodreif ist sein tragisch-melancholischer Versuch, ein Jungtier zu domestizieren, nur um feststellen zu müssen, dass er die kluge Bestie damit umbringt. Aber zur ätzenden Gesellschaftskritik wird das Buch erst, als er beschreibt, wie Soldaten aus der Hauptstadt in der Steppe ankommen und die mongolischen Nomaden zur Aufgabe ihrer naturnahen Lebensweise zwingen. Jiang muss die Uniformierten zur Wolfsjagd begleiten, was in einem blutigen Ausrottungsgemetzel gipfelt.   

Je mehr Soldaten kommen, desto mehr Wölfe werden gejagt. Die Besiedlung durch die Chinesen bringt - ähnlich wie in Tibet - auch für die intakte Naturlandschaft der Inneren Mongolei eine Umweltkatastrophe: Chinesische Siedler verwandeln die Grassteppe in Ackerland. Aber ohne Wölfe brechen Rattenplagen aus, Wildschafe fressen die Weiden kahl. Sandstürme aus der Mongolei fegen über Peking bis nach Seoul. Dies ist längst keine Parabel mehr, sondern jedes Frühjahr bittere Wirklichkeit und ein Beispiel dafür, welche schweren Folgen Chinas ungelenkter Wirtschaftswachstumswahn auch für seine Nachbarländer bringen wird.

Ideologische Missverständnisse

Doch mit dieser bedrückenden Aussicht lässt der begnadete Erzähler seine Leser nicht allein. An das Ende seines Buches packt der Gelehrte ein 60-seitiges Konvolut, das einheimische Literaturkritiker an das Buch "Huang Shan" erinnert. Das war jener kulturkritische Sammelband, von Chinas führenden Intellektuellen verfasst, der 1989 das ideologische Unterfutter zur Studentenrevolte lieferte.

Jiangs These: Han-Chinesen seien zu geduldigen Lämmern verkommen, die jede Führung akzeptieren, anstatt wie Wölfe die Gestaltung ihrer Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Doch das kann auch missverstanden werden. Kai Strittmatter fand in der "Süddeutschen Zeitung", Jiangs Buch bilde das ideologische Gerüst für eine Lateinamerikanisierung Chinas, der Umwandlung der kommunistischen Herrschaft in ein faschistoides Staatswesen. Unfug, sagt der Autor und verweist auf seine Biografie als kritischer Linksintellektueller.

Doch seit dem Erscheinen von "Wolfstotem" beschäftigen sich mindestens vier Ratgeberbücher für Chinas Managementelite mit der gleichen Fragestellung: "Wie kann China mit der Wolfsstrategie noch erfolgreicher werden?" Und die Regierung ließ über die Propagandaabteilung des ZK verlautbaren, Mitglieder des mächtigen Politbüros hätten das Wolfstotem studiert und es als "bedeutendes Werk" anerkannt.

Das war allerdings, bevor die Staatssicherheit in einem streng vertraulichen Dossier an Chinas Staatsspitze meldete, wer der chinesische Wolfstänzer ist. Danach erging eine Anweisung an alle Verlage des Landes, dass Autoren in Zukunft nur dann noch unter einem Pseudonym veröffentlichen dürfen, wenn der Zensurbehörde vorher die wahre Identität des Schreibers und dessen genauer politischer Hintergrund bekannt sind. Um Jiang Rongs Erfolg zu stoppen, kam die Anweisung zu spät.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP