Von Anke Dürr
Freitag, 9 Uhr, Schloss Hohentübingen, Fürstenzimmer. Zweiter Tag des Blockseminars. Juliane Kokott sitzt, vor sich einen roten Ordner, an der Stirnseite des Raumes, eingerahmt von den beiden Kollegen und einem Experten, der im juristischen Dienst der EU-Kommission arbeitet. Er wird gleich einen Vortrag über Schutzmaßnahmen der Europäischen Gemeinschaften am Beispiel Lachsimport halten.
Frau Professor Kokott trägt einen Anzug mit ausgestellten Ärmeln, der aus der Ferne hellgrau wirkt, bei näherem Hinsehen aber weiß mit einem feinen schwarzen Muster ist, darunter ein sehr buntes Shirt. Für eine Juristin ist sie ziemlich gewagt gekleidet.
Der Vortrag beginnt, die Studenten – acht Männer, sieben Frauen – hören aufmerksam zu. Der Experte erklärt erst mal, um welchen Lachs es geht: Es gibt atlantischen und pazifischen, gezüchteten und wilden Lachs… Die chinesische Doktorandin links vorne versucht unauffällig, die Begriffe in ihrem Wörterbuch zu finden.
Juliane Kokott hat ihren Kopf in die rechte Hand gestützt. Ihre Augen sind halb geschlossen, während sie zuhört. Hätte sie eine Riege von Imageberatern wie Frau Merkel, würden die ihr wahrscheinlich raten, die aschblonden Haare aufzuhellen, sie anders zu frisieren, damit die voller wirken, und die Augen durch geschickte Schminktechnik "optisch zu vergrößern". Zum Schluss etwas Rouge und Lippenstift, gegen die Blässe. Aber dann müsste Juliane Kokott morgens noch früher aufstehen.
Nach dem Vortrag folgen drei Studenten, die ihre Doktorarbeiten vorstellen, und beim dritten Referat, es ist jetzt elf Uhr vormittags, nickt Juliane Kokott kurz ein. Sie macht das sehr geschickt, den Kopf noch immer in die Hand gestützt, die Augen hinter ihrer ovalen Brille halb verborgen. Und schon nach wenigen Momenten ist sie wieder da und stellt dem Doktoranden noch eine kritische Frage.
Gegen halb eins ist das Seminar vorbei, eine Stunde später als geplant. Juliane Kokott geht mit ihren Kollegen noch zum Italiener.
14 Uhr 30, Abfahrt in Tübingen. Kaum auf der Autobahn, gerät der Dienstwagen in einen Stau. Die Heimfahrt dauert schließlich doppelt so lang wie geplant. Juliane Kokott scheint sich darüber keine Sekunde zu ärgern, sie scheint es nicht einmal wahrzunehmen. Zu Hause wartet mitten am Tag niemand auf sie, die Kinder gehen ihren verschiedenen Aktivitäten nach. Sie erzählt vom geplanten Urlaub auf Korsika – alle acht, zwei Wochen lang, das Haus hat sie bei der morgendlichen Lektüre in der Zeitung entdeckt – und liest noch in einer Akte.
Gegen halb sechs hält der BMW schließlich vor ihrem zweistöckigen weißen Haus. Es wirkt schon von außen freundlich, solide und stabil, ein echtes Familienhaus. Tatsächlich ist es für die Kinder ein wichtiger Fixpunkt in einem Leben, das auch von ihnen viel Flexibilität erfordert. Es ist ihr Zuhause seit 1996, durch das Pendeln hat Juliane Kokott den Kindern Umzüge erspart.
Sie geht durch den Vorgarten, die wenigen Stufen hoch, ins Haus hinein. Alles ist ruhig. "Mal wieder alle unterwegs", sagt sie. Aus der Küche kommt ihr die Kinderfrau entgegen. "Die Mädchen sind bei den Nachbarskindern, Justus schläft oben", berichtet sie.
Juliane Kokott geht gleich in ihr Schlafzimmer hoch. Da liegt der Kleine auf dem Rücken, mitten auf dem großen Ehebett, alle viere von sich gestreckt. Wer so schläft, hat Vertrauen in die Welt. Juliane Kokott lächelt.
Sie zieht sich um, kommt wenig später wieder herunter, den Kleinen auf dem Arm, der inzwischen aufgewacht ist und frisch gewickelt von der Mama. Er guckt zufrieden. Das ändert sich auch nicht, als sie ihn dem Kindermädchen übergibt. "Ich gehe dann mal meine EMails anschauen", sagt Juliane Kokott, "hier werde ich ja im Moment nicht gebraucht."
Wenn man eines von ihr lernen kann, dann ist das: Prioritäten setzen. Tunnelblick. Die trockene Wäsche, die auf der Heizung im Wohnzimmer liegt, einfach ignorieren.
Ohne ihre Arbeit wäre Juliane Kokott ein unglücklicher Mensch. Und wahrscheinlich braucht es die Kraft von sechs Kindern, um sie überhaupt gelegentlich aus ihren komplizierten juristischen Gedankengebäuden herauszuzerren, in den Alltag hinein.
Eine halbe Stunde später kommt sie wieder herunter aus ihrem Arbeitszimmer im ersten Stock. Die Mädchen tauchen auf, umarmen die Mutter kurz und stürmisch und laufen dann wieder zu ihren Freunden nebenan.
Sie haben dort auch schon zu Abend gegessen. Juliane Kokott schaut in den Kühlschrank. Er ist leerer als der eines Singlehaushalts. Ob ihr Mann heute in seiner Mittagspause eingekauft hat? Keiner weiß es, das Kindermädchen hat schon versucht, ihn zu erreichen, aber er ist in einer Sitzung. Juliane Kokott bleibt gelassen, die Tanzstunde, zu der sie heute noch mit ihrem Mann will, beginnt erst um 21 Uhr.
Gegen sieben, zur üblichen Abendessenszeit, tauchen Jakob, der Älteste, und der zwölfjährige David auf. Juliane Kokott schickt Jakob einkaufen, wenigstens ein bisschen Brot und Käse, nach kurzem Murren geht er.
David soll Klavier üben, aber er findet angeblich seine Noten nicht. Juliane Kokott bleibt noch immer gelassen. Schließlich setzt sie sich an den Biergartentisch draußen im Garten, das Baby auf dem Arm. Das Kindermädchen hat jetzt frei. Jakob ist mit dem Brot und dem Käse zurück und setzt sich dazu.
Als er so alt war wie Justus heute, war er mit ihr in Harvard. Jetzt ist er fast achtzehn, trägt Baggy-Pants, macht gerade seinen Führerschein und nächstes Jahr Abitur. Außerdem ist er Schulsprecher.
Klingt alles ganz normal, aber man weiß natürlich noch nicht, was aus ihm wird. Wird er Bundeskanzler? Oder Hausmann? Überzeugter Single oder viermal heiraten? So oder so wird es Leute geben, die seinen Lebenslauf mit der Prägung durch sein Elternhaus erklären werden. Wie viele Kinder er wohl mal haben wird?
Nach dem dritten Kind, damals war er sechs, habe Jakob gedroht: "Wenn noch eins kommt, zieh ich aus!", erzählt Juliane Kokott lachend. Er selbst kann sich nicht mehr daran erinnern und sieht das heute auch anders, sagt er. Im Vorbeigehen kriegt Justus auch von ihm eine Streicheleinheit.
Was ihn als Kind am meisten genervt hat an diesem Familienleben, das so anders war als das seiner Schulfreunde? Er habe vor allem die Hortkinder beneidet, sagt Justus. "Die durften nachmittags auf dem Schulhof Fußball spielen, ich nicht. Aus versicherungstechnischen Gründen." Auf ihn wartete zu Hause das Kindermädchen mit den jüngeren Geschwistern.
Um acht ist Juliane Kokotts Mann noch immer nicht zu Hause. Sie wird nicht nervös. Er wird schon kommen. Es scheint viel Vertrauen und Toleranz in ihrer Ehe vorhanden zu sein, sie spricht auffällig häufig von "wir", wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Kein einziges Mal äußert sie sich abfällig oder auch nur distanzierend über ihren Mann.
Tatsächlich schaffen sie es an diesem Abend noch, pünktlich um 21 Uhr beim Tanzkurs zu sein.
Am nächsten Morgen um elf ist fast die ganze Familie bei der Premiere des "Grusicals". Marie, die Siebenjährige, spielt in dieser Schulaufführung ein Gespenst und hat am Abend zuvor noch einmal besorgt gefragt, ob nun auch wirklich alle eine Eintrittskarte haben.
Nach der Vorstellung kommt Juliane Kokott mit dem Klassenlehrer ins Gespräch. Er erzählt ihr, dass er und seine Frau, ebenfalls Lehrerin, den neunjährigen Sohn nie von einer dritten Person betreuen lassen, auch nicht, wenn sie zweimal im Jahr gleichzeitig Zeugniskonferenz haben. Die Erziehung eines Kindes sei schließlich etwas höchst Persönliches, das dürfe man keinesfalls aus der Hand geben.
Juliane Kokott macht ihr undurchschaubares Gesicht dazu und schweigt.
*Die Namen der Kinder und ihrer Betreuerinnen wurden geändert.
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